Mein Fieber, mein Flug

Es gibt einen kritischen Punkt, bei dessen Überschreitung ich schlagartig verrückt werde. Bei einer täglichen Lernzeit von 9 bis 13 Stunden und einer Prüfungsdichte von zwei pro Woche scheint er bei mir nach etwa 14 Tagen zu kommen. Ich wusste das nicht, bis ich ihn zwei Tage vor der Klausur im Fach „Luftfahrzeugelemente“ erreichte.

Ich weiß nichts weiter über diesen Umstand, außer dass er ein gewisses, sehr plötzliches Fluchtverhalten in mir auslöst. Er bewirkt, dass ich Bücher zuklappe, bekritzelte Papierseiten zerknülle, den Stecker aus meinem Computer ziehe, mein Telefon ausschalte, etwa zwanzig oder dreißig Mal langsam im sommerlich aufgeheizten Zimmer auf und ab gehe, um schließlich hinaus ins Treppenhaus zu stürzen, die Straße hinunterzulaufen, nein, zu rennen, und unter Missachtung der meisten Verkehrsregeln auf die Autobahn Richtung Süden zu gelangen. Es war ein später Mittwochnachmittag, und offensichtlich war ich soeben dem Wahnsinn anheim gefallen. Währenddessen zerfielen über den Voralpen im Südwesten langsam die letzten Cumuluswolken des Tages.

17 Stunden später saß ich im Cockpit. Mehr als die Hälfte meiner Kommilitonen würden laut Statistik die morgige Prüfung nicht bestehen. Ich war der einzige von ihnen, der den Tag nicht am Schreibtisch verbringen würde, um die dringend notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Er wird schon wissen, was er tut, sagten meine Freunde. Sie irrten sich. Mir war alles egal.

Um kurz nach elf schleppte Sepp mich von der „28“ nach Süden. Mit weitgeöffneter Lüftung atmete ich tief durch, sobald wir die Hitze des Bodens verließen. Es war ein stabiler, heißer und wolkenloser Julitag. Das Gebirge vor uns erstrahlte in blühenden Grüntönen, wie sie nur ein bayerischer Sommer so vollendet über die Alpen legen kann. Der Gedanke an diese Farben beim Steigflug ist das erste, an das ich mich wieder erinnere, wenn ich jetzt an die Tage vor der Prüfung denke.

Sobald ich über die Benediktenwand nach Süden blicken konnte, klinkte ich aus und wünschte dem Schlepper einen schönen Tag. Leichter Dunst lag über dem Karwendel, und ich wusste, dass ich vorsichtig sein muss: An solchen windstillen Hochsommertagen beginnt die Thermik spät und zuerst nur im oberen Teil des Reliefs. Deshalb flog ich den Gipfel der Benediktenwand an, ohne wie normalerweise gleich auf den Hotspot am Latschenkopf zuzuhalten. Es lohnte sich, denn bald kreiste ich erst neben, dann über dem Gipfelkreuz in den ersten Aufwind des Tages ein. Es stieg mit einem, dann mit eineinhalb Metern pro Sekunde, und ich konnte zusehen, wie sich über mir erste Wolkenfetzen zu einem kleinen Cumulus zusammensetzten.

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Als ich das nächste Mal hinauf schaute, war die Wolke verschwunden, und in 2300 m Höhe verklang das Steigen. Ich verlagerte zum Latschenkopf und wurde sofort in das Tal der Jachenau weiter gereicht. Die Luft war so bewegungslos, dass ich kaum glauben mochte, gerade eben noch im Aufwind geflogen zu sein. In einem weiten Bogen schwenkte ich langsam über den Rißsattel, unsicher über die nächsten Schritte. An einem Tag wie heute sollte man sich möglichst bald ins hohe Gelände begeben, welches der stabilen Warmluft noch am besten entgegenwirken kann. Doch ohne einen weiteren Aufwind führte kein Weg ins hohe Karwendel hinein. Die einzige Chance sah ich im Osten, wo ich vorhin beim Kreisen einen weiteren, den zweiten kurzlebigen Wolkenansatz im Augenwinkel gesehen hatte. Der war zwar nicht mehr da, aber trotzdem entschied ich mich dafür, mit meiner spärlichen Höhe unter den Roß- und Buchstein zu gleiten. Am Südhang, querab der großen Hütte, wurde die Luft endlich wieder turbulent. Mit mühsamen Achten und Halbkreisen manövrierte ich den schweren Discus auf die Höhe des Gipfels; weiter ging es nicht. Immer wenn ich am Roß- und Buchstein hänge und in der Nähe der Felsen auf die nächste Ablösung warte, sehe ich die Felsenrinne unter dem Gipfel, dann kommen all die Bilder zurück, und ich möchte fort. Ohne dass sich ein weiteres Wolkenzeichen gebildet hätte, glitt ich vorsichtig nach Süden an die Blauberge, etwas anderes konnte ich aus meiner geringen Höhe nicht machen. Doch auf keiner Seite des Blocks, den ich einmal vollständig umflog, tat sich etwas. Bald war ich auf 1600 m herunter und musste mich erneut an die Südflanke des Roß- und Buchsteins zurückfallen lassen. Wieder trug der Hang, und wieder arbeitete ich mich zum Gipfelkreuz hoch. Doch etwas war anders als beim ersten Versuch: Die Fahnen an der Hütte hatten zu flattern und zu wehen begonnen! Der bayerische Wind hatte endlich eingesetzt. In diesem Moment wusste ich, dass der Tag noch nicht verloren war, und trotz immer noch zu niedriger Oprationshöhe nahm ich ein klein wenig Fahrt auf, um mich Ostwärts an den Risserkogel zu werfen.

