Das Matterhorn-Projekt

Mein Großvater war ein verblüffender Mann. „Der Pu“, wie er in unserer Familie schlicht immer genannt wurde (niemand konnte so ganz genau sagen warum), hatte in seiner Zeit auf Erden vieles erlebt – Gutes und Schlimmes, Zufälliges und Gemachtes, Großes und Kleines.

Ich erinnere mich an seine Geschichte vom Matterhorn, die er mir einmal erzählt hatte, als ich noch ein Kind war. In Zermatt sind sie gewesen, den Nordostgrat (das ist die Normalroute, der sicherste Weg auf den Gipfel) wollten sie nehmen. Dann aber müssen sie einer jungen Dame, der Bäckerin im Dorf, begegnet sein, die ihnen ausgerechnet erzählt hat, erst gestern den „Hörnligrat“ bis zum Gipfel gegangen zu sein. Das mache sie ganz häufig, so wie es ein Zermatter Mädel eben einfach tut. Die Begegnung ging ihnen nicht mehr aus dem Kopf. Wenn jetzt schon die Mädchen den Hörnligrat nehmen, dann gehen wir natürlich anders.

Wie mein Großvater und sein Kumpane, die beiden jungen Männer, dann also durch die haarsträubende Ostwand steigen mussten, wo jegliche Katastrophe vorprogrammiert war, mit mangelhaften Hanfseilen und unzureichender Vorbereitung, wo man sich eigentlich nur an die Stirn fassen kann, das kann ich im Detail gar nicht mehr rezitieren. Oben waren sie dann jedenfalls. Und nicht auf dem Weg, den sogar die Bäckerin aus Zermatt gehen konnte. So war er, der Pu.

Vor einigen Jahren ist der Pu gestorben. Mir ist erst danach klar geworden, dass ich die Chance, ihn noch einmal nach seiner Matterhorn-Geschichte zu fragen, für immer verloren habe.

Vielleicht war es auch deswegen, dass ich im Winter des frühen Jahres 2016 beschlossen habe, meine eigene Geschichte vom Matterhorn zu machen. Ganz ohne Bäckerin, auch ohne dass mir in der Ostwand das Seil ausgeht, aber dafür eben mit meinen eigenen Mitteln.


So kam es, dass ich in dieser Zeit zum ersten Mal seit Jahren wieder anfing, neue Berge auswendig zu lernen. Von Süden her hatte ich den „Mont Cervin“, wie man das Horn auf der französischen Seite nennt, schon ein paarmal aus der Nähe sehen dürfen – der Anflug aus der Provence über die Maurienne und das italienische Aostatal ist anspruchsvoll, aber mit etwa 200 Kilometern Abstand relativ kurz. Er wird an guten Sommertagen fast täglich beflogen. Aus der Perspektive von „zu Hause“ am Nordrand der Ostalpen hingegen ist es fast doppelt so weit dorthin. Der Weg war für mich bis dahin nur ein großer weißer Fleck auf der Karte, in den ich mich noch nie richtig hinein getraut hatte.

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Es gab recht vieles, was ich nach mehreren tausend Stunden Gebirgsflug in allerlei Flugzeugen und von allerlei Startplätzen aus zu wissen glaubte. Ich fand, dass in den Alpen zwischen Wien und Nizza schon fast jede Falle einmal über mir zugeschnappt war. Ich bin schon am hellichten Tag in Mittersil bei den Kühen gelandet, habe am Rande der Dolomiten die herrlichsten Dreiecke vergeigt, kenne unfreiwillig das gesamte Inntal von der Quelle bis zum Ausgang unter Hanghöhe. Ich weiß wie es ist, wenn einen die Hagelgewitter zwischen Sisteron und Saint Auban plötzlich hinunter auf ein rauhes Lavendelfeld zwingen. Ich kenne die tote Luft von Modane und den verkehrten Wind vom Maloja. Die harte Schule des Alpensegelfluges hat mich lernen lassen, was immer ich nur wissen und ausprobieren wollte. Es war an der Zeit, die letzte Lücke zu schließen, die Brücke zwischen den Ost- und den Westalpen zu schlagen. Eventuell der schwierigste Flug der Alpen: Aus Bayern zum Matterhorn und zurück.

