Wir und unser Wind

Man könnte es durchaus so formulieren: Etwas Beruhigenderes als die anbrechende, spätsommerliche Morgendämmerung inmitten der südlichen Alpen der Provence gibt es gar nicht. Man muss sie erlebt haben, um ihr gerecht zu werden. Da herrscht eine Schwärze am Boden, die aus dem Tal heraus nach oben an den schattenhaften Wänden entlang unmerklich blauer wird, bis sich ganz oben die felsigen Spitzen gegen einen vorsichtig leuchtenden Himmel abzeichnen. Fast könnte es noch das Sternenlicht sein, das die Gipfel so sanft sichstbar macht, herab von den wenigen noch übrigen hellen Punkten, die nun von Minute zu Minute blasser werden, bis auch sie sich im Blau des beginnenden Tages nicht mehr halten können.

Die Luft ist, als hätte sie über Nacht ihre Zusammensetzung geändert, und sie schmeckt nach der durchdringenden Stille des Morgens. Außer ein paar vorbeifahrenden Autos unten im Tal – Töne wie aus einer anderen Welt, die das Bild gar nicht erst zu stören vermögen – ist absolut nichts zu hören. Nein, einen erhebenderen Genuss als die Ruhe der Morgendämmerung am Fuße des Pic de Bure, im Talkessel der Buech, wird man auf dieser Welt kaum finden.

Außer natürlich, wenn man ausgerechnet auf einen Orkan wartet.

Mit gehobenen Brauen verzog ich das Gesicht und rieb mir ausgiebig den Schlaf aus den Augen. Es war 05:45 Uhr, und irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Ich trat ein paar Schritte vor dem Zelt zurück, blickte nach Osten, nach Norden, nach Westen. Dann begann ich, mit der Zahnbürste unruhig auf dem Zeltplatz auf- und abzulaufen. Michi kam mir entgegen, Vincent steckte seinen Kopf aus dem Zelt. Ich versuchte so auszusehen, als hätte ich alles unter Kontrolle. „Ähm. Habt ihr irgendwo den… Wind… gesehen?“, versuchte ich es mit einem schiefen Grinsen. Vincent stolperte heraus. Wenn nicht so viel auf dem Spiel stünde (und wenn es nicht so verdammt früh wäre), ich wusste genau, dann wäre er jetzt in schallendes Gelächter ausgebrochen.

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„Bei Mistral ist es im Prinzip der einzige sichere Ort, in der Luft zu sein. Den Bodenwind hält man einfach nicht aus“, hatte ich ihnen tags zuvor erklärt. „Und wenn du mir auch nur einmal zuhören würdest“, ich sah Vincent durchdringend an, „Dann wüsstest du auch, warum“. Er blickte mit großen, blauen Augen zurück. „Es ist ein KALTER Wind“, sagte ich mit gebieterischer Stimme, und wir mussten beide laut lachen, so wie wir immer lachen, wenn wir gemeinsam etwas über das Segelfliegen lernen. „Der hat eine höhere Dichte als die warme Luft, die normalerweise in den Südalpen steht. Deshalb sinkt der Mistral immer sehr schnell bis in die Täler herunter, und in den Kanälen können bis zu 100 km/h Bodenwind entstehen – ganz im Gegensatz zum warmen Föhnwind, der den Talgrund wegen seiner geringen Dichte eigentlich so gut wie nie erreicht.“

Nach dem nächsten Wetter-Update hatte ich dann erst einmal vorgeschlagen, das gesamte Camp umzubauen, so dass alle Zelte im direkten Windschatten südlich der größten Baumreihe befestigt waren, die wir finden konnten. „Wird es wirklich so stark?“, fragten Sabine und Michi, halb zweifelnd, halb beunruhigt. „Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass alles, was am Boden nicht fest gemacht war, einfach weg
geflogen ist“, sagte ich. „Das Windprofil sieht extrem gut aus – zum Fliegen. Hier unten wird es echt unangenehm.“ Vincent nickte mit großen Augen und hämmerte lieber noch ein wenig fester auf seinen Zelthering ein.

Abends sagte ich: „Eigentlich braucht sich hier niemand einen Wecker zu stellen. Der Wind wird irgendwann nachts durchbrechen. Das wird so laut, dass sowieso keiner mehr schlafen kann.“


„Unterschätz mir diesen Sturm nicht“, sage ich nicht


Dann begannen wir, den Flug nochmal komplett durch zu gehen. Es war eigentlich ganz einfach. Ich hatte in den letzten Jahren fast jedes Mal, wenn ich im Frühjahr oder Herbst zum Training in Südfrankreich war, die Ehre gehabt. Der Mistral, dieser zauberhafte Nordwind, hatte mir alle seine Gesichter der Reihe nach gezeigt, und mich oft mitgenommen durch die kochende, wellende, energiegeladene Luft, mit der sich seine Gewalten zwischen Rhônetal und Po-Ebene im Hochgebirge entladen. Ich war schon an manchem Tag wie auf einer explosiven Kanonenkugel am Gipfel des Ventoux entlanggepfeffert, hatte mich gegen den Sturm nach vorne gepresst, von Talsprung zu Talsprung, war im Lee des Pic de Bure herumgeworfen worden wie ein machtloses Blatt Papier, um eine halbe Stunde später reglos, schwerelos, in 6000 Metern Höhe der König aller Welten zu sein. Ich war schon mehrmals, unversehens, verzweifelt vor dem Pas de la Cavale ins Valgaudemar hinabgestürzt, um mich tief unten an irgendeiner Flanke wieder zurück ins Freie hinaus zu retten, und hatte schon einmal, 2013, dem von Sturmwolken gepeitschten Gipfel des Gran Paradiso ins Auge geblickt. Das Fliegen im französischen und italienischen Mistral ist für mich – da einfach durch die Entfernung und Seltenheit noch weniger greifbar – das einzige, was mich ähnlich bewegt wie die heimatlichen Föhnstürme in Österreich und der Schweiz. Und was das mit mir macht, sollte inzwischen hinreichend bekannt sein.