Immer noch stand keine Wolke am Himmel, obwohl die Uhr schon auf halb eins zuging. Trotzdem konnte ich am Risserkogel und an der Maroldschneid Anschluss an die schwache Thermik finden. Dann wurde der Blick über das Inntal frei. Majestätisch hob sich drüben fern der Wilde Kaiser aus dem Dunst, und darüber die ersten, hohen, weißen Cumuluswolken des Tages. Immer noch niedrig, aber diesmal mit begründetem Optimismus, bereitete ich die Talquerung via Kufstein vor.

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Auch im neunten Jahr ist der Anflug auf den Wilden Kaiser für mich ein Erlebnis – je tiefer, desto intensiver. Auf dem Bild sieht man die unkomfortable Perspektive. Der Waldrücken direkt voraus – der Pendling – ist zu dieser Tageszeit meist keine Option, da er sehr niedrig und unmittelbar am stabilen Inntal liegt.

Der Gleitflug über das Inntal ist die einzige Phase des Ostabfluges, in dem es für ein paar Minuten keine unmittelbaren Aufgaben zu erledigen gibt. Dadurch hat man genug Zeit, die Situation unweigerlich auf sich wirken zu lassen, und dies führt stets zu dem Gefühl, den Umständen restlos ausgeliefert zu sein. Wie wird der Felsriese mich empfangen? Komme ich hoch genug an? Was, wenn nicht?

In all den Jahren habe ich gelernt, dass das mentale Spiel während dieser kurzen Ruhe vor dem Sturm den ganzen Flug entscheiden kann. Wer angesichts der Perspektive, sicherlich tief anzukommen, womöglich unterhalb der Felsen, wo schon der Wald ins Tal ausufert, die Nerven verliert, der wird Fehler machen. Aber auch wer mit ausnahmsweise ausreichender Höhenreserve und drei schönen, hohen Quellwolken über dem Kamm mit hohen Erwartungen und viel Fahrt über das Tal geht, wird wahrscheinlich den Launen des Wilden Kaisers zum Opfer fallen. Man muss sich alles in allem bewusst sein, dass man zwangsläufig mehr oder weniger tief unter Hanghöhe in das ganz offensichtliche Lee eines riesigen Felsmassivs gleitet, um zu hoffen, dass die Aufheizung schon am Westende des Berges gegen den nördlchen Talwind gewinnt. Sie gewinnt meistens, aber leicht hat sie es in den ersten Thermikstunden des Tages niemals.

Ich glitt. Das richtige Maß an Vorsicht ließ mich nicht schneller als 120 fliegen. Die Cumuluswolken über dem hohen Gipfelgrat blieben bestehen; die ersten langlebigeren Zeichen des Tages. Ich schätzte den Wind auf 15 km/h aus Nord. Langsam schob sich das gewaltige Massiv auf mich zu, und als mich die ersten Turbulenzen erreichten, begann ich, meine Ankunftshöhe einzuschätzen. Gar nicht so schlimm wie erwartet.