Ich fragte viele Leute um Hilfe. Die offenste Unterstützung kam, wie so oft, vor allem direkt aus der Schweiz. Yves Gerster erklärte mir alle Details rund um das sagenhafte Hochalpengebiet der Walliser Alpen. Wo oftmals ein „Schlauch“ zu finden sei. Wie man notfalls an den Flugplätzen an der Rhône die „Volte“ zu fliegen habe. Wie man insbesondere im schwierigen Mattertal unter Grathöhe zurechtkommt. „Und unter Grat wirst da jedenfalls sein. Den Dom hat selten einer von oben gesehen.“

Das Wallis an sich erschien mir nach einiger Zeit mit Yves und den Karten eher ein mentales als ein orographisches oder meteorologisches Problem. Es ist halt einfach verflucht weit entfernt. Aber welche Wege dort hin führen, wie man aus Deutschland, Österreich, ins Hinter- oder Vorderrheintal, über Andermatt und Ambri und den Furkapass fliegen kann – das fand ich auch nach ewigen Diskussionen und Recherchen sehr unübersichtlich. San Bernardino, Oberalbstock, Gotthard, Nufenen, Simplonpass. Beim Blick auf die Karte ergibt sich einfach keine eindeutige Streckenführung. Denkt man erst an die Luftmassengrenzen und die feuchten Strömungen, die von den vielen Seen im Norden und Süden hereingeführt werden, dann ist es ganz vorbei.

Der Weg zum Matterhorn war mir unheimlich. Ich wusste, dass ein Haufen Arbeit vor mir lag. Ich studierte alle Flugaufzeichnungen, die meinem Beuteschema entsprachen: Mittags aus dem Oberinntal nach Westen zum Vorder- oder Hinterrhein, weiter ins Wallis, und am späten Nachmittag wieder zurück. Schunk hat das in den frühen 2000ern einmal mit der LS8 geschafft – ein deutscher Rekord, welcher danach von Lengauer (ebenfalls LS8) gebrochen wurde. Seine Bestmarke besteht in der Standardklasse bis heute. Beide haben die Traverse vom Rhein zur Rhône über eine unscharf definierte Route knapp nördlich des Alpenhauptkammes gelöst, allerdings bei ausnahmsweise sehr hoher Basis. Manche Flüge nahmen auch den Umweg noch weiter nördlich in Kauf, um den Südhängen der langen Täler folgen zu können. Arne Neumayr hingegen flog 2011 mit seiner LS8/18m auf einer viel südlicheren Route sogar am Matterhorn vorbei bis in den Süden des Aostatals. Die meisten Flüge, die ich sonst auf dieser Route sah, gerieten allerdings im Tessin irgendwann in eine Sackgasse, die wahrscheinlich der feuchten, heißen, dunstigen Luft aus der italienischen Ebene geschuldet ist.

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Es war noch in diesem Frühling, dass ich eine herrliche Reliefkarte aus den alten Beständen von Thomas Wolf bekam und sie prompt über meinem Bett aufstellte. Das erste, was ich morgens sah, war nun das Aostatal, und ging ich abends schlafen, so mussten meine Augen zuerst noch über den Furkapass. Wie so oft beginnen die großen Abenteuer im Kopf, noch viele Monate bevor es wirklich auf die Reise geht.


Auf den ersten Flügen des Jahres 2016 zog es mich regelmäßig in den Westen, viel weiter und viel häufiger als sonst. Im April überquerte ich den Flüelapass hinüber ins Tal von Klosters, wo Maria und ich uns zwei Jahre vorher schon einmal grandios in die Nesseln gesetzt hatten. Seither war mir der Hinterrhein stets unsympatisch. Wie immer empfing mich ein rasanter Basissprung nach unten, der noch dazu von eisigen Schneeschauern durchzogen war. Durch die Schatten gelangte ich dennoch ohne Probleme bis zum Aroser Rothorn, welches die einzige orographisch sinnvolle Verlängerung aus dem Unterengadin genau nach Westen bildet. Die Wichtigkeit dieser Route wurde mir erst einige Wochen später bewusst, als ich probierte, weiter südlich aus dem verlockenden Oberengadin nach Westen an den Hinterrhein auszubrechen, wo die Wolkenbasis stets viel höher zu bleiben scheint als im Klosterstal. Ich fand die Umwege und zu überfliegenden Hürden dabei gravierend schlimmer als angenommen und halte seither ein flüssiges Durchkommen mit einem Clubklasseflugzeug nicht für machbar. In meiner weiteren Planung verloren also das Oberengadin und die von dort aus nach Westen führenden Julier- und Albulapässe an Bedeutung, so dass tatsächlich der Weg über den Flüelapass und das Aroser Rothorn – trotz des immer wieder erschreckenden Basissprunges um bis zu 1000 Meter nach unten – als beste Alternative übrig blieb.