Es war Zeit für den nächsten Versuch, dem ganzen endlich die Krone aufzusetzen. „Sechs Schenkel zwischen Merlú und Gran Paradiso“, hatte ich mit Vincent besprochen. Sunrise 07:03, Sunset 20:05. „Tausend Kilometer durch dreizehn Stunden – sonderlich schnell muss man eigentlich gar nicht sein“, sagte er. Ich hob eine Augenbraue. „Unterschätz mir diesen Sturm nicht. Fallen und Tücken überall. Die fressen die Zeit schneller auf, als du denkst!“, sagte ich nicht. Sein Blick – unvoreingenommen, optimistisch und wild entschlossen – belehrte mich eines Besseren. „Stimmt schon.“, hörte ich mich brummen. Es war seit mindestens einem Jahr nicht mehr ganz klar, wer von uns beiden der Meister war, und wer der Schüler.

06:05 Uhr. Das Wort „bedröppelt“ wurde für meinen Gemütszustand erfunden, als wir den aufgerüsteten Duo Discus zu viert rückwärts auf die Startbahn schieben. Etwas anderes, als trotz völliger Windstille die Flugzeuge aufzubauen, ist mir einfach nicht eingefallen. Da ich nicht weiß, was ich zu den anderen, die sich wahrscheinlich ähnlich fühlten, sagen soll, drehe ich mich einfach um und wandere über die Bahn, wo sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flugplatzes Serres gerade die Hallentore öffnen.


Klaus Ohlmann lacht, so wie Kinder eben lachen, wenn sie ein gutes Spiel entdeckt haben


Im gleißend hell erleuchteten Quo Vadis-Hangar zeichnet sich gegenüber der Morgenstimmung – es ist immer noch fast dunkel – die majestätische Silhouette der Stemme ab. Als ich näher komme, sehe ich die emsige Gestalt von Klaus Ohlmann kopfüber im Cockpit versenkt, so dass nur noch seine Beine nach oben aus dem Rumpf hervor ragen. Sobald ich ihn rufe, springt er auf und läuft ausgelassen auf mich zu. Er ist augenscheinlich sehr viel besser gelaunt als ich, strahlt über das ganze Gesicht und weist auf die Stemme – das Flaggschiff des Mountain Wave Project, mit dem er erst vor zwei Jahren als erster Segelflieger den Mount Everest überflogen hat.

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Klaus Ohlmann sprüht vor Aufregung und Tatendrang. Verschwörerisch beginnt er, mir seine Ideen für den Tag genau zu erklären, völlig offen, mit leuchtenden Augen, und ohne dass ich ihn darum bitten hätte müssen. Er lacht schelmisch. Kunstpause. Dann: „Ich hab 1500 Kilometer Zielrück ausgeschrieben!“ Meine Augen werden groß, und ich beginne zu lachen, vor Aufregung, vor Anspannung, vor Freude. Klaus lacht mit, laut und herzlich, so wie Kinder eben lachen, wenn sie ein gutes Spiel für sich entdeckt haben. Als es wieder still wird, wage ich es, meine Frage zu stellen. Ich schlucke. „Aber… Klaus… es ist völlig windstill!“

„Ja“, sagt er, so als ob es darüber nun wirklich nichts weiter zu besprechen gäbe. „Damit kann man umgehen. Sidonie und ich starten in 15 Minuten, sobald es hell genug ist. Du schaffst das!“ „Du auch“, rufe ich und drehe mich um.

Damit kann man umgehen, wenn man einen Motor hat, der dich zu einem beliebigen Abflugpunkt in einer fast beliebigen Höhe bringen kann. Klaus macht es richtig, schmunzle ich, bevor ich wieder damit beginne, über den Ernst der Lage nachzudenken. Und wie machen wir das? Wie kommen wir früh genug hinauf ins Windsystem, ohne einen Motor zu haben, und ohne mehrere hundert Euro für einen langen Schlepp auszugeben? Langsam trotte ich zu den anderen zurück, wo fragende Blicke mich erwarten.

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Sie allesamt besitzen das Feingefühl, keine zynischen Bemerkungen zu machen, als wir gemeinsam, halb fröstelnd, halb ratlos, und allem Anschein nach vollkommen sinnlos auf der Startbahn sitzen. Während all dieser Zeit hat sich der nordöstliche Horizont in ein gleißendes Hell verwandelt, das hoch oben bereits unwirklich scharfe Schatten auf ein sagenhaftes Meer von Lenticulariswolken schmeißt – traumhaft anzusehen, und doch nicht zu erreichen aus unserem dunklen Verlies, tief zwischen den Schatten, unten in der unerbittlichen, windstillen Talinversion der Buech.


Am Anfang ist es nichts weiter als Willenskraft


Unsere Fesseln zu sprengen, soll Vincent und mich noch geschlagene vier Stunden kosten. Die Startaufstellung verlassen und ins Camp zurück laufen: Nur mit viel Überwindung. Frühstücken: Der Fruchtriegel, der eigentlich als Belohnung für den Moment nach dem geglückten Einstieg ins Wellensystem vorgesehen war, bleibt mir fast im Hals stecken. Der Blick auf die Uhr: Immer noch kein Hauch von Wind, und im Hintergrund schauen die Lenticulariswolken fast schon höhnisch aus dem hohen Gelände auf uns herab.

Wir starten um kurz nach neun, über zwei Stunden nach Klaus‘ mutigem Abflug. Es ist zwar immer noch nicht besonders windig, aber erste Böen zeigen an, dass die Grundschicht der Atmosphäre langsam warm genug wird, um Bewegung zuzulassen.

