Ein Moment im März

In jedem Frühling muss ich neu lernen, dass die Luft mich trägt, wenn ich mich nur fest genug darauf stütze.

Der Winter nützt nicht viel. Ich kann zwar die ganzen Dinge in Ordnung bringen, die im Sommer über den Haufen gefallen sind, jeden Tag brav arbeiten und studieren. Aber ich verlerne zu viel, ich vergesse wie es ist, im Zuge eines Augenblicks den Himmel in zehn gute und schlechte Abschnitte aufteilen zu können, die Rollrate des Flugzeugs mit kleinen S-Kurven zu ertasten und in der richtigen Sekunde, wenn die Strömungen der Luft mit voller Gewalt dagegen halten, mit dem ganzen Körper – von einer Flügelspitze bis zur anderen – die steile Drehung einzuleiten. Ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, unter einem abgetrockneten, grauen Himmel an den letzten fünfzig Kilometern bitter zu verzweifeln und vergesse sogar das Gefühl, mit 200 km/h als erster über die Ziellinie zu fliegen. Und das vielleicht Schlimmste ist, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie in aller Welt ich es schaffen soll, das alles wieder intuitiv auf die Reihe zu kriegen.

Klar, ich habe die ganzen harten Dinge im Kopf, so gut ich kann. Radio Mandatory Zone, Pic de Bure, L’Hotellierverschluss, nautische Meile. Und natürlich Querruder, Seitenruder, Höhenruder, Bremsklappen, Wölbklappen, Fahrwerkshebel, Trimmung, Ausklinkknopf, Haubennotabwurf. Aber das ist nicht Segelfliegen. Das ist nur Fliegen.

Die wenigen Flüge im Winter sind… anders. Föhnfliegen ist so schwierig, dass jeder Flug ohnehin fernab von der Routine liegt. Sich stundenlang voller Anspannung durch die sturmgepeitschten Nordalpen zu improvisieren, hat nichts mit dem eindringlichen Rhythmus zu tun, der mich im Sommerhalbjahr von Flug zu Flug trägt und den ich im Winterhalbjahr so leicht verliere. Ich muss so viele Dinge jeden Frühling neu lernen, um nicht mehr weiter improvisieren zu müssen.

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Der beste Moment ist der, wenn zum ersten Mal ein Plan wieder vollkommen aufgeht. Zehnter März, einige dünne Schichtwolken dimmen das Licht über der Provence schon am Vormittag. TopTask rechnet für den Nachmittag wenige Cumuluswolken im Osten, schwierig hinzukommen, schwer zurück zu kommen. Wie so oft klinke ich in 500 m am Hang der Aiguille. Der Flugplatz Serres ist noch nicht ganz aus dem Winterschlaf erwacht, nur wenige Flugzeuge finden so früh im Jahr den Weg hier herauf. Eine sehr persönliche, vertraute Stimmung. Zu dritt steigen wir in der schwachen Mittagsthermik aus der Felswand heraus. Ein paar Minuten später gehe ich über den Arambre nach Nordosten an die Crete de Selles. Das düstere Licht macht es schwierig, die wenigen Stellen im hohen Gelände zu finden, an denen es zu dieser Tages- und Jahreszeit schon warm genug für Aufwind ist. Die anderen habe ich aus den Augen verloren – ich nehme mich zusammen und springe über das breite Tal der Durance. Was im September noch lächerlich erschienen ist, kostet mich nach der Winterpause eine ganze Menge Nerven. Unsicher taste ich den Grat des Maloup nach Steigen ab. Ich treffe nach dem zweiten Suchkreis – Zufall? Zurück auf 1900 m – höher geht es einfach nicht – entscheide ich mich für den südlichen Weg. Das unwegsame Gelände in Richtung Seyne fordert mehr Höhe, und entlag der Durance habe ich die Flugplätze von Sisteron und Saint Auban als Fluchtmöglichkeit.

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Eine halbe Stunde später finde ich mich am Col de Authon im untersten Stockwerk wieder. Zuvor: Am Hongrie bei Sisteron reichte die Thermik nur noch auf 1800 m, am Gache nur auf 1500. Ich habe das ungute Gefühl, irgendwie in die Falle getappt zu sein. Zusammen mit vier französischen Flugzeugen, die das gleiche Problem haben, gehe ich an die Vaumuse, und nach quälender Suche zwängen wir uns allesamt in einen schwachen Meter am Hangfuß. Langsam bin ich dafür, den Tag aufzugeben und mich – sollte ich überhaupt jemals ankommen – zurück zu meinen lieben Freunden und Gastgebern in Serres zu schleichen. Das allerdings ist der Moment, in dem ich die Cumuluswolke entdecke.

Sie ist verdammt weit weg und verdammt hoch, irgendwo jenseits des Blayeul, ich schätze sie auf 3000 Meter. Ein surreales Bild an einem so stabilen, weichen Tag wie heute: Sie passt gar nicht so richtig in den Himmel, hebt sich in der Ferne scharf von den blassen Cirren ab. Ein klareres Zeichen könnte es nicht geben. Ich habe keine Ahnung, wie man am besten dort hin kommt, aber es sollte möglich sein.

Und auf einmal, ganz plötzlich fällt mir alles wieder ein. Auf einmal weiß ich, was zu tun ist, und dass ich überhaupt keine Angst zu haben brauche. Einfach über die Rippen nach Osten fliegen bis kurz vor Digne, gnadenlos auf das Landefeld bei Marcoux abstützen wenn es sein muss. Und dann an die Crete de Liman.