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Die Turbulenzen kamen hart und angenehm. Die Luft jenseits des Inntales fühlte sich gesund und aktiv an, und eine Minute später begann ich in engen Achten direkt entlang der Felsen wieder auf Grathöhe zu steigen. Höher muss man hier nicht, wenn die Optik voraus stimmt. Die Thermik über dem Gestein war ruhiger und breiter als dort unten, so dass ich im Geradeausflug die restliche Höhe bis zur hinteren der drei Wolken gewinnen konnte. Aus 2300 Metern Höhe stand die Felsenrennstrecke offen.

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Im Funk von St. Johann erfuhr ich, dass das Sperrgebiet Hochfilzen nicht aktiv war. Ohne Umwege und mit hoher Geschwindigkeit nahm ich die direkte Route über den Wallerberg und die Leoganger Steinberge, die Steigwerte gingen jetzt regelmäßig über 1,5 m/s. Am Steinernen Meer überschritt ich zum ersten Mal die 2500-Meter-Marke und hangelte mich im Geradeausflug unter dem Matras-Haus vorbei nach Osten. Die Wetteroptik auf Kurs war vielversprechend und der Tag hatte sich spät, aber prächtig entwickelt – wie weit würde er mich heute bringen?

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Die Haller Mauern führten mich zum Dachstein. Überall war das Steigen zwar schwach, aber sehr regelmäßig ausgeprägt, so dass ich kaum einmal anhalten musste, um Höhe zu gewinnen. An der Ramsau kreiste ich zum ersten Mal in über 3 m/s ein, und als ich über den Grimming nach Osten schaute, wusste ich, dass ich heute eine ganz besondere Chance bekommen konnte. Heute war ich früh genug hier, von keiner Seite schien stabile Dunstluft einzufließen, der häufige Basissprung ins Eisenerz schien auszubleiben und ich hatte mich sowieso schon entschieden: Ich wollte weiter in den Osten, ganz bis ans Ende der Alpen fliegen. Ich begann zu rechnen: Es war kurz nach zwei, und wenn ich bei einem wahrscheinlichen Thermikende um 19 Uhr im Endanflug sein wollte, musste ich in einer Stunde umdrehen. Eine Stunde, das können an einem Tag wie heute bis zu 120 Kilometer sein, dachte ich, und setzte zum Sprung über den Grimming an.

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Ich hatte den Weiterflug ins Eisenerz erst wenige Male vorher gemacht. Am Grimming hört häufig die Linienhaftigkeit der Aufwinde auf, so dass es wieder mehr auf Kurbeltaktik und Höheneinteilung ankommt. Bei der Querung in Richtung Pyhrnpass stellte ich mich innerlich auf die neue Strategie um und nahm vorsichtshalber einen schwachen Aufwind an, um mehr Sicherheit für die Schlüsselstelle, den Einstieg in das Gesäuse, zu gewinnen. Noch vor der erneuten Talquerung über Admont stolperte ich plötzlich in 3 m/s und die unmittelbaren Probleme schmolzen dahin. Ich weiß noch, wie ich in diesem Moment mit einem Lächeln an meinen BE-Professor denken musste, und dass ich inzwischen mindestens 200 Kilometer zwischen ihn und mich gebracht hatte.

Auf dem weiteren Weg nach Osten ließ ich mich von den Wolken führen, ohne die Standardroute genau zu kennen. Um 14:40 erreichte ich den Schoberpass, meinen bisher östlichsten Wendepunkt in den Alpen. Doch ich war schnell, und meine Zeitrechnung schien aufzugehen: Noch war es nicht nötig, umzukehren. Ich passierte den eindrucksvollen Erzberg und konnte bald den Hochschwab, das östlichste Hochmassiv der Alpen, vor mir erkennen.

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Diese Berge kannte ich nur aus Google Earth und dem Simulator. Ich wusste die Höhen und Gleitstrecken einzuschätzen, alles andere war mir völlig neu. Als ich die Messnerin überflog und knapp über den Graten des felsigen Hochschwab noch weiter nach Osten segelte, suchten meine Augen im Süden einen ganz besonderen Ort: Dort unten, in dem schmalen Talkessel, lag der Flugplatz Lanzen-Turnau, der Ausgangspunkt der legendären Flüge Kalckreuths, dessen Texte ich früher verschlungen und aus dessen Erzählungen ich mehr gelernt habe als in jeder Flugschule. Ich erinnerte mich an seine Erzählungen von dem Ritt über die Felsen, seine Beschreibungen dieser Routen und Wege durch die Thermik der östlichsten Alpen, und fühlte mich gleich ein Stückchen näher an zu Hause. Das GPS sagte eine Distanz von 285 Kilometern zurück nach Königsdorf, als die Uhr auf 15 Uhr umschlug. Es war Zeit zu wenden, doch wie immer, wenn ich an so einem besondern Ort bin und noch Wolken zu erkunden stehen, konnte ich es nicht. Nach einem kurzen Ringen mit meiner Vernunft und einer neuen Rechnung beschloss ich, bis Kilometer 300, also bis kurz vor die Raxalpe zu fliegen.