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Am Anfang ist es nichts weiter als Willenskraft, die uns an der Nordwand des Arambre knapp unter der Höhe des spitzen, dreieckigen Gipfels leidlich in der Luft hält. Der erste Vorstoß in den Talkessel nach Aspres ist zum Scheitern verurteilt, denn die Luft fühlt sich so müde an wie schon am Boden. Aber als wir uns zwanzig Minuten später widerwillig zurück an den Ausklinkpunkt drängen lassen, und dabei gezwungenermaßen sehr niedrig über den Flugplatz Serres fliegen, erkennen wir am Boden das erste positive Zeichen des Tages. Der Windsack steht auf einmal horizontal. Es sind nur Minuten, in denen sich jetzt alles verändert: Von hinten treffen uns immer mehr harte und angenehme Böen, die Ground Speed zählt unaufhaltsam hoch. Sobald der Wind am Boden einmal durchgeschlagen hat, durchmischt sich die untere Schicht sofort mit den höheren Lagen. Bis die Inversion nicht mehr sicht- und spürbar ist, dauert es nur wenige Augenblicke, und wir können deutlich spüren, dass der schlafende Drache gerade aufgewacht ist. Der wackelige Tanz durch die plötzlich heftig werdenden Turbulenzen beginnt, doch Vincent und mir macht das nichts mehr aus. Einmal, als wir über Aspres zweihundert Meter in einem halben Kreis verlieren, wird mir kurz ein wenig anders, und Vincent sagt nicht viel. Aber wir drängen uns kontinuierlich nach Norden, bis wir die suggestiv hin- und herfahrenden Wolken über La Faurie endlich direkt vor uns haben. Kommt doch her, sagen sie. Traut euch. Wagt es nur…

Ich kann nicht sagen, dass ich es besonders genieße, diese Schlacht zu schlagen, in denen die Natur es einen so richtig eiskalt spüren lässt: Wie klein du doch bist, und wie niedlich du hier antrittst. Heute mal zwanzig Meter Spannweite! Stellst du dich diesmal wieder so lustig an? BÖE! Huch – hab ich dich etwa erschreckt?

Ich mag es nicht besonders, aber ich weiß es zu schätzen, dass ich gegen einen so starken Gegner antreten darf. Und mit der Zeit wirken die Hiebe und Schläge, die im Rotor auf uns einprasseln, auch nicht mehr ganz so demütigend und einschüchternd, wie in den ersten Jahren. Ich komme schon zurecht. Und eine weitere halbe Stunde später sind wir heroben.


Die richtige Böe zu erwischen, kann Ewigkeiten dauern. Aber irgendwann gelingt es


Es ist der Moment, in dem alles leicht wird, die Bewegungen des Flugzeugs auf einmal ruhig und klar zu spüren sind und das Licht um uns herum plötzlich heller wird als jemals zuvor an diesem Tag. Es ist dieser eine schicksalhafte Kreis, mit dem man sich hoffnungsvoll in eine – gefühlt die tausendste – der heftigen aufsteigenden Böen hinein wirft, und in dem das Variometer diesmal nicht wie bei den neunhundertneunundneunzig Versuchen zuvor nach wenigen Sekunden zusammen mit dem Rest des Flugzeugs wieder ins Bodenlose hinunter sackt. Diesmal trägt und stützt uns die Luft, in dieser einen Spirale fallen wir nicht wieder raus, sondern können den Duo eng hinauf und um die Kurve schießen lassen, während links und rechts von uns die ersten Flusen kondensieren, weit vor der großen Hebungswolke an einer flüchtigen Stelle, die man zuvor gar nicht so genau hätte erraten können. Endlich – und völlig zufällig – haben wir den Schlüsselmoment getroffen. Doch an welchem Ort wir uns gerade bewegen, ist schwer zu beschreiben, da sich im Sturm das gesamte System aus auf- und abbauenden, wirbelnden und pulsierenden Wolkenstücken stets mit fast 100 km/h in Richtung Lee verschiebt. Alles ändert sich räumlich und zeitlich, mit jedem Meter und jeder Sekunde ist nichts mehr so wie zuvor, wenn Berge und Wolken umeinander treiben und fließen. Die richtige Böe zu erwischen – diese eine entscheidende Kurve zu fliegen und nicht noch einmal, zum tausendsten Mal herunter zu fallen – kann Ewigkeiten dauern. Aber irgendwann gelingt sie, und auf einmal ist der Weg vorgezeichnet, den man einschlagen muss, um an der Wolkenvorderkante seitlich vorbeizusteigen. Mit jedem Meter wird der Aufwind breiter, konstanter und stärker.

Und wir sind heroben.

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Seit dem Start haben wir nicht besonders viel miteinander gesprochen. Zuerst, nach dem Ausklinken, aus Mangel an Optionen, die einer Diskussion würdig wären, sowie aus schlechter Laune heraus. Dann später aus schier physischen Gründen: Der Rotortanz mit seinen Böen, die sicherlich regelmäßig an die 3 g gehen, lässt wenig Spielraum für Gespräche, und an irgendeinem Punkt hat Vincent wohl beschlossen, dass er mir einfach vertrauen muss, wenn die Luft mit voller Gewalt nach uns schnappt. Nun aber steigen wir endlich an der ersten Hebungswolke vorbei ins ruhige obere Wellensystem, und sprechen immer noch kaum etwas – diesmal hat es einen anderen Grund. Denn Worte für das, was wir nun sehen, fehlen.

Der waghalsige Sprung zum Pic de Bure gelingt. Es ist das erste Mal heute, dass überhaupt irgendetwas funktioniert. Die bekannteste Leewelle der Alpen steht, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ich lasse den Duo hinauf schießen und stelle mich genau in die Strömung. In 3000 Metern Höhe schalten wir den Sauerstoff ein. In 5000 Metern verabreden wir, uns alle paar Minuten gegenseitig zu überprüfen, denn ab hier wäre ein Fehler in den Atemsystemen lebensgefährlich.

In FL 195 – beim heutigen Luftdruck etwas über 6000 Meter – drücke ich den Steuerknüppel nach vorne, baue 200 km/h Fahrt auf und nehme Kurs nach Nordosten in die Champsaur. Vincent ist noch nie in seinem Leben so hoch gewesen und hat Schwierigkeiten, zu realisieren, was nun für uns butterweiche Realität ist.

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Und wir sind heroben. Links von uns liegt tief unten das geschlossene Wolkenmeer der Staubewölkung in den Tälern Richtung Grenoble, und Rechts von uns ist die Provence nach Süden offen – ein strahlend klarer Vormittag, und die Sicht muss mehr als zweihundert Kilometer betragen. Das gesamte Fluggebiet, das in den letzten Tagen mit der langsam herbstlich werdenden Thermik unser Spielfeld war, liegt auf einem Blick unter uns, so klein und überschaubar sehen die hundert Kilometer ausgedehnten Gebirgszüge und Täler entlang der Durance aus, so absurd hoch sind wir heute.

