Rezension: „Meteorologie für Segelflieger“ von Henry Blum

Die Gemeinde der Segelflieger ist durchaus ein merkwürdiges Volk. Allein die Gewohnheit, an freien Tagen von früh bis spät in engen Kapseln durch die Luft zu tanzen, deutet auf eine ausgeprägte Verhaltensstörung hin – und dazu tun wir das noch mit solch einer felsenfesten Überzeugung, ja Besessenheit, dass es schier unmöglich ist, einen Flieger in den Grundfesten seiner Weltanschauung zu erschüttern. Was er weiß, das weiß er, und was er gesehen hat, das kennt er: Die Technik, die Taktik, die Strategie, das Wetter. In einem viele hundert oder gar tausend Flugstunden lang gereiften Erfahrungsschatz gibt es für den gemeinen Segelflieger nicht viel Unbekanntes – und das ist ja auch erst mal gut so.

Henry Blum und die Thermik

Umso erstaunlicher fand ich, was der Baden-Württembergische Segelfluglehrer Henry Blum im Jahr 2013 erreicht hat: Er veröffentlichte eine Artikelserie im Magazin „Segelfliegen“ über ein ganz normales, schnödes Thema: Thermik. Doch was passierte, war alles andere als normal: Ein Raunen ging durch die deutschsprachige Segelfluggemeinde! Mit seinen leicht verständlichen Texten brachte Blum die Thermik – das alltäglichste, durchgekauteste und vermeintlich am besten verstandene Phänomen des Segelfluges – wieder ganz oben in die Diskussionen. Was da stand, war aufregend, ein bisschen provokant und dennoch völlig hieb- und stichfest. In einer Reihe von Artikeln marschierte er wie mit der Abrissbirne durch alles, was wir Segelflieger so über unsere wohlbekannten Aufwinde zu wissen glaubten. Ich musste ein Jahr lang mehrmals wild in den Artikeln blättern, um zu verstehen, wie wenig ich eigentlich vorher über die Thermik gewusst hatte, die ich im Sommer fast täglich nutze – und was für neue Welten sich dabei für mein Gedankenmodell von Wolken, Strömungen und Energie in der Luft auftaten.

Als ich erfuhr, dass Henry daran arbeitete, seine Ausführungen über die Thermik schließlich in einem Buch zu veröffentlichen, wurde ich natürlich sofort neugierig und nahm Kontakt mit dem Verlag auf. Wenige Wochen später fand ich ein Rezensionsexemplar in meinem Briefkasten.

Blum

Inhalt des Buches

„Meteorologie für Segelflieger“, erschienen Ende 2014 im Motorbuch Verlag (Stuttgart) ist viel mehr als eine Sammlung der Inhalte, die schon im Magazin erschienen sind. Es gliedert sichüber 254 Seiten grob gesagt in einen Thermik-Teil und einen Wetterlagen-Teil.

Im ersten Teil des Buches räumt Henry Blum mit einigen falschen Grundannahmen auf, die jeder Segelflieger „mit der Muttermilch“ eingesogen hat. Beispielsweise enthüllt er, dass die Luft schon in einer Höhe von wenigen hundert Metern überall gleich warm ist, egal ob im Aufwind oder außerhalb! Völlig neue Blickwinkel erschließen sich dadurch, dass die Feuchtigkeit als wichtiger, bisher komplett verkannter Parameter für den Antrieb der Thermikströmungen vorgestellt wird. Außerdem liefert Blum einen Erklärungsansatz dafür, warum manche Aufwinde so unterschiedlich stark sind, und erläutert, wie wir häufig vollkommen falsch mit den Begriffen „labil“ und „stabil“ umgehen.

Später nimmt das Buch die Eigenschaften verschiedener Luftmassen genauer unter die Lupe und liefert die erste für mich plausible Erklärung dafür, warum wir Kaltluft oft als zuverlässiger und Warmluft als „blubberiger“ und schwieriger empfinden. Auch altbekannte Einflüsse, die eine Luftmasse „stabilisieren“ oder „labilisieren“ können, werden genau aufgeschlüsselt und das Wirkungsprinzip erklärt.

Der erste Teil des Buches geht auf weitere Phänomene ein, die sich erst mithilfe der Feuchtigkeit erklären lassen, die in Blums Theorie ganz neue Bedeutung gewonnen hat: Was passiert bei Konvergenzen und Wolkenstraßen? Warum ist Wolkenthermik meist besser als Blauthermik? Wie wirkt der Wind auf solche Systeme ein?

Abgeschlossen wird Teil 1 durch einen kurzen Exkurs in die Thermik des Hochgebirges. Hier merkt man, dass der Autor sich auf etwas dünneres Eis wagen muss – entsprechend schlicht fällt dieses Kapitel auch aus. Es ist aber auch definitiv nicht Aufgabe des Buches, diesen in sich hochkomplexen Fachbereich „noch schnell“ abzudecken.

Im zweiten Teil des Werkes liegt der Fokus nicht mehr auf der Thermik und deren Mechanismen im Detail, sondern auf Wetterlagen und deren Bedeutung für den Segelflug. Dabei werden zuerst die wichtigsten „Zutaten“ für gute Thermikwetterlagen erklärt.