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Im Mai bekam ich zweimal die Möglichkeit, bei schwacher Südströmung lange Jojo-Flüge entlang der Alpennordseite zu unternehmen. Jeweils bemühte ich mich, den Schenkel nach Westen bis über den sinnvoll erreichbaren Punkt hinaus auszudehnen. Dabei bot sich einmal das Paznauntal an, um ins Churer Becken zum Rhein zu springen, was aber wie so oft in einer Sackgasse endete, von der aus sich die gut entwickelte Route im hohen Gelände weiter südlich einfach nicht erreichen ließ.

Ein andermal war es der Arlbergpass, der mich ins Montafon und von dort aus auf die Nordseite des Vorderrheintals brachte – aufgrund des schlechten Einflusses vom Bodensee her ist das nur bei Südwind sinnvoll. Entlang des Vorderrheins bis zum Oberalppass kam ich schließlich in der sehr feuchten Luft auf keinen grünen Zweig und an eine Passquerung war mangels guter Aufwinde nicht zu denken, doch es war nützlich, auch einmal diese Variante gesehen zu haben.

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Nach diesen Erfahrungen hatte ich irgendwann im Juni das Gefühl, dass mich am Rhein nicht mehr viel überraschen kann. Der nächste Schritt – weiter ins Rhônetal – erforderte genau den richtigen Tag. Es war der 23. Juni, der es mich versuchen ließ. Erstmals programmierte ich vorsichtshalber auch tatsächlich meinen ausgesuchten Wendepunkt am Matterhorn in den Logger.

Es war einer dieser trockenen, warmen Tage, in denen die Nordalpen zäh beginnen und dann am Nachmittag nur für wenige Stunden ganz gut werden. Das ist wohl der Preis, den wir für großflächige, ungestörte Wetterräume bezahlen, ohne dass uns eine hereinziehende Front beengt oder die Gewitter das Spiel zu früh verderben. Es nützt einem der zweitlängste Tag des Jahres nicht viel, wenn man erst um zwölf Uhr starten kann. Immerhin brachte mich die Blauthermik innerhalb von zwei Stunden zum Aroser Rothorn, und diesmal stand es mir offen, weiter nach Westen zu den ersten Cumuluswolken des Tages zu fliegen. Schon nach der ersten Querung, am Piz Beverin, geriet ich in Schwierigkeiten, doch mit Geduld konnte ich dem schwach definierten und noch tief verschneiten Hauptkamm weiter nach Westen folgen. Wenig später überflog ich zum ersten Mal den Oberalppass. Die trockene Luft machte die Sicht gestochen scharf, so dass ich von hier aus schon sehr früh einen Blick über den Furkapass ins Wallis werfen konnte. Die Cumuluswolken hatten wieder aufgehört, aber es war erst viertel nach drei – noch genug Zeit für Experimente. Wie könnte ich widerstehen? Ein langer, gezielter Gleitflug reichte knapp über den Furka.

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Selbst unter normalen Flugbedingungen hätte ich wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt, an dieser Stelle klar zu denken. In der relativ niedrigen Blauthermik – sie reichte heute im Wallis kaum bis 3200 m – überwältigte mich das plötzliche Angesicht der Giganten vollends. Auch wenn ich die meisten von ihnen aus den Karten und Bildern erkannte, war alles neu für mich. Zum ersten Mal sah ich die Eisriesen von Bern: Mittelhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn, Mönch. Unten an der Rhône lagen die beiden Landepisten von Ulrichen und Münster. Weiter vorn die Stadt Brig, und hoch darüber im Hintergrund, am Ende des abzweigenden Stichtales knapp 70 Kilometer entfernt, ragte das Matterhorn als unwirkliche Spitze aus dem flachen Dunst des Nachmittages heraus. Wie automatisch folgte ich der Nordseite des Wallis über eine unscheinbare Querrippe weiter nach Westen. Dahinter wurde alles weiß.