Die Wellenlinie zur Querung der Ecrins ist vorgezeichnet, so wie ich es noch nie gesehen habe. Vincent übernimt das Steuer und sucht den Weg der maximalen Energie hoch über den aufwallenden Hebungswolken, so wie ich es ihm erst im Februar in der Schweiz gezeigt habe. Zielsicher bringt er das Flugzeug in immer noch gut 5000 Metern Höhe über den Cavale in die Brianconnais, und von dort aus sehen wir, welches Glück wir haben: Auch wenn die Wolken nach Nordosten scheinbar immer und immer dichter werden, gibt es einen Weg mit ausreichend Lücken. Wir fliegen weiter ins Susatal.


Der Flug nimmt genau so leicht seinen Lauf, wie er schwer begonnen hat


Der Weg entlang ist absolut erstaunlich. Wohin wir auch kommen, zeichnen gewaltige Wolkenformen in mehreren Schichten den Weg der Aufwinde vor und weisen den genauen Weg für denjenigen, der sie lesen kann. Für uns jedenfalls nimmt der Flug genau so leicht seinen Lauf, wie er schwer begonnen hat. So strukturiert und zusammenhängend wie heute kenne ich das Wellensystem von Briancon zum Gran Paradiso bisher nicht. In manchen Momenten scheint es zwar, als wären die Wolken um uns herum geschlossen und der Boden restlos unter ihnen verborgen, doch die linienförmigen Löcher und Lücken, die sich in der mehrschichtigen Bewölkung auf unserem Weg auftun, bleiben stets hinter uns geöffnet wie die Schollen hinter einem Eisbrecher im Polarmeer. Dynamische Meteorologie, so anschaulich und klar, wie wir es noch nie gesehen haben.

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Manchmal, wenn es einen besonders hohen Wolkenturm zu umfliegen oder ein geschlossenes Wolkenfeld bis zur nächsten Insel mit Bodensicht zu durchqueren gilt, halten wir an und nehmen uns die Zeit, ein wenig zu steigen. Dann sprechen wir uns ständig gegenseitig verschwörerisch leise, beruhigende Worte zu. Die Stimmung könnte magischer kaum sein.

„Jetzt nicht zu eilig!“ „Geht schon, vorsichtig, wir sind genau richtig!“ „Da vorne dann deutlich weiter links.“ „Dein Sauerstoff?“ „Läuft noch.“ „Läuft.“

Zwischen 4500 und 6000 Metern zu bleiben, bedeutet, sogar über einer fast völlig geschlossenen Wolkenlandschaft stets alle Exit-Strategien und Fluchtmöglichkeiten zu haben. Je eine Option nach unten, nach vorne, zur Seite. Wenn wir aufpassen, wird ein verfrühtes Umkehren nicht nötig sein. Immer wieder fragen wir uns gegenseitig, ob es safe ist, was wir tun. Wenn beide einverstanden sind, wagen wir den nächsten Sprung.

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Alle höheren Gesellen – Monte Viso, Grande Casse, Gran Paradiso – sind hoffnungslos in weiße Schwaden eingehüllt. Die Orientierung fällt ohne markante Posten am Boden nicht leicht, noch dazu während der Nordweststurm – es sind immer zwischen 70 und 110 km/h aus 320 Grad – uns so dermaßen quer zum Kurs über den Boden schiebt, während die Wolken um uns sich ständig trügerisch verwandeln und verformen. Es ist wie durch eine Geisterbahn zu fliegen, in der die Natur sich allerlei für uns einfallen lässt. Doch wir nehmen uns Zeit, staunen, finden unseren Weg auf Kurs, ohne den Gewalten die Chance zu geben, uns einzuschließen. Es ist nicht einmal besonders kalt in 6000 Metern Höhe. Was für ein riesiges Schauspiel.


Wir wenden um 12:30 – an einem Ort, den es nicht gibt


Irgendwann sollte Susa, dann der erste Wendepunkt an der Luftraumgrenze zur Absenkung auf FL145 unter uns sein. Wir sehen schon Boden, also ein bisschen, aber es könnte dort unten auch Grönland oder das versunkene Atlantis sein. Das einzige was wir wirklich gut sehen können, sind die Wolken, zwischen denen wir umherspringen. Sie formen eigene Berge und Täler, haben Strukturen und Gestalt, so dass es schwer fällt, sie von einer tatsächlichen, realen Landschaft zu unterscheiden, mit Schattierungen und Formen, die sich im Zeitraffer abtragen und aufschieben, anwachsen und erodieren. Es ist zu verlockend, die Erscheinungen einfach als neue Bodenreferenz zu akzeptieren, doch das würde binnen Sekunden mit dem Wind hinüber in den absteigenden Wellenast führen. Wir bleiben vorsichtig auf dem scheinbar schräg verlaufenden, vorgelagerten Kurs, der uns genau dort hält, wo tief unter uns die Kondensation beginnt, und so kann uns nichts passieren. Wir wenden um 12:30 – an einem Ort, den es nicht gibt.

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Auf dem Rückweg haben wir sogar eine GPS-Spur vom Hinflug, der wir folgen können. Dies und die Rückenwindkomponente lassen uns einen Schnitt von bisweilen über 200 km/h halten. Vom Pic de Bure aus tauchen wir gewaltsam mit voller Fahrt unter den Luftraumdeckel vor dem Rosanstal. Grausam ist die Flughöhe für uns hier auf FL115 beschränkt, gerade einmal 3500 Meter. Doch die Berge hier in den westlichsten Ausläufern der Südalpen sind so niedrig, dass wir die schlimmsten Probleme meiden können. Die zweite Wende in der Leewelle des Merlú erreichen wir um 13:47. Vom Zeitplan zu sprechen, ist eigentlich nicht der Rede wert: Wir sind zwar schnell, aber im Prinzip sind wir immer noch vier Stunden zu spät vom Pic de Bure aus losgeflogen.