Mit diesem Handwerkszeug analysiert der Autor dann einige geschichtsträchtige 1000-km-Wetterlagen über Mitteleuropa und erläutert, wie es zu solchen Bedingungen kommen konnte.

Ein weiterer Fokus liegt auf möglichen Störfaktoren, die eine noch so gute Luftmasse oder eine noch so günstig gelegene synoptische Situation zu einem schlechten Flugtag umwandeln können, und wie sich diese am besten einschätzen lassen. Gerade in diesen Kapiteln spricht Blum aus seiner Erfahrung als langjähriger Meteorologe auf Segelflugwettbewerben, wo auch kleinere Wetterfenster sinnvoll genutzt werden wollen.

Kritik

Ich hätte niemals gedacht, über ein so abgenutztes und allgegenwärtiges Thema wie die Thermik (über die man als Segelflieger durch den alltäglichen Kontakt schon wirklich alles zu wissen glaubt!) noch so viele erstaunliche Dinge lernen zu können. Seit ich das Buch gelesen habe und seither immer wieder in der Hand halte, sehe ich die Thermik tatsächlich mit etwas anderen Augen.

Viele mögen sich nun fragen, was denn solch ein erweitertes Wissen für die Praxis wirklich bringt. Schließlich ist es egal, ob es die Temperatur oder die Feuchtigkeit ist, die die Luft nach oben hebt – Hauptsache, es steigt! Ich sehe das anders, denn ich denke, dass es nur durch ein möglichst tiefgreifendes Verständnis der Vorgänge in der Atmosphäre möglich ist, in schwierigen Situationen intuitiv richtig zu entscheiden. Einen solchen Wissensvorsprung kann man sich durch „ausprobieren“, also reine Empirie, durchaus aneignen und dadurch zu einem genauso erfolgreichen Streckenflieger werden. Der kürzere, effektivere und letztlich auch sicherere Weg führt allerdings immer darüber, das Hintergrundwissen fachlich zu untermauern – und eine solche Möglichkeit bietet Henry Blum ohne viel „Fachchinesisch“ und unverständliche Formulierungen.

Dieser leicht verdauliche Stil wirkt allerdings auf Leser, die Wert auf literarische Qualität legen, manchmal definitiv etwas zu salopp und achtlos. Henry nimmt es mir sicher nicht übel, wenn ich behaupte, dass so manche missglückte Formulierung und zahlreiche holprige Satzkonstruktionen sowie viele zähe Wiederholungen einzelner Ausdrücke sich vor allem deshalb eingeschlichen haben, weil der Drang, einfach so vieles erklären und erzählen zu wollen, oftmals ein bisschen überwog. Auch manches Beispiel oder eingeschobene Anekdoten machen bisweilen einen etwas unbeholfenen Eindruck.

So wie mir als Sprach-Pedant fielen solche Unachtsamkeiten übrigens auch einem Meteorologen auf, mit dem ich über das Buch gesprochen habe: Er monierte z.B., dass an manchen Stellen Wetterkarten gezeigt wurden, die teils mehrere Tage im Voraus für den fraglichen Termin berechnet worden waren, anstatt einfach die aktuelle Analysekarte dieses Zeitpunktes zu verwenden – Dinge, die mich persönlich wenig stören, die jedoch auch in dieses Bild passen.

Resümee

Natürlich muss man herausstellen, dass Henry Blum kein Prophet ist, der uns die Weisheiten original von ganz oben bringt. Große Teile des Inhaltes waren – wenn auch vielleicht nicht in diesem Umfang – in der Wissenschaft schon viel früher bekannt und veröffentlicht. Aber eben nur dort!

So ist beispielsweise die Tatsache, dass die Thermik ab einer gewissen Höhe nur durch unterschiedliche relative Feuchte ihren Auftrieb erhält, schon seit mehr als 20 Jahren erwiesen.

Dennoch ist Henry der erste Autor, der solchen Fakten in der allgemeinen Literatur eine angemessen hohe Bedeutung beimisst. Die Schlüsse, die er aus dieser Erkenntnis zieht und mit anderen Teilbereichen der Thermik- und Wetterkunde verknüpft, empfinde ich als sensationell hilfreich.

Meiner Auffassung nach ist Henry Blums „Meteorologie für Segelflieger“ damit der wichtigste Meilenstein seit Jahren für die speziell auf diese Sportart ausgerichtete Wetterkunde. Eine wertvolle und fortschrittliche Lektüre für alle aktiven und werdenden Segelflugpiloten – vor allem, wenn sie mehr Wert auf den Inhalt als auf den sprachlichen und strukturellen Rahmen legen.

Ich möchte Henry Blum’s Thermiktheorie nicht mehr missen und freue mich umso mehr darauf, mit neuer Rüstung in die neue Saison zu starten.

Blum2

– Benjamin Bachmaier

2 Kommentare zu “Rezension: „Meteorologie für Segelflieger“ von Henry Blum

  1. Hallo Benjamin,

    viele der beschriebenen Phänomene erklärte schon Dietrich Knapp in seinen beiden 1985 erschienenen Heften „Grundlagen der Wetterkunde für Piloten“ Teil 1 und Teil 2. Herausgeber ist der Baden-Württembergische Luftfahrtverband. Ich kann Dir die beiden Hefte sehr empfehlen.

    Viele Grüße und eine gute Saison 2016,
    Ludwig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s