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Ich brauchte ein paar Sekunden. Dies musste der Aletschgletscher sein, der größte Eismassenfluss der Alpen. In meinen knapp 3000 m konnte ich am Jungfraumassiv nach oben sehen, wo der Gletscher mehr als tausend Meter über mir entsprang, und auf der anderen Seite reichte die Zunge nochmals über tausend Meter abwärts in Richtung Tal. Bestimmt eine Minute lang war ich unfähig, den Blick von den Formen, den Felsen und den Eismassen zu nehmen, zwischen die ich so kurzerhand geraten war, und die mich bald einzuschließen drohten. Oberes Wallis, 15:45 Uhr, Blauthermik. 300 Kilometer bis nach Hause. 60 km bis zum Matterhorn. Mir dämmerte, dass es Zeit war, eine Entscheidung zu treffen.

Im Bann der höchsten Berge, zwischen denen ich je geflogen war, konnte ich froh um die Zahlen sein, die mir in diesem Fall die Wahl sehr leicht machten: Flieg zurück, solange du noch kannst. Auf dem Rückweg wird jede Minute kostbar. Morgen ist die Höhenluft etwas labiler – vielleicht ist heute noch nicht der beste Tag. Ich riss mich los, drehte und peilte zurück, flach über den Furka, auf das unbeschreibliche Dickicht aus Eis und Stein. Es galt nun, die Route ein zweites Mal zu lösen.

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Drei Stunden später kreiste ich in 4100 m Höhe über Sölden, unter der letzten Cumuluswolke des Tages, auf ein sehr knappes Plus nach Königsdorf. Es ist selten, dass man mit einem Clubklasseflugzeug einmal hundert Kilometer am Stück gleiten kann, doch so haben wohl auch die stabilen, zähen, heißen Junitage in den Ostalpen am Ende ihre gewissen Vorzüge.


Knapp 24 Stunden später öffnete mir eine alte Dame mit faltiger Stirn, weißen Haaren und hellen Augen die Tür. „Sie sind also vom Himmel gefallen“, sagte sie. Ich musste mich bemühen, den starken Dialekt zu verstehen. „Ja, sozusagen“, lachte ich. Sie musterte mich freundlich, wie ich tropfend nass aus dem Regen herein stapfte, mit unordentlicher Kleidung und verwuschelten Haaren. „Normalerweise übernachten immer die Fallschirmspringer bei mir. Aber Sie sind heute aus Deutschland herüber gesegelt, nicht wahr? Was bringt Sie denn nach Vorarlberg?“

Während sie mir mein Zimmer zeigte und sich nach meinen Frühstücksgewohnheiten erkundigte, erzählte ich ihr meine Geschichte. Mir war egal, dass das meiste für sie wahrscheinlich wie chinesisch klang. Sie war spürbar froh, in ihrer kleinen Pension ein wenig Abwechslung zu erfahren, und ich brauchte sowieso jemanden zum Reden. Ich erzählte ihr, wie Robert und ich in der Früh nach dem Ausklinken fast in der Jachenau abgesoffen wären. Wie wir in vierhundert Metern über der Wiese an einem Grasbuckel einen miesen Nullschieber ausgegraben haben. Wie dann die komische Stemme ohne Flarm angeschossen kam und uns, die LS1 und den Cirrus, fast zur Landung herausgedrängt hätte. Wie wir es dann doch irgendwie ins Hochgebirge geschafft haben. Wie wir uns im Unterengadin getrennt haben, weil es mich schon wieder nach Westen zog. Wie ich wieder tricksen musste, um im Vorderrheintal weiter zu kommen. Ich erzählte, wie der Furkapass viel einfacher zu queren war als gestern, und dass es sogar Cumuluswolken im Wallis gab. Wie der Eingang zum Mattertal genau so zu bewältigen war, wie Yves es beschrieben hatte (man darf keine Angst haben, unter Hang zu kreisen, denn man wird sowieso nicht über Hang fliegen können). Wie ich mit zitternden Händen das Tal zur Nordwand des Matterhorns querte, und wie ich schließlich um 15:45 den Wendepunkt meiner Träume umrundete, mit immer besserem Wetter nach Südwesten. Ich zitterte immer noch. Ich erzählte, dass ich locker nach Südfrankreich bis an die Mittelmeerküste hätte weiter fliegen können, aber dass ich ja morgen Fluglehrerdienst hätte und daher wie geplant den Rückweg antrat.