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Ich pendelte ständig zwischen 2300 und 2500 Metern und konnte ohne Zeitverlust den langen, flachen Grat des Hochschwab nach Osten reiten. Ich bemerkte zwar, dass die Steigwerte langsam nachließen, aber die 300 Kilometer gerade Distanz konnte mir jetzt niemand mehr nehmen. Um 15:15 Uhr überflog ich die Veitschalm und drehte bald darauf unter der letzten einladenden Cumuluswolke in knapp 2 m/s in den östlichsten Aufwind meiner bisherigen Alpentouren ein – genau 300 Kilometer Luftlinie vom Startpunkt entfernt.

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Es war höchste Zeit, umzukehren. Vorsichtig glitt ich aus 2300 m Höhe an den Hochschwab zurück und rechnete nochmals die Zeit nach. Der einzig bewährte Rückflug aus Osten ist am Nachmittag über die Südseite des Pinzgau möglich, direkt am Alpenhauptkamm entlang. Insbesondere an heißen Tagen wie diesem kommt die Aktivität im niedrigen Gelände schon früh zum Erliegen, während die hohen Berge noch bis in die Abendstunden Thermik entwickeln. Der daraus entstehende Umweg über den Gerlos-Pass verlängerte die noch zu fliegende Strecke auf gut 360 Kilometer, und es war inzwischen halb vier. Hinzu kam eine leichte Gegenwindkomponente und die Tatsache, dass die beste Thermikzeit für hohe Schnittgeschwindigkeiten sich langsam dem Ende zuneigte.

Ich warf einen letzten Blick auf Turnau und das Mariazeller Land, dann plante ich den weiteren Weg nach Westen: Messnerin, Erzberg, Schoberpass. Ich konnte es nicht länger verleugnen: Die meisten schönen Wolken waren während meiner Wende ausgefasert und zerfallen. Der Aufwind an der Messnerin war auffällig schwach, und ich bekam Mühe, sinnvolle Kreise zu fliegen. Hatte ich zu hoch gepokert und war der aus Norden schleichend einfließenden Warmluft auf den Leim gegangen? Misstrauisch überflog ich das Eisenerzer Bergwerk und konnte unter den langsam zerfließenden Wolken nirgendwo mehr Steigen finden. Mühsam warf ich mich in 1500 m Höhe in einen Kessel. Weiterfliegen zum Schober? In dieser Höhe war mir der Weg versperrt. Gerade als ich in meiner Bedrängnis nach Norden ins offene Gelände hinausfallen wollte, spürte ich wieder Turbulenzen. Als ich dicht an den Hang ging, wurde es sofort ein Meter Steigen. Ich biss mich fest und blieb geduldig – die Höhe zum Weiterflug in die Tauern war jetzt wichtiger als ein paar Minuten Zeitverlust. Doch die Uhr saß mir im Nacken, denn niemand konnte sagen, wie lang der heutige Tag tragen würde…

In 2500 m Höhe angekommen, konnte ich endlich nach Süden auf den Schober springen. Auch hier zerfielen die Wolken, doch über dem Gipfelkreuz standen noch zuverlässige 2 m/s, und zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich bis auf 3000 m durchsteigen. Ein Blick auf die Uhr: Wieder eine knappe Viertelstunde Zeitrückstand eingebrockt, aber noch war gar nichts verloren. Im Südwesten warteten die Niederen und Hohen Tauern auf mich, und im bekannten Gelände traute ich mir trotz fortgeschrittener Tageszeit noch einen schnellen Schnitt zu. Ich sammelte allen Optimismus in mir zusammen und stieß mit hoher Fahrt über den Pass auf die Südseite des Ennstales, wo die erste richtig schöne Nachmittagswolke in großer Höhe auf mich wartete.

