Das Eis-Schatten-Spiel

Aus dem Cockpit heraus nach rechts war nur alles schwarz, links weiß. Vorne zitternde Instrumente, und um mich herum spürte ich wieder einmal was es bedeutet, einen Discus 2 in der Hand zu haben – ein bebendes, zischendes, pfeilschnelles Geschoss. Ich war gerade eben – in letzter Minute – im Ahrntal zwischen zwei Regenwänden auf 4300 Meter Höhe geklettert und versuchte, entlang der wohl letzten aktiven Congestuswolke Italiens endlich zurück in den Norden zu flüchten. Wie viel Zeit hatte ich vorher spielend in der ungewohnten Eisroute an der Grenze zwischen dem Val Venosta und Tirol verbracht, verzaubert von ungewöhnlichen Formen und Farben um den Similaun, die Cima Nera und die Texelgruppe. Offensichtlich hatte ich mir dort oben noch den einzig denkbaren Weg von West nach Ost gebahnt, denn die Luft um mich herum kochte längst. Die Schauerzellen zu beiden Seiten des Alpenhauptkammes waren drauf und dran, das Rennen zu gewinnen – nur die höchste Route, der sonst nie fliegbare Weg über das ewige Eis, dämpfte im Herzen der Alpen die labile Luft noch zu brauchbaren Flugbedingungen herab.

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Es war allerhöchste Zeit – ich bemerkte jäh, wie schwer mein Atem ging. Ruhig versuchte ich aus der Sauerstoffkanüle Zug um Zug zu nehmen, bloß nicht aufgeben. Noch nie hatte ich eine so unübersichtliche Wettersituation erlebt, nördlich zwischen Gerlos und Pass Thurn kochende Cumuluswolken, direkt dahinter ein Gewitter, dessen Ausmaße selbst aus meiner riesigen Höhe nicht zu erkennen waren. Die nächsten Schritte nach Osten zu planen, war mehr ein Ratespiel, ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, ein Poker, ein russisches Roulette. An eine Heimkehr nach Bayern zu denken, schien mir fast absurd, nun da ich einen ersten kurzen Blick auf den Zustand der Alpennordseite erlangen konnte: die Gewitter hatten die Alpen mächtig überrollt und den dritten Hochdrucktag schon mittags fest an sich gerissen, viel zu früh für den Plan, den großen Trick – aber was half es. Ein 680-Kilometer-Dreieck, um den Hattrick voll zu machen, stand auf dem Spiel, und mit diesem Flug ein Meilenstein beim Rennen um die deutsche Meisterschaft im Langstreckenflug. Ja, was half es denn. Der einzige sinnvolle Weg – die Flucht nach vorne, nach Osten, zum zweiten Wendepunkt. Zell am See, St.Johann und Niederöblarn lagen schon fast in Reichweite, frei vom Regen, und ließen keine Wahl, außer es zu versuchen. 

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Jetzt über den Großvenediger, schoss mir zwischen all der Taktik wieder der Spieltrieb durch den Kopf. Direkt über den Gipfel, das wäre ein Spektakel. Ich peilte. Erste winzige Regentropfen drangen mit den starken Turbulenzen durch die Lüftung ins Innere, mitten ins Gesicht. Weiter links, Benjamin, jetzt nicht die Linie verlieren. Ich folgte den schwächer werdenden Steigböen mit immer weicheren Ruderausschlägen hinauf zur Mauer, nordostwärts an den Alpenhauptkamm. Am Ende der Wolke schoss ich hinaus ins gleißende Sonnenlicht und beschleunigte das schwer beladene Flugzeug achtsam auf 170 km/h, Kurs genau auf die Spitze der riesigen Eispyramide am Ende des hohen Tals. Noch nie war Segelfliegen in den Alpen so berauschend gewesen wie in den Pfingsttagen dieses Sommers.