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„Und dann hat’s Gwitter Sie derwischt“, folgerte die alte Dame, die die ganze Zeit aufgeregt zugehört hatte. Draußen donnerte es immer noch gelegentlich. Vor nunmehr vier Stunden, hoch über dem Hinterrhein, war mir klar geworden, dass ich Königsdorf heute nicht mehr sehen würde: Blitze am Julierpass. Starkregen am Albula. Eine riesige schwarze Wand am Flüela. Gut 70 km Schatten bis zum Arlbergpass. Ich klapperte alle Optionen in Ruhe ab, ließ mich zuerst nach Bad Ragaz zurückfallen, konnte dort im Nichts nochmal tausend Höhenmeter gewinnen, um schließlich einen letzten, spannend knappen Gleitflug zum Flugplatz Hohenems, hinaus zum Bodensee zu machen.

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So endete auch der zweite Versuch des Matterhornfluges nicht nach Plan – und ich hatte nicht einmal eine Zahnbürste dabei.


Die Anzahl der guten Flugtage im nördlichen Alpenraum ist sehr begrenzt. Manchmal vergehen zwei Jahre ohne eine wirklich störungsfreie Wetterlage. Auch im weiteren Sommer 2016 zeigten sich die Berge von ihrer schwierigen Seite: Entweder kaum Bewegung in der heißen Blauthermik, oder Gewitter schon am frühen Nachmittag. Dass man mit der Gewitterneigung im breiten Fluggebiet der Ostalpen meistens irgendwie umgehen kann, hatte ich gelernt, aber nun wusste ich auch, dass dies in den Westalpen anders ist: Dort ist der Wetterraum nicht groß genug, um eine zentral entstandene Überentwicklung sinnvoll zu umfliegen. Seither versuche ich, Flüge in den weiten Westen schon bei geringer Schauer- und Gewitterneigung möglichst zu vermeiden.

So sollte es einen heißen halben Sommer, einen kalten Winter und einen verschneiten Frühling dauern, und dann noch einen ganzen Mai lang. Die ersten guten Alpenwetterlagen des Jahres 2017 vergingen, während ich zusammen mit Wolli Beyer die deutsche Nationalmannschaft der Frauen in Tschechien durch eine ungeheuer spannende Weltmeisterschaft führte. Mir machte das nichts aus: Ich wusste, ich brauche nur noch einen Tag. Ich kenne den Weg, ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Gebt mir nur einen Tag.

Er kam fast genau ein Jahr nach meinen ersten beiden Versuchen. Ein strahlend heller Sonnwendmorgen, an dem die Berge sich so klar gegen den Himmel abzeichneten wie auf einem Gemälde. Es war seit Tagen heiß (ich hatte auch nicht im stickigen Matratzenlager übernachtet, sondern im Discus-Anhänger), aber die Labilität und Feuchtigkeit lagen genau im richtigen Maß, um einen dritten Versuch zu wagen. Klar, heute könnte man bestimmt tausend Kilometer in den Ostalpen versuchen. Aber ich hatte noch eine Rechnung im Westen offen. „Heute hole ich das Matterhorn!“, rief ich, als ich die 710 km Zielrückkehrstrecke zum inzwischen dritten Mal in den Logger programmierte.


Wenn ich heute an meinen Matterhornflug am 22. Juni 2017 zurückdenke, dann wundere ich mich, warum Flüge dieser Art nicht häufiger gemacht werden. Denn mit der richtigen Vorbereitung und genügend Konzentration stecken in den meisten Wetterlagen viel größere Möglichkeiten, als man annimmt, wenn man nachts mit schweren Fingern über die Landkarte tappt.