Dennoch rasen wir die Linie – von nun an wieder mit Gegenwind – wieder hinauf von Rosans in Richtung Serres. Der Gegenwind ist vor allem auf dem Abschnitt von Serres hinauf zum Pic de Bure ein echtes Problem. Ich bohre einfach weiter, mit hoher Fahrt gegen den Sturm. Den Bure aggressiv anzufliegen, damit habe ich schon lange kein Problem mehr. Mit dem gesamten Elan der letzten Stunden, in denen wir kaum eine Minute irgendwo liegen lassen mussten, werfe ich mich erstmals wieder zurück unter die Wolken, um vorwärts in den Rotor zu kommen. In 2200 Metern erreichen wir die ersten Wolkenfetzen. Ich presse weiter voran. Die Turbulenzen kommen. 2100 Meter. 2000. Es wirft uns wie ein Blatt umher, und immer noch will ich nicht abdrehen. 1900 Meter. Urplötzlich sehe ich nach links und rechts und begreife: Ich bin wahrscheinlich längst durch geflogen. Ich bin völlig am falschen Ort. Mit vollen Ruderausschlägen bringe ich den Duo zurück vor den ersten Wolkenfetzen. Wir könnten dort jetzt schon 500 Meter höher sein. Vincent sagt nichts. Die Turbulenzen werden absurd. Ich schwitze wie verrückt in meiner Höhenausrüstung, mein Atem geht schwer. Endlich werden es zwei Meter pro Sekunde, irgendwann wird es ruhiger, schließlich auch kühler.

„Es tut mir leid“, sage ich, und meine es ernst. „Das war echt nicht nötig. Ich hab zu spät kapiert, dass…“ „Hör auf!“, ruft Vincent. „Was hinter uns liegt, ist jetzt sowas von egal. Darüber reden wir heute Abend. Ich würde jetzt ein Stück direkt nach Osten verlagern und dann gegen den Wind. Dann sind wir schon wieder oben. Auf geht’s!“

Wenige Minuten später sind wir wieder im oberen Teil der Troposphäre und beschleunigen erneut. Immer noch macht uns die Gegenwindkomponente zu schaffen, aber sobald wir über die Champsaur hinaus wieder ins höhere Gelände sehen, tut sich vor uns erneut die Linie auf. „Wenn wir das nicht heute Früh schon mal gemacht hätten“, rufe ich aufgeregt, „dann wüsste ich jetzt gar nicht so genau, wo sie steht.“ In der Tat kommt mir erst jetzt, wie unübersichtlich der Einstieg in dieses Milieu ist, in dem allein die Wolken und der Sturm die Regeln bestimmen. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht ist es im Vergleich zum Vormittag sogar noch feuchter geworden. Oder ich bin müder geworden. Jedenfalls gelingt es uns dennoch irgendwie, wieder einzusteigen, und nach kurzer Zeit finden wir eine Linie, der wir vertrauen können. Die Bedingungen auf Kurs nach Italien sind ähnlich wie auf dem ersten Leg.


Wenn wir so weiter machen, dann werden wir heute genau neunhundert Kilometer fliegen


Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich dann doch wieder mit dem Rechnen anfange. Dann drücke ich auf dem Oudie umher und verschiebe Punkte, notiere mir Zahlen und beginne einige Kopfrechnungen. Ich weiß jetzt, da wir einmal an beiden äußeren Wendepunkten gewesen sind, ziemlich genau wie schnell wir heute sind und weiterhin sein könnten. Ich weiß, wie viel Zeit noch bis zur Dunkelheit bleibt. Und ich berechne: Wenn wir so weiter machen wie gerade, dann werden wir heute genau neunhundert Kilometer fliegen. Ich weiß nicht, ob mir gefällt, was ich ausgerechnet habe. Neunhundert… Es sei denn… was wäre wenn…? Vincent hinter mir ist am Knüppel und jagt den Duo mit 180 km/h an den stets kondensierenden Flusen vorbei wieder vorwärts über das Susatal. Ich habe eine Idee. Ich lasse Vincent in Ruhe fliegen und überlege selbst, wie und in welchem Moment ich meinen Plan am besten ansprechen soll.

„Klar“, sagt Vincent. „Das ist eine sehr geile Idee. Ich glaube, das machen wir. Meinst du, wir sollten das machen?“

Was ich überlegt habe, ist folgendes: Wenn wir auf dem nächsten Schenkel wieder wie geplant unter den Luftraum tauchen müssen, um unterhalb von FL115 die Strecke bis zum Merlú ans Rhonetal auszudehnen, dann verlieren wir die Zeit, die uns am Ende fehlen wird, um tausend Kilometer zu fliegen. Wenn wir vor der Luftraumgrenze, also schon etwa bei Serres, wenden, dann wäre die Gesamtstrecke zu kurz und wir bräuchten wir einen siebten Schenkel, den uns die Regeln aber nicht erlauben. Was wäre aber, wenn wir zwar die kurze Wende nehmen, dann aber am Ende nicht in Serres, sondern im 80 Kilometer weiter südlich gelegenen Vinon sur Verdon zu landen?

Die Handys bekommen in unserer großen Flughöhe immer nur flüchtig Netz. Daher verfassen wir beide die gleiche SMS hinunter nach Serres:

„Uns gehen die Legs aus. Wäre es ok wenn wir bei Sunset mit 1000km in Vinon landen? Ist auch in Ordnung wenn ihr nein sagt!“

„Das machen sie schon“, sagt Vincent. „Denke auch. Vielleicht sollten wir ihnen sagen, dass sie erst los fahren sollen, wenn wir uns endgültig entschieden haben?“ Also eine weitere SMS.

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Und so marschieren wir weiter nach Nordosten, wieder zum Wendepunkt etwa bei Kilometer 190. Die Feuchte hat tatsächlich zugenommen, doch noch immer weisen uns die selben zerbrochenen Lücken vertraulich und geheimnisvoll den Weg, den wir nun schon kennen. „Wenn das mal nicht dicht macht bis heute Abend! Einmal müssen wir noch hier rauf…“


Irgendwie bin ich froh, jetzt gerade nicht allein zu sein


Wir haben jetzt noch knapp vier Stunden bis zum Sonnenuntergang, und es verbleiben noch fünfhundert Kilometer zu fliegen. Trotz Plan: Das sieht immer noch nicht so gut aus, wie es sein könnte. Doch die Route ist eingefahren, und los geht es auf dem vierten Schenkel wieder hinunter über den Mongenevre und die riesigen Ecrins, den Pic de Bure. Wie geplant nehmen wir dort die maximale Höhe mit, um nicht wie bei der vorherigen Runde unter den Luftraum zu tauchen. Die Welle des Bure spuckt uns in 6000 Metern Höhe nach Südwesten aus, und wenige Minuten später setzen wir die vierte und damit vorletzte Wende des Tages an einem absurden Ort: Fast fünf Kilometer senkrecht über dem Flugplatz Serres. Hier über dem wolkenfreien, niedrigen und offenen Talkessel kommt mir die extreme Flughöhe noch viel unwirklicher vor. Ich schaue einige Augenblicke lang hinunter und denke darüber nach, dass wir jetzt unsichtbar sind. Unser Flugzeug ist so klein, dass uns in dieser Höhe, in der wir nunmehr seit etwa sieben Stunden fast ständig fliegen, vom Boden aus niemand sehen kann. Aber wir sind trotzdem da. Und wir sind unglaublich schnell. Eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken, und irgendwie bin ich froh, jetzt gerade nicht allein zu sein.