Die zweiundzwanzigste Flugstunde binnen drei Tagen brach an, und es war noch lange nicht vorbei. Ich liebe solche Phasen. Die DMSt ist ein wunderbares Spiel, das uns an Orte führt, die wir sonst vielleicht nur durch Zufall einmal sehen würden, das uns dazu treibt, unsere Grenzen zu verschieben, Fehlschläge und Abbrüche in Kauf zu nehmen und das Beste unseres Könnens über die Planung und Umsetzung von Langstrecken aus uns heraus zu holen, die Komfortzone zu verlassen. Wer binnen eines Sommers die drei weitesten Streckenflüge mit vorher festgelegten Eckpunkten nachweisen kann, gewinnt. Ich mache gern mit, und an den ersten beiden Pfingsttagen waren die Ostalpen wieder mein Spielfeld. Ich hatte Wendepunkte in der Steiermark am östlichsten Ende der Alpen, in den italienischen Dolomiten, im Oberengadin und in Kärnten gesetzt und erreicht, zwei Flüge, über 1500 Kilometer. So viel Alpen in zwei Tagen hatte ich selten sehen dürfen.

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Das Kreuz auf dem Gipfel des Großvenediger stand halb in Schneemassen begraben, so dass nur eine Hälfte des Querbalkens aus den weißen Wänden ragte. Kein Mensch befand sich auf dem Gipfel, auch nicht auf einem der steil abfallenden Grate der Pyramide. Metergenau folgte ich mit hoher Geschwindigkeit der Kontur des eiskalten Riesen und ließ die Eindrücke an mir vorbeiziehen. Dann überflog ich im schrägen Winkel den Grat. Die hell blitzenden Umrisse huschten in den Augenwinkel und wurden schlagartig vom hellen Tal des Pinzgau aufgefüllt, an dessen Flanken sich die Wolkentürme unter dem Blau eines heißen Junitages aneinander reihten. Zum wiederholten Mal heute begegnete mir der Gedanke, vielleicht noch nie so etwas Eindrucksvolles gesehen zu haben.

Mit hoher Fahrt stieß ich auf die andere Seite des Alpenhauptkamms in den Norden hinab unter die stark abfallenden Wolken des südlichen Pinzgau. Auch wenn die ersten Quellungen mich wieder mit 1-2 m/s empfingen und ich sofort sehen konnte, dass ich nicht das einzige Flugzeug auf der klaren Route gen Osten war, fühlte ich meine Durchhaltemoral und damit meinen Optimismus langsam der Erschöpfung weichen. Über die Frage, was mich aus dem leichtfüßigen Fliegen auf der westlichen Hälfte des Dreiecks heraus so abzubremsen schien, kam ich zu dem Schluss, dass es jetzt einzig und allein noch darauf ankam, nicht den richtigen Zeitpunkt zur Umkehr zu verpassen, und die Zeichen zu deuten. Ich flog nun mit der überzeugten Erwartung, dass an irgendeinem Punkt die Natur auch drüben an der östlichen Wende einmal wieder deutlich zeigen wird, wer hier, tief in den Bergen, der Stärkere ist.

Alpine Langstrecke zu fliegen bedeutet, ständig über irgendwelche hohen Gipfel zu springen, entlegene Regionen zu überfliegen und – wenn es sein muss – stundenlang tief zwischen den Felsen zu verbringen. Es gilt, verschiedenste Klimazonen im Flug zu verbinden und von der heißen, feuchten Luft der Po-Ebene bis zu den ewig vereisten Gipfeln der Zentralkette hinauf die Übersicht nicht zu verlieren. Auf seinen Wegen besucht man regelmäßig die beeindruckenden Gipfel von Bernina, Ortler, Olperer und Großglockner – Orte, die zu Fuß einer tagelangen Expedition bedürften, macht die einzigartige Thermik der Alpen leichtfüßig und schnell erreichbar. Keine zwei Tage im Gebirge sind ähnlich, zu viele Faktoren spielen im Brennpunkt des alpinen Wettergeschehens ihre Rolle. Jeden Tag auf andere Weise wird Energie aufgenommen und freigesetzt, werden Wolken und dunkelblauer Himmel der Höhe sich abwechseln, wird Luft in großen Massen durch die Täler transportiert. Das Gelände dominiert das Wetter und Klima so brachial, dass stets große Kräfte gegeneinander wirken. Und manchmal, als Nebeneffekt, darf der Segelflieger in diesem großen Spiel hautnah dabei sein.