Ich beginne meinen Gleitflug nach Osten, und gleich ist alles anders. Die Strömung zuckt und drängt mich zur Seite, ich muss nicht viel überlegen, um die beste Linie zu finden. Der Gleitsprung mitten ins Gelände ist riskant, aber er kostet weniger Höhe als gedacht. Nördlich Digne trägt es mich an einem Nordosthang von 1400 endlich wieder auf 1900 Meter. Das ist immer noch niedrig, aber hoch genug. Und die Wolke ist noch da, ich kann ihre Position jetzt genauer erkennen: Sie müsste wohl in der Konfluenzzone nördlich des Blayeul stehen, dort wo sich die lokalen Windsysteme aus Norden, Süden und Westen an manchem Tag vermischen. Noch ein schwacher Bart an der Crete de Liman, und ich bin hoffentlich da.

Vor mir baut sich der Bayeul auf wie ein riesiger, schlafender Drache. Von rechts erreicht mehr Sonneneinstrahlung den Rücken, von links kann mehr Luft nachströmen. Um einfach genau darüber zu fliegen, fehlen mir viele hundert Meter Höhe. Ich entscheide mich für rechts, weiß gar nicht so richtig warum. Aber nach zwei Kilometern hebt sich ein Flügel und nach einer weiten Schleife weiß ich, dass jetzt alles zum Greifen nahe ist: Wieder steige ich mit knapp 1 m/s und auch wenn es nur 250 Höhenmeter sind, immer noch tief unter dem Gipfel des Bayeul – Es sind nur noch zehn Kilometer bis zur Wolke.

Eine halbe Stunde später bin auf 3100 Meter Höhe – der Parcours steht mir frei, und ich kann immer mehr kleine Quellwolken über den tief verschneiten Gipfeln erkennen.

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Eine winzige Dosis zusätzlichen Sauerstoff pro Atemzug. Es hat tatsächlich funktioniert. Wie in einem Rausch folge ich den fast unsichtbaren, durchsichtigen Wolkenfetzen, die von der Thermik der tief verschneiten Trois Evechés herauf wehen, nach Norden. Die Energie der Luft ist durch die hohen Cirruswolken so schwach und weich, dass ich kaum auszuatmen wage, jedes Mal wenn eine Bergflanke mich wieder ein paar hundert Meter hinauf hebt.

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An der Dormillouse drehe ich um und folge der Rennbahn vorsichtig nach Süden. Nur 30 Kilometer breit ist die Zone der wenigen Cumuluswolken dieses Nachmittags. Wohin ich auch schaue, sehe ich weiß – Der Schnee reicht hier im hohen Gelände noch fast bis in die Täler hinunter, und über dem Westen verwischen immer dichtere Wolkenschleier das Licht zu einem hellblassen Ton. Am Carton gehe ich mit nur 0,5 m/s noch einmal an die Basis. Ich werde wieder so vorsichtig wie im ersten Teil des Fluges, aber diesmal weiß ich, dass ich das muss. Es ist fast halb fünf, so früh im März. Ich beginne zu frösteln, auch wenn die bleiche Sonne mir bei jedem Kreis einmal voll in die Kapsel leuchtet. Zeit, umzukehren – das könnte noch mal knapp werden. Noch fehlen mir ein paar Meter Höhe für den Rückflug.

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Die letzte Wolke auf Heimatkurs steht immer noch in der Konfluenz am Blayeul, aber sicher auch nicht mehr lange. Als ich mich zügig annähere, empfange ich 15 km voraus ein Signal im Butterfly. Es ist Klaus Ohlmann, der gerade knapp unter der Wolkenbasis zum Endanflug nach Serres ansetzt. So wie ich die Wolke erreiche, ist sie nur noch ein dünner Schleier über mir. Nach dem dritten Kreis finde ich mich damit ab, dass es nur noch 0,3 m/s Steigen gibt, und beginne das Geduldsspiel.

Sobald ich mit dem letzten Hauch von Thermik die 2700 m noch einmal erreicht habe, fliege ich los. Der Rechner sagt knapp 200 Meter Reserve auf Serres, aber die Luft vor mir sieht so ungestört aus, dass ich ihm Glauben schenke. Bald kommt La Motte aus dem Gegenlicht, dann die Durance. Als ich ansetze, das Tal zu überqueren, ist die Höhenreserve auf fast 300 Meter angestiegen – ich werde ankommen. Ich trimme auf 100 km/h, richte für die letzten 50 km noch einmal nach Westen aus, lege mich in den ruhigen Abendhimmel und kann spüren, dass die Luft mich trägt.

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Veröffentlicht in Allgemein

5 Kommentare zu “Ein Moment im März

  1. ….wie immer – um vieles besser und spannender als alle Buchberichte von
    J. v. Kalckreuth. Freue mich auf die Saison in Kdf.
    LG
    whs

  2. Die Geschmeidigkeit der Worte gepaart mit der Leidenschaft des Tuns – bei Deinen Berichten muss man gar nich selbst fliegen, um darin versinken zu können.
    Einfach großartig!
    Danke, Benny

  3. Inhalt fürs Leben…sehr starke Erlebnisse und Gedanken. So echte und ehrliche Geschichten gibt’s nicht allzu oft. Man spürt das Segelfliegen so viel zu bieten hat. Irgendwann muss ich mal bei dir on board gehen.

    Bis bald mal Benny!

    Gruß,
    Leo

  4. Vielen Dank für die detaillierten Schilderungen, und ja das kann man im Doppelsitzer und an der Tastatur teilen. Dafür Danke. Und nein mitnehmen kann man niemand. Weiterhin viel Erfolg.

    Gruß Michael (MV)

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