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Noch ein letztes Mal nach Nordosten in die Domäne der gigantischen Wolken. Das wird jetzt spannend. Zeit, die Superkräfte auszupacken.

Als wir uns zum fünften und letzten Mal an diesem Tag auf den Pic de Bure stürzen, piepst am tiefsten Punkt kurz ein Handy. „Wir sollen nach Vinon fliegen, sagen sie. Sie machen den Anhänger fertig und warten aufs Zeichen zum Losfahren.“ „Hm“, sage ich. „Hm.“

Die Bodencrew jetzt los zu schicken, würde bedeuten, dass wir in Vinon landen müssen. Das würde ohne die Chance auf 1000 Kilometer keinen Sinn machen. „Sie sollen noch warten“, rufe ich nach hinten. „Wenn wir sehen können, wie es inzwischen bei Briancon aussieht, dann entscheiden wir.“


Wir dürfen nicht mehr anhalten, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Vinon sein wollen


Um 18 Uhr queren wir ein letztes Mal den Col de Cavale. Was uns dahinter erwartet, wird den Flug entscheiden. Ich lasse den Duo Discus auf die Wand aus Wolken zu schießen, die den Pass kilometerhoch verhüllt, und starre begierig nach vorne. Den Steuerknüppel gebe ich nicht mehr aus der Hand – nicht, weil ich es Vincent nicht zutrauen würde, sondern weil dieses letzte Leg nach Nordosten, an dem alles hängt, nun einmal einfach mir gehört. Vincent weiß das und nimmt seine Rolle an, indem er beginnt, immer wieder ruhig und bedacht mit mir zu sprechen. Er selbst hat das dieses Jahr im Mai vom vorderen Sitz aus erlebt, und er weiß genau, was gerade in mir vorgeht. Mein Atem geht schwer, während wir der weißen, unwirklichen Wand immer näher kommen, schließlich an ihr entlang um die Ecke schießen und bald wieder in den Talkessel von St. Crepin sehen können.

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„Briancon ist frei“, sage ich. „Aber das sieht schon kriminell aus.“ Serres oder Vinon? Lange können wir mit der Entscheidung nicht mehr warten.

Die Welle über dem Montgenevre steht immer noch, allerdings finde ich kaum mehr als 1-2 m/s Steigen. Wäre es nicht die alte Stelle von vorhin, weiß ich nicht, ob ich sie noch gefunden hätte. Das langsam fahler werdende Licht und die immer enger werdenden Wolkenlücken neben und unter uns haben es in sich. Voraus kann ich gar nichts mehr erkennen. „Wir nehmen uns jetzt die Zeit“, sage ich, mehr zu mir selber. Die Uhr läuft, und sie läuft eindeutig gegen uns, während wir nochmal langsam und in weiten Schleifen zurück auf FL195 steigen. Ab jetzt dürfen wir nicht mehr anhalten, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Vinon sein wollen. Oder fliegen wir doch einfach nach Serres?

Aus der neuen Höhe sieht der Weg voraus nicht mehr ganz so düster aus wie noch tausend Meter tiefer. Ich traue mich nicht, schneller als 130 zu fliegen, während ich der Energielinie folge so gut ich nur kann. Ich fliege, als hätte ich rohe Eier an Bord, und muss mich ständig zu Entspannungsübungen zwingen.

Auf einmal knackt es im Funk: Christoph Schwaiger meldet sich ab, er wird bald in Serres landen. „Soll ich denen am Boden noch was von euch ausrichten?“, fragt er. Es ist Zeit für eine Entscheidung. Ich sehe nach vorne in die dunkle Schlucht, die der Mongenevre zwischen den Wolkenwänden bildet. „Ok Christoph“, sage ich im Funk so langsam und deutlich wie möglich. „Sie sollen nach Vinon los fahren. Kannst du das bestätigen?“ Christoph wiederholt brav – 150 Kilometer Distanz können jede Information sehr schnell in Flüsterpost verwandeln. Dann verlässt er die Frequenz. Sie fahren los. Vinon also. Und wir müssen vorher noch 30 Kilometer weiter nach Nordosten.

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Es sind noch zwei, drei Wolkenfladen wie auf Zehenspitzen zu überqueren. Wir schleichen gegen den Sturm nach Norden, ins hohe und von weißem Nichts verborgene Gelände hinein. Es ist halb sieben Uhr Abends, und das Licht wird langsam spektakulär, abendlich und etwas bedrohlich. Plötzlich springt ungewohnt das FLARM an – kein Alarm, nur die Info, dass jemand in unserer Nähe ist. Vor uns, tiefer als wir, auf Gegenkurs. Wir haben außer einigen Flugzeugen um Serres herum heute nur wenige Fremde getroffen. Neugierig recke ich den Hals und scanne angestrengt – dann sehe ich, wie einige hundert Meter unter uns eine Stemme von Nordosten her entgegen schleicht. „Das ist Klaus!“, rufe ich aufgeregt. „Meinst du, er hat es geschafft?“, fragt Vincent. Im Funk erreiche ich ihn nicht. Von der Uhrzeit her würde es ungefähr passen, aber wo auch immer er da im Norden herkommen mag: ich sehe nichts als Wolken und noch mehr Wolken, die immer dichter werden. „Das heißt jedenfalls, wir können definitiv noch weiter fliegen! Klaus war tiefer als wir, und konnte von da aus ganz normal hierher springen.“ (Später erfahren wir, dass Klaus immerhin bis zum Monte Rosa gekommen ist, aber beim Frühstart in der Luft nahezu genauso viel Zeit verloren hat wie wir am Boden).