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Ich rief nach Mathias, der wohl schon irgendwo östlich sein musste. „Chrchrchr…Gasteiner Tal…. Chrchrchr… Kein Problem….Ccchrrrr… Osten… Chrrr… Problem.“, schallte es durch die Lautsprecher zurück.

Links von mir lag tief unten Zell am See, rechts oben der Großglocknergipfel. Im Abstand von gut zehn Kilometern ufern hier breite Querrippen vom Hauptkamm herab nach Norden. Mit jedem der kleinen Zwischentäler, die ich überflog, schwankte mein Gemütszustand zwischen Hoffnung und Missmut. Ich wusste, dass ich es noch schaffen konnte – es war gerade einmal vier Uhr, ich lag fast eine halbe Stunde vor dem Zeitplan. Doch die Zündschnur brannte, und immer wenn ich eine neue Querrippe erklomm, blieb bis zum letzten Moment nichts als farbloses Nichtwissen über alles, was mich dahinter erwarten würde. Dunkle, sehr große Cumuluswolken mit zunehmend unterschiedlichen Basishöhen und pechschwarzen Unterkanten reihten sich aneinander, und immer wenn ich zwischen ihnen ins gleißende Sonnenlicht tauchte, konnte ich in allen nördlichen Richtungen zahlreiche überentwickelte Zellen erkennen. Das starke Gewitter über dem nördlichen Salzachtal lag schon weit zurück. Es war unmöglich zu erkennen, welche Gebiete bereits in den Bereich seines Schattens gefallen waren. Auch der blaue Himmel zwischen den Quellungen vor mir, im Osten, wurde düsterer. Ich hatte das Gefühl, dass die Sicht mit jedem Kilometer, den ich flog, ein Stück schlechter wurde, und die hohen Schichtwolken, die immer mehr dazu neigten, die Sonne zu verdunkeln, kamen zweifelsohne von einer weiteren Gewitterzelle irgendwo im fernen (oder nahen?) Hintergrund.

Aber es ging weiter, Schritt für Schritt, nur noch 45 Kilometer zum Wendepunkt südöstlich des Obertauernpasses. Rein intuitiv folgte ich nach der Glocknerpassage einer der Rippen wieder zurück in den Süden hinauf, um einen besseren Überblick nach vorn zu bekommen. In weiten S-Kurven suchte ich den Sattel nach Steigen ab und tatsächlich hob sich der rechte Flügel. Das zupackende Querruder des Discus legte die Maschine in einen flachen Kreis und ich musste auf das Variometer schauen, um sicher zu gehen, dass ich wirklich mit fast 2 m/s zu steigen begonnen hatte. Die Thermik fühlte sich ungewohnt weich und zahm an, so als wäre es schon Abend und die Energie des Bodens fast aufgebraucht. Spätestens jetzt waren die vielen Schatten des Gewittertages auch in den Luftströmungen zu spüren. Ich entschied, hier unter allen Umständen noch einmal so hoch wie möglich zu steigen. Der Aufwind trug zaghaft, aber verlässlich. Während ich vor der Wolke nach Südosten davon gleiten wollte, stieg die Luft immer noch und ich begann, entlang der Wolkenstufe weiter zu klettern, bis mich die Schatten erneut einzuhüllen drohten. Zweimal noch konnte ich dieses Spiel wiederholen und so unverhofft auf 4100 m hinauf gelangen.