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Die beste Energielinie stand ungewöhnlich nah am unmittelbaren Alpenhauptkamm. Unter jeder dritten Wolke konnte ich mit noch gut 2 m/s steigen. Auch wenn die Thermik sehr unregelmäßig auf der Strecke verteilt war, ging ich mit 3400 m Operationshöhe wieder in einen angenehm schnellen Stil über. Weit nördlich sah ich den Grimming, Dachstein, Hochkönig vorbeiziehen, wo ich heute Mittag tief unten mit hoher Geschwindigkeit an den Felsen entlang geschossen war. Über der Passhöhe des Tauernpasses erreichte ich um 17:15 die größte Tageshöhe von 3500 m, die mich durch ein großes blaues Loch zwischen Bad Hofgastein und Großglockner brachte. Erst in unmittelbarer Nähe der höchsten Berge Österreichs standen noch Cumuluswolken, die Wetterentwicklung brachte mir allerdings immer mehr Bedenken.

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Als ich nördlich der Eisriesen wieder auf 3000 m zurück stieg, merkte ich, wie die Luft langsam weich wurde. Die gesunden Turbulenzen traten immer mehr in den Hintergrund, und die vorhin noch so lebendige, kräftige Thermik brachte kaum mehr als ein Flüstern hervor. Kurz vor sechs, und noch 120 km zu fliegen. Ich traute mich kaum nachzurechnen, aber unbarmherzig offenbarte der Rechner, dass mir mindestens 1300 m Höhe zum Endanflug fehlten.

Westlich des Großvenedigers begannen sich die Wolken zu verdichten. In weiten S-Schlägen tastete ich die Luft nach Energielinien ab und schaffte es manchmal für wenige Sekunden, meine Höhe zu halten, bevor die Suche wieder von vorne begann. Die Basis schien auf unter 3000 m abzufallen, doch genau konnte ich es nicht sagen, da ich querab Mittersil trotz vorsichtigstem Flugstils schon wieder auf 2400 herunter war.

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Ich war gespannt, was als nächstes passieren würde. Über den Gerlos würde ich auf jeden Fall kommen. Das Kreuzjoch konnte ich noch nicht erkennen – war dort etwa noch Sonne zu finden? Ein, zweimal folgte ich einer der Hanglinien an den Westrippen entlang, doch nirgendwo ging das Vario jetzt noch über null. Unter ständigem Höhenverlust überflog ich um halb sieben in 1800 m Höhe den Gerlospass. Das Zillertal zeigte sich mit unveränderter Optik, doch jetzt hatte ich wenigstens den Talwind auf meiner Seite. Im rein dynamischen Hangaufwind verlor ich zwischen Krimml und Mayrhofen keine Höhe. Von hier musste ich nach Norden abbiegen, um auf die Umkehrthermik am Zillergrund zu vertrauen. Alle Überlegungen gingen jetzt darauf, mich irgendwie nach Norden zum Achensee durchzumogeln. Hier konnte ich entweder die Rückholstrecke auf ein erträgliches Minimum verkürzen, oder das Windsystem für einen letzten Steigflug nutzen.

Doch das Zillertal wollte mich nicht im Stich lassen. Über dem Hangfuß des Kreuzjochs fand ich endlich, wonach ich die letzte Viertelstunde gesucht hatte: Die berühmte Umkehrthermik des Gerlos, der schon an so machem Sommerabend verspätete Segelflieger nach Innsbruck, Zell am See und Kufstein gebracht hatte. In 1600 m begann ich mit engen Kreisen und nahm den Kampf gegen die Schwerkraft ein weiteres Mal auf mich. Der Aufwind war ruppig und unkonstant, manchmal verlor ich ihn, um ihn Sekunden später an einer ganz anderen Stelle wieder zu finden. Tausend Meter gewann ich auf diese Weise in 20 Minuten, bevor mich die Thermik in 2600 Metern über der Ziller ausspuckte. Es half alles nichts – auch wenn die Höhe noch nicht bis Königsdorf reichen konnte, würde ich jenseits des Inntals die späte Tageszeit vielleicht wieder mit Ortskenntnis ausgleichen können.

Um 19 Uhr holte ich mir die Freigabe zur Überquerung der Innsbrucker Kontrollzone. Am Achensee fielen mir wenigstens auf Anhieb drei Optionen ein, um unter diesen Bedingungen zumindest in der Luft bleiben zu können. Der Rofan war meine erste Wahl, und als ich mich in 2000 m Höhe per Funk wieder aus Innsbruck abmeldete, spürte ich, wie über der Westseite des Ebner Jochs angenehme Turbulenzen an meinem rechten Flügel zerrten. Schlagartig riß ich den Discus herum und begann in engen Kreisen, noch einmal mit 1 m/s auf 2400 m zu steigen. Höher kam ich auch nach mehreren Versuchen nicht, doch nun konnte es immerhin – möglicherweise – für einen knappen Endanflug reichen.