Es ist noch gut eine Stunde bis Sonnenuntergang, und unser Zielflugplatz ist etwa 200 Kilometer entfernt


Ich drücke den Knüppel nach vorne und spüre, wie das Gefühl langsam von den Zehenspitzen hinauf steigt. Wie im Rausch schießen wir über den Nordrand des Susatals und stellen uns dann wieder genau gegen den Wind. Jetzt nur noch warten und hoffen. Die Varionadel steht wie angenagelt auf Minus vier. Ich atme tief ein und fliege noch ein wenig schneller. Schließlich sehe ich, wie die Sinkrate unmerklich weniger wird. Erst ganz langsam, dann immer deutlicher. Es dauert noch fast eine Minute, und dann –

„Vincent, jetzt haben wir’s. Ich glaube, wir haben es. Da schau her!!“

Ich gehe im neuen Steigen wieder auf Kurs Nordost und beginne zu rechnen. Auch wenn es jetzt von Minute zu Minute ungewöhnlicher aussieht (es ist noch gut eine Stunde bis Sonnenuntergang, und unser Zielflugplatz ist etwa 200 Kilometer entfernt), weiß ich, dass die Zahlen recht haben werden. Wie automatisch folge ich dem schwachen Aufwindband noch ein paar Kilometer nach Norden, solange bis die berechnete Distanz genügt und die Wolken uns von links unten her einzuhüllen drohen. Es ist kaum auszuhalten, gegen die Zeit, gegen den Wind und mit ständig abnehmender Bodensicht spät abends noch weiter weg zu fliegen, aber rational betrachtet ist alles immer noch in Ordnung. Trotzdem bin ich erleichtert, als ich endlich das Steuer herumreißen und den Duo auf den letzten Schenkel bringen kann: Südkurs. Nach Vinon mit Rückenwind. Jetzt irgendwo bei Oulx noch einmal auf 5500 Meter steigen, und dann einfach nur ankommen.

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Es ist der längste Endanflug meines Lebens. Der Nordwind hilft uns, bei über 250 km/h Geschwindigkeit über Grund den Gleitpfad nach Vinon einzuhalten. Ab Briancon steigen die Reserven. Bei St. Crepin müssen wir noch einen größeren Umweg um die allgegenwärtigen mächtigen Quellwolken machen, doch nach kurzer Zeit spuckt uns das Labyrinth aus Felsen und Wasserdampf endgültig aus. Über dem Lac de Serre-Poncon kommen wir ins Freie, und können mit einem Schlag hundert Kilometer weit nach Süden sehen. Mit jedem Meter, den wir sinken, wird es wärmer, und die Sonne tief über dem Horizont wirft alles in ein warmes, freundliches Licht, das uns sanft in den unteren Schichten der Atmosphäre willkommen heißt. 960 Kilometer.


Mit dem Beginn der zwölften Flugstunde bricht die Dunkelheit über das Land hinein


Bald liegt Sisteron querab, dann Saint Auban, sogar Puimoisson können wir sehen. Die gesamte Provence lässt sich in einen Blick fassen. Als die Optimierung in der Nav-Box 998 Kilometer anzeigt, strecke ich meine linke Hand umständlich am Panel entlang nach hinten. Vincent nimmt und drückt. Wir beide wissen um die Bedeutung dieses Momentes, und müssen wieder nicht viel sprechen. Fünf Jahre lang haben wir nun miteinander gearbeitet. Jetzt überfliegen wir gemeinsam die Tausend-Kilometer-Marke.

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Über Vinon haben wir noch reichlich Energie und lassen den Duo nach Süden überschießen, einfach um den Moment noch eine Weile aufrecht zu erhalten und dann nie wieder zu vergessen. Als wir den Blick vom Mittelmeer am Horizont lösen und endgültig zum Flugplatz eindrehen, verschwindet die Sonne gerade unterm Horizont. Noch immer sind wir sehr hoch und ziehen weite Kreise über dem braunen, sommerlich trockenen Durancetal, während unten in den kleinen, kargen Dörfern die ersten Lichter angehen. Mit dem Beginn der zwölften Flugstunde bricht die Dunkelheit über das Land hinein, und es wird Zeit, loszulassen. Ich setze die Klappen.

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Am Ende laufen alle Fäden in der Maison Blanche wieder zusammen, dem weißen Haus am Flugplatz Vinon. Die Nachricht von unserer Kursänderung ist uns bereits vorausgeeilt. Clara, Karsten und Daniel haben Bratkartoffeln gemacht, Sabine und Michi sind mit dem Anhänger aus Serres blitzschnell gekommen. Es ist eine herzliche Runde, die genau so erst gestern am Ufer des Sainte Croix in der Sonne gesessen hatte. Wer hätte gedacht, dass wir so schnell wieder zusammen kommen?

„Ganz schön windig“, bemerkt Vincent mampfend, als draußen um die zugigen Ecken des historischen Segelfliegerhauses noch immer der heftige Mistral schlägt. Lange sehen wir uns an, und ich weiß genau, was er denkt. So fühlt es sich also von hier unten an. Genau unser Wetter zum Fliegen.

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Veröffentlicht in Allgemein

24 Kommentare zu “Wir und unser Wind

  1. Super, Benni!
    Deine Gefühle und Eindrücke vermittelst Du mit Worten so schön,wie kaum ein Anderer es kann. Und weil ich an diesem Tag auch in der Welle war, und wir uns über dem Susatal fast „getroffen“ haben( die 007 raste keine 50 Meter auf Gegenkurs an mir vorbei), ist dieser Bericht für mich im Besonderen nachvollziehbar. Es war wirklich ein super Tag. Und es ist wunderbar ,wie Du uns alle an diesem tollen Flug teilhaben läßt. Vielen Dank!
    Markus

  2. Hallo,

    wir vom segelfliegen magazin sind immer auf der Suche nach spannenden Flugberichten – und Autoren, die so unterhaltsam schreiben wie im Beitrag unten☺

    Nur: unsere Berichte müssen exklusiv sein, sonst langweilen wir unsere Leser.