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Als ich nach der relativ langen Steigzeit mein Wolkengebilde nach Osten verließ, schien ich plötzlich wie gegen eine Wand zu stoßen. Wieder einmal hatte sich das Wetter schlagartig gewandelt, und das nicht zum Guten. Noch nie hatte ich mich in einer so großen Höhe so machtlos gefühlt. Es waren von hier nur 30 Kilometer bis zur Wende. Auf Kurs fielen die Wolken wieder steil herab und voraus war nur noch das schattige, dunkle Relief der niederen Tauern zu sehen, welches zum Horizont hin von den grauen Fangarmen des Wettergeschehens verschluckt wurde. Ich glitt, sank und ließ mich ziehen. Erste feine Regentropfen trafen die Haube und begannen an der Flügelvorderkante festzufrieren, bevor sie der Fahrtwind von der glatten Oberfläche fortriss. Manchmal konnte ich über mir noch die Sonne erkennen, was mich ermutigte, weitere dunkle Wolkenkonturen voraus nach der sanften, stetigen Art von Lift abzusuchen, die ich vorhin über den Quergraten angetroffen hatte. Doch je mehr ich auf der Suche zu beiden Seiten pendelte, desto mehr Sinken traf ich an – erst zwei, dann drei Meter. Schließlich – kurz vor der Ortschaft Obertauern – war voraus anstatt weiterer Quellungen nichts mehr als der homogene, graue Hintergrund einer im hohen Gelände aufliegenden Regenwolke zu erkennen. Ich hatte tausend Meter Höhe seit dem letzten Steigflug verloren. Es war soweit. Dies war das Ende. Weiter nach Osten würde heute kein Segler mehr gelangen. Bis hierher zu fliegen, hatte mir alles abverlangt, was ich nach drei vollen Tagen im Gebirge noch an Nerven und Kraft übrig hatte, und der Wendepunkt war unerreichbar. Ich wandte das Flugzeug talwärts nach Norden.

Es wird einen anderen Tag geben, hatte Klaus Ohlmann einmal über einen solchen Moment geschrieben, auch wenn man sich in diesem Moment machtlos und geschlagen vorkommt. Einen anderen Tag gibt es immer.

Dieser Flug hatte mich an eine meiner Grenzen gebracht, die nervliche Anspannung befiel mich wie eine Lähmung. So viel geflogen, so viel geplant, so viel gesehen, so viel riskiert – und dann zwischen irgendwelchen Regenwänden am Alpenhauptkamm gedrängt. Ich war enttäuscht, genervt, angestrengt und erschöpft. Wie ich heute Abend nach Hause kommen sollte, wusste ich noch nicht.

Mathias meldete sich aus der grauen Masse östlich von mir. Auch er hatte seinen Flug an diesem Punkt abgebrochen und begann aufgrund meiner negativen Stimmlage sehr ruhig, mir präzise eine Stelle nordwestlich des Tauerntunneleingangs zu beschreiben, an der er auf dem Hinflug noch Steigen gefunden hatte. Dankbar folgte ich dem Rat und wenige Minuten später trafen wir uns in dem zwischen den Schatten beständigen, wahrscheinlich letzten Aufwind der gesamten Niederen Tauern an diesem Tag.

Aus 3600 m Höhe begannen wir, gemeinsam den Rückflug zu planen. Aus unserem etwas nördlicheren Winkel war seitlich zu erkennen, dass die Cumuluslinie über den Hohen Tauern nun endgültig mangels Sonneneinstrahlung in sich zusammengefallen war und den Rückweg südlich Zell am See – unsere gewohnte Route für den Heimweg aus dem Osten – versperrte. Also überquerten wir die Ortschaft Bruck nach Nordwesten und begannen, einen langen Congestus südlich der Schmittenhöhe nach Thermik abzusuchen. Noch bevor ich sinnvolles Steigen melden konnte, hatte Mathias über einigen Sonnenflecken im Talgrund schon kräftige Ausschläge geortet und nach wenigen Kreisen stiegen wir wieder mit konstanten 1-2 m/s. In jedem Kreis ließ ich die Landschaft auf Kurs Nordwest an mir vorbeiziehen und sondierte die weiteren Möglichkeiten. Es gab keine.

Mit jedem Kreis schien die Wolkenbasis bedrohlicher und schwärzer auf uns zu drücken, und ich begann zu bangen, wie hoch uns die mächtige Wolke noch steigen lassen würde. Als eine Flügelspitze in die Schwaden eintauchte, begann ich zu beschleunigen. Höhe: 3500 Meter. Distanz nach Hause (600 Meter hoch): 125 Kilometer. Macht 1:42 erforderlich. Wetter auf Kurs: Grau. Mein Rechner pendelte zwischen minus vierzig und plus neun Metern Ankunftshöhe. Bei Mc=0. Ohne Mückenbeschlag. Ohne Windnachteil. Es war einfach noch nicht genug.

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Mathias begann voraus zu fliegen. Wir nahmen Kurs auf ein paar graue Flusen östlich der Hohen Salve, aber als er vorne keine Regung der Luft meldete, drehte ich schon vorher ab. Arcus gegen Discus – wie unfair.