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Für mich war es an diesem Tag fast nichts besonderes mehr, aus dem Unterengadin nach Westen abzubiegen. Dass es zwischen dem Aroser Rothorn und dem Nufenenpass eigentlich nur einen einzigen richtigen Aufwind gab, dem ich an der Cervreila – beginnend tief unten im Hangflug – über 1300 Höhenmeter entlockte, fand ich seltsam, aber nicht weiter beklagenswert. Immerhin löste es das Problem, das mich bei den vorherigen Flügen immer am meisten irritiert hatte: Wie komme ich fehlerfrei am Vorderrhein vorbei? Als ich in der schwachen, zwischen tiefen Wolkenfetzen versteckten Thermik am Gotthard dann schließlich die Höhe aufbaute, um zum nun insgesamt dritten Mal den Furka nach Westen zu überfliegen, ging mir Julia Engelmanns Mantra durch den Kopf – „Lasst uns Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen“. Von diesem Moment an war Abdrehen zu keinem Zeitpunkt eine Option mehr.

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Das Wallis sah nicht gut aus. Es gab kaum Cumuluswolken, einige Abschirmungen aus Stratus, aber ich war nun eben nicht 280 Kilometer weit hierher geflogen, um auf der Zielgeraden wieder einmal die Nerven zu verlieren.
Dieses Mal war ich relativ ruhig, als ich mich zwischen die Eisriesen hinein fallen ließ. Am Blinnenhorn erreichte ich ohne großen Kampf 3800 Meter Höhe, ich querte das Gantertal, das Nanxtal, Saas-Fee, und mit einem langen Gleitflug bei zunehmend schlechter Sicht musste ich bis um die Ecke am Mattertaleingang einbiegen, um endlich schemenhaft das Matterhorn inmitten einer chaotischen Wolkenoptik zu sehen. „Da bin ich wieder“, flüsterte ich, während ich versuchte, auf dem Weg nach Süden nicht zu weit unter die Westflanke des Dom abzusinken.

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In einem der Eiskanäle konnte ich schließlich auf fast 4000 Meter steigen – immer noch tief unter den Graten, aber hoch genug, um (jetzt war es mir doch ein wenig aufregend) zum Wendepunkt an der Nordwestwand des Horns zu fliegen. Das Matterhorn stand, vom Theodulpass her halb in Wolken gehüllt, hoch über dem seltsam weiß-blauen Himmel, der im Hintergrund Italien und Frankreich mit Schatten und Sonne überdeckte. Ich musste kurz an den Pu denken, der dieses Schauspiel damals sogar oben vom Gipfel aus gesehen hatte. Und mir fangen hier daneben schon wegen ein paar Stratuswolken die Hände zu zittern an…

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Wendepunkt: 15:10 Uhr. 35 Minuten vor dem Timeout. Heute bringen wir es heim. Ab diesem Zeitpunkt sind Zielrückkehrflüge strategisch sehr, sehr einfach: Etwas anderes als nach Hause zu kommen kann man sowieso nicht machen.

Wie erwartet half mir die Erfahrung vom Hinflug, das teils abgeschattete Wallis auf dem Rückweg schneller du durchqueren als zuvor. Am Nufenenpass nahm ich nochmal die maximale Höhe mit, da es ja zuvor auf dem 100 Kilometer langen Stück zwischen Oberalp und Aroser Rothorn nur einen sinnvollen Bart gegeben hatte. Immer wieder schaute ich nervös zwischen den unregelmäßigen Cumuli vorbei, ob sich wieder ein Gewitter in den Weg stellte. Argwöhnisch schaute ich querab nach Disentis, wo ein einzelner Regenschauer waberte, der mein Deja-Vú weiter anfachte: Hinter jeder Rippe, die ich am Vorderrein überflog, und nach jeder Wolkenbank, durch die ich mich in der stetig absinkenden Basis in Rìchtung Chur mogelte, erwartete ich den ersten Gewitterturm.

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Ich glaubte es erst, als ich um 17:10 Uhr über den Flüelapass zurück ins Engadin sprang, und einige Zeit später am Piz Nuna vorbei in Richtung Landeck blicken konnte. Die abendliche Luft an den Nordwesthängen des Engadin war turbulent, anstrengend, aber voller Energie. Wie oft war ich auf dieser Route von Samedan her schon nach Hause geflogen? Bis zum Kaunergrat hielt ich in 3000 Metern meine Höhe – das ist weniger anstrengend, als in der quirligen, dünnen Luft das Kurbeln zu versuchen – und holte mir erst am Kaunergrat eine Wolke, um ein Stockwerk höher zu steigen. Aus 4000 Metern lag der Sprung zum Acherkogel frei, und zwanzig Minuten später stieg ich kurz vor dem Kühtai in der schwachen Thermik ein letztes Mal bis an die Basis.

