Zwischen den Zeilen

Die leichten Schwaden des frühen Septemberabends veblassten langsam in der Dunkelheit vor dem Fenster der Kantine. Über meine – wieder einmal völlig außer Kontrolle geratene – Nachdenklichkeit war die Nacht hereingebrochen. Ich unterdrückte einen weiteren Seufzer: vor ein, zwei Monaten noch war es um diese Zeit taghell gewesen, klar und warm. Dann schüttelte ich kurz, aber energisch den Kopf, unwillens, weiter regungslos aus dem schmutzigen Fenster hinaus auf die Flugplatzbaracken zu starren, die sich direkt an der Hangkante der Weinberge hoch über dem Unstruttal gegen den grauen Himmel abzeichneten. Auf einmal bemerkte ich den gelben Kugelschreiber in meiner Hand: Ach so, ja. Flugbuch schreiben.

Es war der Abend vor dem Beginn der Prüfungsphase: Erst theoretische, dann praktische Prüfung, dann noch eine Lehrprobe vor dem Prüfungsausschuss – so würden die nächsten Tage aussehen. Die letzten Schritte nach drei Wochen auf dem langen, anstrengenden Weg zu zwei zusätzlichen Buchstaben in meiner Pilotenlizenz: „FI“ – Flight Instructor. Der letzte Abend – nochmal die Verordnungen und Texte durchgelesen, die Grundlagen der Pädagogik und Methodik überflogen und dann – ganz wichtig – mich endlich dazu durchgerungen, die inzwischen über dreißig Flüge des Lehrganges aus den Startlisten in mein Flugbuch einzutragen – „die Papierlage aufklären“, wie man von Amtes Seite her sagt. Um genau diese Seite gnädig zu stimmen.

Ich riss meine Gedanken los, fort von den kommenden Prüfungen, fort von der Dunkelheit vor dem Fenster, von der vielen Melancholie, fort von den ganzen letzten Monaten. Was denn – du wirst doch wohl in der Lage sein, ein paar Daten und Zahlen in dein treues, kleines, blaues Buch zu setzen…

„669“, begann ich. „26.8.“ – „ASK13“ – „D-4134“ – „Bachmaier“ – „Grund“ – „W“ – „Laucha (EDBL)“ – „Laucha (EDBL)“ – „0822“ – „0856“ – „0034“ . Zeile für Zeile. Ausbildungsflug für Ausbildungsflug. Am Ende der Seite (690, 06.09., ASK21, D-7087, Kohlhas, Bachmaier, F, EDBL, EDBL, 1123, 1137, 0014) addierte ich wie automatisch die Zeiten, trug das Ergebnis sorgfältig in der rechten Ecke ein und blätterte um.

Blau.

Tisch.

Buch zu Ende.  Mein erstes Flugbuch; voll.

In einem Atemzug lehnte ich mich in den harten Holzstuhl zurück. Der Moment, der unweigerlich kommen musste. Innehaltend, lange, ruhte mein Blick auf dem geschlossenen Buch, dem abgegriffenen, etwas ausgeblichenen hinteren Umschlag mit dem Eselsohr an der Ecke und dem Riss am oberen Rand. Noch nie war mir aufgefallen, wie alt es geworden war. Spuren des Lebens. Spuren des Fliegens. Spuren eines siebenjährigen Daseins als Begleiter, als unscheinbares Zeugnis meiner wachsenden Flugerfahrung, still in den Bordtaschen unzähliger Cockpits abwartend, um die Daten und Fakten der fast siebenhundert Flüge, der fast 1300 Stunden, Tag für Tag und Zeile für Zeile in Erinnerung zu behalten. Wahrlich hatte es seinen Dienst getan, und in diesem Moment – für das Buch oder für mich? – war es, als ginge eine Ära mit plötzlicher Endgültigkeit zu Ende.