Zwanzig Minuten später. Mit dem leichten Rückenwind hatte ich knapp hundert Meter Reservehöhe aufgebaut und trat über Kufstein in nurmehr 2200 m Höhe in die Randberge ein und mir wurde klar, dass ich nun wieder jeden Hektar und jeden Gipfel auswendig konnte. Ich wusste immer noch nicht wie, aber ich beschloss, nun zumindest wirklich bis nach Hause zu kommen. Ich stemmte die Beine in die Pedale und streckte mich kurz. Dann begann ich aus der Lethargie der letzten Stunde auszubrechen und sondierte die Umgebung. Das große Gewittergebiet in der Region des Pass Thurn hatte sich nach Westen bis Innsbruck ausgeweitet und spannte nun einen hohen Wolkenschirm über sehr weite Teile Tirols und der bayerischen Alpen. Mathias war inzwischen recht weit voraus und etwas höher, und ich ab dem Sonnwendjoch wieder auf mich allein gestellt. Auch wenn der Himmel über uns vollkommen grau war und kaum Sonne an den Boden gelangte, ging ich ganz nah an den Nordostgrat, um wenigstens wieder ein paar Turbulenzen zu spüren zu bekommen. Die lange Zeit in vollkommen unbewegter Luft machte mich komplett verrückt. Metergenau folgte ich der düsteren Kulisse der felsigen Latschenwand. Plötzlich setzte leichtes Fallen ein, das Flugzeug begann sich zu schütteln, und am leeseitigen Ende der Rippe stolperte ich unversehens noch einmal in schwache Thermik, die der tiefe Fichtenwald noch aus sonnigerer Tageszeit gespeichert hatte. Ein enger, schwacher, winziger Aufwind. Ich öffnete die Wassertanks, zählte bis zwanzig und ließ den übrigen Ballast für den Endanflug bei mir. In sieben Minuten gewann ich 80 Meter Höhe, bevor der Aufwind mich wieder verließ.

Inzwischen war ich nah genug am Lenggrieser Tal, um über der Talmitte schwache, graue Quellungen erkennen zu können. Ob dort vorne mehr Sonne war, sah ich nicht, aber ich änderte meinen Kurs in der Hoffnung, dass sich die tragende Linie entlang der Isar aufgebaut hatte, so wie es die Wolken signalisierten. Mit jedem Kilometer, den ich weiter nach Westen kam, fühlte sich die Luft wieder lebendiger und energiereicher an. Am Hirschberg, unter dessen Gipfel ich nördlich vorbei schlich, sprang das Variometer schließlich auf 1 m/s, und fast ohne Probleme stieg ich in flachen Kreisen von 1650 auf 1900 Meter zurück. Das genügte: Endanflughöhe.

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Inzwischen war es um 18 Uhr – der zähe Rückweg hatte den restlichen Nachmittag fast komplett in Anspruch genommen. Und ich war wieder da. Hatte ich mir vor zwei Stunden noch gewünscht, dieser Flug möge endlich ein Ende nehmen, so hatte ich nun überhaupt keine Lust zu landen. Zu schön, zu intensiv hatten sich diese 26 Flugstunden in drei Tagen angefühlt, zu gut um nun vorbei zu sein. Über Bad Tölz schwenkte ich entlang des Flusses nach Norden und begann, in der Abendthermik über der Isar meine Höhe zu halten. Als noch einmal schwaches Steigen einsetzte, drehte ich um den linken Flügel und begann ein letztes Mal Höhe zu gewinnen, um die abklingende Hochdruckperiode über den Alpen bis zur letzten Minute auszukosten.

Es wird einen anderen Tag geben, um den dritten Flug in die Wertung zu setzen, sagte ich mir, einen neuen Tag, um die gesamten Ostalpen zu durchstreifen und all den Wolken über den Felsen nachzujagen. Diesen Tag sollte es bald wieder geben, mehrmals vielleicht noch in diesem Sommer. Im Westen spiegelte sich das fahle Sonnenlicht durch die Wolkenschichten in den großen Seen, und daneben ragte die Zugspitze aus dem Dunst des frühen Abends. Wenn ich so daran dachte, konnte ich es eigentlich kaum erwarten.

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