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Sobald ich das Nordende des Sees am Hochunnütz überflog, schwenkte ich auf die Talmitte. Jetzt ging es nicht mehr darum, zu steigen, sondern zu verwalten. Manchmal baut sich abends über der Isar eine tragende Linie auf, die von den Blaubergen bis nach Geretsried führt. Ich tastete links, tastete rechts, doch im Bereich des gesamten Flusstales regte sich nichts. Meine Reservehöhe pendelte ständig zwischen null und einem knappen Plus.

Über Lenggries hatte ich noch 1200 Meter, das waren gerade einmal 600 über Königsdorf. Es gab noch gut 20 Kilometer zu fliegen, und langsam begann die Phase, in der jederzeit Entscheidungen fällig werden könnten. Die Kette der Außenlandefelder zwischen hier und dem kurzen Endteil kannte ich im Schlaf, aber trotzdem hatte ich keine Lust auf dieses Spielchen. Hundert Meter mehr, und alles wäre gewonnen.

Es dauerte noch eine Minute, bis ich die Drachenflieger am Heiglkopf sah. Einige der bunten Schirme pendelte hoch über dem Startplatz, und erst nach einer Weile begriff ich, wie stark der Nordostwind hier an der äußersten Kante der Nordalpen in den unteren Schichten sein musste. Wenn irgendwo, dann hier.

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Der letzte Aufwind am direkten Alpenrand war sehr ruhig und schwach. Meine hundert Meter bekam ich innerhalb von wenigen Minuten zusammen. Die letzten Schleifen am Hang zog ich nur noch zum Spaß, obwohl das Steigen schon aufgehört hatte. Es war kurz vor Acht, als ich die finale Gleitstrecke zum zehn Kilometer entfernten Flugplatz ansetzte. Das Gefühl, nach achteinhalb Flugstunden wieder aus den Bergen hierher zurück zu kehren, gehört zu den beruhigendsten und intensivsten Momenten solcher Flüge. Noch einmal sah ich die Felsen, das Tal von Turnau, die Tauern, das Zillertal in Gedanken.

Den ganzen Tag mit den Elementen zu verbringen und sich den Kräften der Natur zwischen Eis, Felsen und Wolken anzuvertrauen, ist etwas, das mich verändert. An manchen Tagen stellt es mich zufrieden, manchmal lasse ich Federn, andere Flüge wecken ein Streben, einen Durst in mir. Meistens jedenfalls bin ich am Ende eines solchen Tages ein besserer Mensch als am Anfang, denn ich fühle mich gereinigt und eingenordet. In einer Welt, in der es mehr Papier als Ideen zu geben scheint, in der mehr Mauern als Brücken gebaut werden und in der man leicht den Überblick über das Falsch und Richtig verliert, vermögen mir bisweilen nur die mächtigen Alpen wieder die richtige Einstellung zurück zu geben.

Flug

Zwölf Stunden nach dem Aufsetzen rieb ich mir in einem rege gefüllten Hörsaal den Schlaf aus den Augen. Ich hatte die halbe Nacht über den Flug nachgedacht und danach wunderbar geschlafen. Als es still um mich wurde, blätterte ich die erste Seite des Prüfungsbogens auf. Zwei Stunden für fünf Aufgaben. Die kann ich vielleicht, die kann ich nicht, die kann ich nicht, die kann ich vielleicht, die kann ich. Ist ungefähr so, wie bei Warmluft um 15:20 Uhr bei Kilometer 360 zu wenden, dachte ich noch: Könnte klappen, könnte aber auch schief gehen.

Ich grinste und schüttelte mich kurz, dann öffnete ich langsam die Kappe meines Stiftes, und begann zu schreiben.

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Veröffentlicht in Allgemein

3 Kommentare zu “Mein Fieber, mein Flug

  1. Super schön geschrieben, wie immer 😉 Vielen Dank, ich finde es toll wie Du die Stimmungen und Emotionen in Worte fassen kannst, Chapeau!!

  2. Als nordeutscher Flachlandtiroler bin ich von diesem Bericht besonders stark beeindruckt! Großes Dankeschön an den Verfasser dieses Blogs! Habe trotz meines relativ hohen Alters erst seit kurzen die Segelfluglizenz und hoffe mich irgendwann auch in die Alpen zu trauen. Dein Bericht, kombiniert mit den imposanten Bildern machen mir jedenfalls den Mund wässerig!
    LG
    Andreas

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