Behutsam hob ich das Buch vom Tisch auf und nahm mit einer ungewohnten Vorsicht, die ich ihm noch nie zuvor beigemessen hatte, meine Lizenz, mein Medical und Lukas‘ Überflugfoto der „2D“ zwischen den Seiten heraus. Dann begannen meine Finger durch die Listen der vielen Blätter zu streichen, bis Namen, Stunden und Landungen an mir vorbeizurauschen begannen wie ein zusammenhängender Code von Informationen, die die Welt bedeuteten.

Was für Schätze sich zwischen diesen Zeilen befanden! Ganz vorne, die ersten Schulflüge im Mai ’05, jeder für sich eine kurze Reise in eine andere Welt, eine Welt, die bald meine Welt sein würde. Bilder und Erinnerungen – die Einundzwanzig, die Windenstarts, die SGI-Fluglehrer. Ich fuhr mit den Augen soweit nach unten, bis diese Spalte zum ersten Mal leer blieb. Nummer 50 – im Oktober 2005 – versehen mit einem Kommentar im letzten Feld: „1. Alleinflug“. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl dieser Tage. Wie naiv, zu glauben, jetzt Fliegen zu können. Ich lächelte: das wirkliche Lernen hatte an diesem Punkt erst angefangen, und vor allem hatte es seitdem nie aufgehört.

Neugierig blätterte ich weiter – Flüge über Flüge, Starts und Stunden im Übermaß, viel mehr als ich gebraucht hätte, stets gebunden an den Platzbereich, den ein Flugschüler auf seinen Alleinflügen nie verlassen darf. Zu fast jedem dieser einzelnen, längeren Solos passte ein Bild in meinem Kopf – willkommene Abwechslung zu den erbarmungslosen Übungen, den anstrengenden Trainings im Doppelsitzer. Da – der erste Dreistundenflug! Fest entschlossen, die mühsam mit den Lehrern ausgehandelte Regel, sich im Zehn-Kilometer-Radius um den Flugplatz mehr oder weniger frei bewegen zu dürfen, voll auszureizen, fielen mehrmals die in diesem Käfig theoretisch machbaren 120 OLC-Kilometer. Voll Sturm und Drang, und doch befangen vor der Unsicherheit, die hinter dem „Tellerrand“ auf einem Streckenflug zu lauern schien, stand ich jeden Abend an der Landebahnschwelle und warf Mathias, Hans, Armin und Gerd verträumte Blicke zu, die nach einem langen Tag in den Bergen spät zur Landung ansetzten. Wusste ich damals schon, was diese Berge einmal für mich bedeuten würden, welche Lasten mir auferlegen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hatte ich es mir immer gewünscht, vielleicht aber auch nie zu träumen gewagt.

Ich musste langsamer blättern, genauer hinsehen, bis ich den Flug der praktischen Prüfung entdeckte – eine unscheinbare Eintragung zwischen mehreren längeren Flügen, Anfang 2007. Die darauf folgenden Seiten sprachen eine deutliche Sprache. Monate des Entdeckens und Orientierens, Ständiges sich-aus-dem-Nest-Stürzen und gelegentliche Erfolgserlebnisse – und nach dem Flug hastig die Eintragung hingekritzelt, Tintenfleck hin oder her. Viel zu wertvoll die Zeit, die längst mit Analyse, Flugbericht, Beruhigung und Lagerfeuer gefüllt werden könnte. Was für Flugplätze sich in diesen Zeilen wiederfanden, flüchtige Erinnerungen an Amberg, Obernau, Klippeneck, Mindelheim, Greiling, Unterwössen, Ansbach… und natürlich, immer wieder: Königsdorf.

Auch wenn ich behaupten kann, schon an mehr Plätzen gewesen, mehr Sterne gesehen und an mehr Orten geschlafen zu haben als viele andere: Wenn ich mich selbst frage, wo ich zuhause bin, kann ich nicht umhin, als dieses Wort zu denken. Königsdorf. Der schönste Flugplatz der Welt. Der Ort, an dem meine wildesten Träume ihre Wurzeln bekamen.