    Vielleicht habt ihr Lust, einen künftigen Bericht mal bei uns anzubieten, bevor er auf eurer Website erscheint?

    Wir würden uns freuen!

    Viele Grüsse
    Brigitte Gabler

  3. Ach Benjamin!

    Ich hab natürlich zu spät auf deine Homepage geklickt….sorry!
    Hätte ich mir aber auch denken können… wer schreibt schon sonst so toll☺

    Aber gut: wieder mal ein Bericht im segelfliegen?
    Das wär schon echt super!!!!

    Überlegs dir.

    Lieben Gruss und schöne Weihnachten
    Brigitte

    Hallo,

    wir vom segelfliegen magazin sind immer auf der Suche nach spannenden Flugberichten – und Autoren, die so unterhaltsam schreiben wie im Beitrag unten☺

    Nur: unsere Berichte müssen exklusiv sein, sonst langweilen wir unsere Leser.

    Vielleicht habt ihr Lust, einen künftigen Bericht mal bei uns anzubieten, bevor er auf eurer Website erscheint?

    Wir würden uns freuen!

    Viele Grüsse
    Brigitte Gabler

  4. Hi Benni,
    ein Bericht, so lebendig, wie all die anderen.
    Ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen, so gefesselt war ich.

    Danke, dass Du uns au diese Weise an Deinen Flügen teilhaben lässt.

    Gerhard

  5. Lieber Benjamin,

    ein wunderbarer und leidenschaftlicher Artikel über den Mistral und die Provence, insbesondere für mich, der ich jeden Zipfel dieser „zweiten Heimat“ gut kenne …

    Es freut mich sehr, dass du mich auf der Frauen WM 2017 in CZ vertrittst. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die Mädels einen so motivierten und motivierenden Coach zur Verfügung haben. Für eventuelle Fragen im Vorfeld stehe ich dir jederzeit zur Verfügung. Wir sehen uns ja sicher bei dem NM-Treffen auf der WAKU im Februar.

    Ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes, erlebnisreiches neues Jahr 2017 sendet dir

    Martin Theisinger mtheisinger@gmx.net

    >

  6. Hi Benjamin!
    Jetzt kann ich’s mir nicht mehr verkneifen, Dir meine Begeisterung auch mal zu zeigen. Seit Du begonnen hast, zu fliegen UND gleichzeitig in Deiner unglaublich fesselnden Art darüber zu berichten, hatte ich jedesmal die Vorstellung, selber dabei zu sein, mitzufliegen und life mitzuerleben, was Deine fünf Sinne wahrgenommen und Du anschließend aufgeschrieben hast.
    Es stimmt schon, was andere Kommentare bereits erwähnt haben:
    Seit Jochen von Kalckreuth……….und ……absolut nobelpreisverdächtig !!!
    Alle guten Wünsche für’s Neue Jahr

    Dein Onkel Gernoth

  7. Hi Benjamin,

    ich bin wirklich sprachlos beeindruckt über Deine mitreißende und blumige Erzählfrom Deiner absolut tollen Erlebnisse.
    Gerade jetzt im Winter, in dem mir unsere Leidenschaft so fehlt, tut es mehr als gut sich dieser wieder ein wenig näher zu fühlen.
    Danke.
    Ich freue mich auf weitere packende Erzählungen von Dir.

    FLiegergüße
    Sven Baldauf

  8. Hallo Benni, weiß wirklich nicht, was faszinierender ist Dein segelfliegerisches Können oder Deine Fähigkeit so mitreißend darüber zu schreiben. Ich fühle mich tatsächlich mitgenommen auf diese supertollen Flüge. Dafür ganz herzlichen Dank!
    Karin

  9. Lieber Benni !

    Mal wie ein wunderschöner Artikel über einen weiteren, atemberaubenden Flug.
    In deinen Geschichten und besonders der Art, wie Du in ihnen deine Emotionen beschreibst und ausdrückst, kann man sich so verlieren, als wenn man es selber erlebt. Vielen Dank für dieses Gefühl, dass Du uns am Boden gebliebenen, mit jeder deiner Erzählungen erneut vermittelst.

    Ich hoffe inständig darauf, dass Du eines Tages genug Artikel und Eindrücke gesammelt hast, um all die schönen Erlebnisse und Empfindungen, mit einer großen Anzahl deiner dabei gemachten Bilder, in einem spannenden und ergreifenden Buch, zusammenzufassen.
    Ich denke ich wäre nicht der einzige, der dieses Buch verschlingen würde…

    Ich freue mich schon auf den nächsten Flug, auf den Du uns mit nimmst !

    Viele Grüße und Dank

    Philipp (ABI)

  10. …jeder Bericht – ist es ein Bericht? Ist es ein Abenteuergeschichte? – ist wie ein Gedicht. Phantastisch. Unglaublich dichte Wortwahl, Sätze, die einen kaum Atem holen lassen, spürbare Anspannung, Entspannung, mitreißende Dramaturgie, dazu eindrucksvolle Bilder….. Der Kalkreuth-Vergleich ist ja schon alt und mehrfach verwendet. Das „Stille Abenteuer“ als Segelflugerotik pur hat mich vor zig Jahren fasziniert (und tut das auch heute noch), aber Du erzählst mindestens genauso packend von unserem gemeinsamen Hobby. Das wäre es wert, in gebundener Form als Buch zu veröffentlichen. Ich freu´ mich immer über jedes neues Kapitel Deiner Erzählkunst.

  11. Endlich schreibst du wieder! Hab echt lange darauf gewartet und immer wieder mal auf deiner Seite vorbei geschaut. Deine Berichte geben mir oft Kraft über den Winter und alle Vereins-Hürden zu kommen.
    Danke dafür, David Richter-Trummer.

  12. Ich hoffe ja darauf, dass du irgendwann mal ein Buch von deinen Erlebnissen schreibst. ich würde es auf jeden Fall kaufen. Danke dir für deine tollen Artikel und Liebe Grüße

  13. schön geschriebener blog eintrag! hoffentlich kann ich auch mal wieder so tolle aufnahmen machen, wenn meine maschine aus der flugzeugwartung wieder entlassen ist!
    LG Claudia

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