Der Endanflug gab mir 45 Minuten lang Zeit, um zu begreifen, dass ich heute – nach fast zwei Jahren der Entwicklung – den deutschen Klassenrekord der Zielrückkehrstrecke gebrochen habe.

2017-06-22 19.05.30


Das Matterhorn-Projekt war in meiner bisherigen Karriere im Leistungssegelflug mit Abstand der Flug, in den ich am meisten Arbeit gesteckt habe. Für mich hat sich das alles ganz besonders ausgezahlt. Nicht etwa, weil ich jetzt eine Urkunde mehr in der Schublade habe (ich weiß nicht einmal genau, wo die ist). Sondern, weil der weiße Fleck auf meiner Alpen-Landkarte nun mit bunten Erlebnissen, mit großen Emotionen, mit satten Bildern und mit klingenden Namen gefüllt ist. Und durchaus auch mit Ehrfurcht, und ein bisschen auch mit Angst. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag nervlich dazu imstande wäre, ohne Motor 350 Kilometer weit weg zu fliegen und nachzusehen, ob die Eisriesen mich heute begrüßen oder auslachen wollen.

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Aber es hat durchaus etwas für sich. Erst kürzlich war ich einmal wieder mit dem Segelflugzeug im Wallis. Nach wie vor hat die Route für mich viele Geheimnisse, mit denen ich nicht immer ganz geschickt umzugehen weiß. Doch das ist völlig in Ordnung so, denn wie sonst sollte ich begründen, dass ich zwei Jahre lang gebraucht habe, um schließlich meine eigene Geschichte vom Matterhorn zu schreiben.

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10 Kommentare zu “Das Matterhorn-Projekt

  1. Benni, es ist mal wieder phantastisch zu lesen, wie du deine Flüge erzählst. Aber du hast vergessen zu erwähnen, dass deine Infos im Funk sehr hilfreich waren für einige Piloten, an diesem Tag das Matterhorn zu erreichen. Beim Lesen konnte ich das Erlebnis noch einmal nachfliegen. Vielen Dank.

  2. Hallo Benjamin,

    das ist ein toller Bericht und würde sich (in kürzerer Version oder als Fortsetzungsgeschichte….) sicher auch für unser Magazin eignen.
    Wenn er nicht vorher schon überall bekannt ist….

    Ich versteh schon, dass ein gut gemachter Blog Spaß macht… aber statt Blog ab und zu ein Bericht für unser Magazin wäre doch klasse☺

    Viele Grüsse
    Brigitte

  3. Großartig, Benni! Fesselnde Literatur, atemberaubende Szenerie, beneidenswerte Flugkunst und erneuter Quell für die eigene Inspiration!

    Ich wünsche Dir noch viele dieser tollen Flüge und allen Lesern noch viele Deiner Erlebnisberichte.

    Mit Fliegergruß
    Gerhard

  4. Hallo Benni,
    Als Anfängerin ergibt sich für mich am Platz meist das Bild „Tagsüber sind sie alle weg; abends (fast) alle wieder da!“. Was dazwischen so passiert, wird abends im – für mich teilweise unverständlichen – Fachjargon zum Besten gegeben.
    Ich bin beeindruck wie lebendig und nachvollziehbar du diesen Bericht geschrieben hast – Danke für diesen faszinierenden und inspirierenden Aus- und Einblick für das Große & Ganze!!!
    Ich bin froh, so einen tollen und pflichtbewussten (ab nach Hause zum FL-Dienst 😉 Fluglehrer zu haben :o))
    Und was habe ich als aufmerksame Schülerin nun gelernt? Hab immer eine Zahnbürste dabei! Und vielleicht lassen sich mit Julia Engelmann unsere gemeinsamen Wartezeiten am Boden noch abwechslungsreicher gestalten.
    Ich freu mir,
    Liebe Grüße Annette

  5. Das Warten auf einen neuen Bericht war diesmal verdammt lang !
    Aber es hat sich gelohnt. Ich habe deine Erzählung verschlungen:-)
    Merci !
    Hans Wolfgang

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