Und wie wild das alles geworden war. Und wie schnell. Neugierig blätterten meine Hände durch das Jahr 2009. Als ich noch in die Schule ging, zwanzig Fahrradminuten vom Flugplatz entfernt, war ich fast jede Woche in den Bergen, und in diesem Sommer wurde die Alpennordseite mein Spielplatz. Was für eine Zeit das doch war – grob überschlagen rechnete ich zweihundert Flugstunden in dieser Saison. Irgendwann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich das Siebenhunderter-Dreieck auf die Südseite durchziehen konnte. Ich fand den Flug auf Anhieb, zu oft schon hatte ich mit Stolz auf diesen Eintrag gestarrt. Neun Stunden siebzehn am 27.06.2010. Das war der Tag nach meinem Abiball. Ein Abend, der für mich schon vorbei war, bevor er begonnen hatte. Grinsend dachte ich daran, wie mir einfach alles egal war, außer eines: Früh genug verschwinden und am nächsten Tag den Siebenhunderter fliegen. Vielleicht habe ich an diesem Abend erkannt, was das Segelfliegen über die ersten Jahre mit mir gemacht hatte. Und vor allem, wie sehr ich diesen Umstand mochte.

Eine Seite später sprang ein rosa Aufkleber über einige Zeilen hinweg ins Auge. Omarama. Meine neuseeländische Fluglizenz, unterschrieben von Lemmy Tanner persönlich. Welche Namen da in der Copilotenspalte standen! Justin Wills, der Sohn von Urvater Philip, sowie Wrigley, und Terry Delore. Zwischen den Zeilen blitzen Bilder in meinem Kopf auf: Mount Cook, Lake Tekapo, die Welle über dem Dobson Valley.

Ungefähr bei Flug Nummer fünfhundert begann eine ganz neue Ära – mein Profijahr. Die Sposo-Tour 2011 nahm über endlose Seiten ihren Lauf. Kaum ein Tag ohne Flug, kaum ein Flug unter fünf, sechs Stunden. Puimoisson, Prievidza, Eichstätt, Königsdorf, Eskilstuna, Sobernheim, Holzdorf, Ansbach, Puimoisson, Stonefield. Fast drei Seiten Stonefield… Und am ersten Januar die Erfüllung eines Lebenstraumes: Tausend Kilometer, säuberlich vermerkt in der rechten Spalte „Bemerkungen“.

Als ich weiter blätterte, die rechte Buchseite war schon sehr dünn geworden, fiel mir auf, wie außerordentlich gefüllt doch auch das Jahr 2012 mit Flügen erschien. So übel sah das überhaupt nicht aus, zwei lange Wettbewerbe, Langstrecken, einmal sogar neunhundert Kilometer in den Alpen… das mussten zusammen wieder fast zweihundert Stunden sein. Angefangen schon im März, kaum wieder im „normalen“ Arbeitsleben angekommen, getrieben von der puren Sucht, dem stetig anwachsenden und unbrechbaren Willen zu fliegen. Ein Lauf, der sich seit meinen ersten Starts und Landungen immer weiter bestätigte: Je mehr ich flog, je besser ich wurde, desto mehr wollte ich fliegen. Und je mehr ich lernte, desto mehr Spaß machte es. Ein sensationeller Zusammenhang, von dem man als fliegender Idealist nur profitieren kann, schmunzelte ich. Mein Blick flog begeistert über die letzten paar Seiten, das Training in Eichstätt, die Luftschlacht in Jena, das Spektakel in Stölln… Was für eine Erfüllung das doch gewesen war… eigentlich.

Dabei hatte ich doch gerade noch dagesessen und dieses Jahr, dieses 2012, bis aufs Äußerste verflucht. Natürlich war es nicht mein Jahr gewesen. Der Tod, die Liebe, die Machtlosigkeit und schwere Entscheidungen hatten ihre Kratzer, Narben und mitunter offene Wunden hinterlassen. Im schwarzen Fenster spiegelte sich mein Gesicht, und mit einem Mal kam ich mir alt vor, entsetzlich gealtert und geschwächt von den Kämpfen und Verlusten dieses Sommers. Ich hatte kaum etwas geschrieben, und wenn doch, so hatte ich es nicht veröffentlicht, weil jedes Wort, jeder Satz zu persönlich, zu bedrückt, zu unfrei gewirkt hätte. Aber ich war geflogen, verdammt, ja, ich war so richtig viel geflogen. Wenn die ganze Welt zusammenzubrechen drohte, war die Luft monatelang das einzige Element, auf das ich mich verlassen konnte, war das Cockpit mein Ruheraum, mein Beichtstuhl und meine Zuflucht geworden. In diesen Stunden war ich zu Höchstform aufgelaufen, hatte alles anweden können und müssen, was ich je gelernt hatte, und viele meiner Strecken verwirklicht. Hatte mit Fabi in Jena die Quali geholt, die DMSt gewonnen und war mit Tim in Stölln vorne dabei gewesen. Wenn ich nicht hätte fliegen können, in diesem Jahr, dann… ich schüttelte langsam den Kopf. Vor ein paar Wochen noch hatte ich zu meiner Familie gesagt, dass man am Steuer eines Flugzeuges zwar eine wirklich gute Aussicht hat, aber dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben weit darunter liegen. Jetzt im Herbst, nachdem alle Stürme im Begriff waren, sich wieder zu legen, gerade in diesem Moment, mit meinem ersten gefüllten Flugbuch in der Hand, dämmerte mir plötzlich: Manchmal ist es genau umgekehrt.

Vergeblich und ganz automatisch versuchte ich ein letztes Mal, den vernarbten Buchrücken ein wenig glatter zu streichen. Dann begann ich, in meinem Rucksack nach seinem Nachfolger zu suchen. Sekunden später lag ein neues, unbeschriebenes, sauber eingepacktes und himmelblaues Heftchen neben dem alten Flugbuch auf dem Tisch. Mechanisch begann ich damit, meine Daten auf die erste Seite einzutragen und die letzten Flüge des Fluglehrerlehrganges in der Liste auf dem Tisch zu finden. Endlich warf ich den Stift auf den Tisch und wagte einen prüfenden Blick auf den makellosen Umschlag des neuen Dokumentes. Du wirst ein schweres Erbe antreten, dachte ich mir noch, aber ein wunderschönes.

Ich stand auf, lief zur Tür und trat hinaus in die Nacht. Dann wanderte ich auf die Landebahn und ließ mich vom dunklen Nebel verschlucken. Nicht einmal die Krähe, die vom Wegesrand aufschreckte, bemerkte die Träne, die von meiner Wange auf das Gras tropfte.

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8 Kommentare zu “Zwischen den Zeilen

  1. Wow, ich muss schlucken – ein wundervoller Text. Obwohl wir uns nicht kennen, nicht einmal einer Generation angehören, spüre ich die Nähe, die gleiche Schwingung – toll.

  2. Wirklich toll geschrieben! Für mich -als Segelfliegerin- habe ich sofort eine Verbundenheit gespürt und wenn ich darüber nachdenke, kann auch ich es kaum erwarten, mein blaues Buch weiter aufzufüllen….

  3. Vor der Wende musste ein Bekannter von mir aus Westdeutschland, der damals schon geflogen ist, eine Notlandung machen – und das tat er auch, nämlich in Ostdeutschland – wie er erst später bemerkte. Da gab es erst mal ein paar Frage zu beantworten, bevor er wieder ausreisen konnte… Wann hast du angefangen, zu fliegen?

  4. Lieber Benni,
    sehr schön wieder etwas von Dir zu lesen!
    Du hast die seltene Gabe die Emotionen beim Segelfliegen in passende Worte zu fassen – Danke dafür…

    Mit Fliegergruß
    Frank

  5. Vielen Dank für diese Worte! Ich sitze bei mir im Arbeitszimmer mit dem Blick nach draussen auf den grauen Bisenhimmel und du entführtest mich in eine andere Welt voll wunderbarer Erlebnisse, Herausforderungen und Erinnerungen. Du schreibst immer so unglaublich mitreissend… Ich kann jedes Wort nachvollziehen. Vielen Dank für diese Worte!

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