Die lange Fahrt zurück

Was mich anging, so war die Segelflugsaison in Europa beendet. Vielleicht, als ich zum letzten Mal in Puimoisson aufsetzte, vielleicht als ich hinter der Seitenflosse der sorgfältig verstauten LS-1 die Anhängerklappe zuzog, oder vielleicht auch erst, als ich allen zurückbleibenden Flugplatzbewohnern sowie meinen Kollegen Fabi, Daniel und Joachim zwei- oder dreimal mehr die Hand geschüttelt hatte und schlussendlich ins Auto stieg.

Wie immer war ich ohne Navi unterwegs und breitete eine große Straßenkarte der Provence auf dem Beifahrersitz aus. Aus der Luft kannte ich die Berge auswendig und war mit dem Tanz durch die Luftströme und Naturkräfte der französischen Alpen mittlerweile fast so vertraut wie mit dem Fliegen „daheim“. Doch was für eine weltfremde Idee, den Weg nach Norden diesmal nicht entlang der höchsten Bergzüge und Thermikwolken zu suchen, sondern in engen Passkehren und tiefen, gewundenen Tälern dem Asphalt folgen zu müssen! Hinauf nach Briancon, dann über den Mongenevre nach Italien, durchs Susatal in die Po-Ebene und über Turin, Mailand und Verona zum Brenner hinauf in die Nordalpen.

Es wird eine lange Fahrt werden, denke ich, während meine Blicke ständig von der Straße fort gezogen werden: Dort oben, an der Kante des Asse-Tals, haben Daniel und ich einmal am späten Nachmittag den ersten leisen Hauch von einem Rotor erwischt, nachdem wir uns aufgrund der wenig aufschlussreichen Wetteroptik schließlich ein Herz gefasst und doch noch zum Start durchgerungen hatten. Irgendwann stießen wir ins laminare System durch und konnten wenig später aus 3500 m Höhe betrachten, wie die Asse und ihr Tal im Süden mit der Durance Bekanntschaft machen. Weit, weit dahinter am Horizont verriet ein hell spiegelndes Leuchten das Ziel der Flüsse: Das Mittelmeer.

Ich will gerade weiter schwärmen und in Gedanken den Weiterflug durchgehen, im aufbauenden Nordwestwind der Trick mit Chabre und Crete de Sel, der uns zum Pic de Bure brachte und uns den Weg in die obere Troposphäre frei machte.

Dann aber muss ich aufpassen, nicht von der Straße abzukommen und in eine der langen Wiesen von Marcoux hinein zu rasen, jene Felder, auf denen Daniel immer fast gelandet ist, dann aber doch nie runter musste. Von hier aus erstreckt sich die Coupe, im Sommer ein zuverlässiger Aufzug zum Einstieg in den „Parcours“, nach Norden. Vom Boden aus sieht man sie gar nicht vernünftig, man muss schon wissen, was dort ist. Die Straße wird beim schieren Gedanken an den konstanten Aufwind in der Brise schon wieder völlig uninteressant und ich stelle mir lieber vor, mit dem rechten Flügel metergenau an der Steilwand entlang zu sägen, die Felsen schließlich zu übersteigen und am Gipfel in den starken Aufwind einzudrehen, genau im Zentrum schon beim ersten Kreis, das Vario im oberen Anschlag.

Weiter geht die Fahrt. Fahren ist super. Es kommt nur auf die Einstellung an. Ich denke einfach gar nicht erst daran, was man da oben über den Gipfeln des Parcours gerade veranstalten könnte. Wilde Rennen mit anderen Flugzeugen, endlose, sorglose Kilometer im Geradeausflug und ruhige Abendspazierflüge, getragen von der ausklingenden Brise. Lässt mich alles völlig kalt.

Über der nächsten Kuppe erscheint der große Stausee, an dem jeder Streckenpilot in Südfrankreich im Normalfall mindestens einmal am Tag vorbei kommt: Lac de Serre-Poncon. Normalerweise meide ich nach seiner Überquerung den Guillaume, der einer der Verkehrsknotenpunkte für Flugzeuge der Provence ist, bleibe lieber auf der östlichen Talseite – manchmal aber zieht es mich doch über diesen Gipfel. Hat man sich einmal durch das Verkehrschaos hindurch nach oben gearbeitet, lohnt es sich, einen Blick auf das malerische Panorama zu erhaschen.

Einmal, abends um sieben, musste ich sehr lange an der Westflanke achtern, um durch die markante Scharte im Mongon an den Parcours zurück zu gelangen – beinahe wäre das schief gegangen und ich hätte bei Sunset in Les Crots, der kleinen Schotterpiste direkt am Seeufer, landen müssen. Als ich an der Zufahrt vorbeifahre, bestätigt ein Blick auf die Uhr, dass die Rückholfahrt zwei mal drei Stunden gedauert hätte…

Dann biege ich ins obere Durance-Tal, die Brianconée ein – ein Tal, welches zwei Welten voneinander trennt.

Auf der östlichen Seite schützt eine massive, zerklüftete Mauer das kontinentale französische Klima vor der nassen, heißen Luft aus der Po-Ebene. Diese für uns so wichtige Trennwand besteht aus Gebirgszügen, deren höchste Spitze der Monte Viso ist und in der es nur wenige Durchlässe von Ost nach West gibt. Über diesem hohen Gelände entstehen oft die ersten Quellwolken des Tages, während nachmittags und abends bisweilen massive Schatten und Hindernisse entstehen werden.

Manchmal gelingt es, an den Monte Viso und seine Hauptkette heran zu segeln und von dort aus an der direkten Luftmassengrenze entlang neben oder über den Wolken zu fliegen. Als sich an einem stabilen, blauen Tag im späten August entlang der Haupt-Täler über den Graten kein Lüftchen regen wollte (ich war bis zum Prachaval stets unter Hanghöhe geflogen), bog ich auf einmal wild entschlossen nach rechts ab und versuchte, mit dem im Osten massiv ansteigenden Gelände mitzuhalten. Es gelang, und nach einigen Kilometern lagen die auslösenden Punkte tatsächlich oberhalb der Inversionshöhe, so dass sich dort, nur an sehr vereinzelten und expliziten Stellen, schwache Blauthermik bis 4000 m Höhe entwickeln konnte, wahrscheinlich labilisiert durch die nahe Luftmassengrenze. Dieses Spiel konnte ich hoch über dem Terrain immer weiter treiben, bis ich direkt an der Trennlinie war und auf einmal zweitausend Meter oberhalb der Wolkenbasis des italienischen Flachlandes flog.

Als ich durch St. Crepin fahre und man auf Straßenschildern überall den „Parc Nacional des Ecrins“ anpreist, schaue ich nach links und kann hoch oben schroffe Spitzen erkennen. Dort, auf der westlichen Seite der Brianconée, bilden die Ecrins ein wildes Labyrinth aus durchweg senkrechten Felswänden, eingebunden in die bizarren Formen der südlichsten Viertausender Europas. Wer zur richtigen Zeit hoch genug am richtigen Ort ist, kann auf dem „Königsweg“ mitten durch fliegen und muss aufpassen, an jeder Ecke der Felsen richtig abzubiegen, um nicht in einer Sackgasse zu enden. Ich erinnere mich gut, wie auf einem dieser gewagt erscheinenden Durchflüge endlich der Ausgang an der Tete d’Amont in Sicht kam und aus einer schattigen Wand unvermittelt ein Adler zu mir aufstieg. Leicht überfordert mit der Nähe des jeweils anderen, versuchten wir es nach einigen Achten im ruppigen Steigen mit Vollkreisen, sobald die Steine weit genug unter uns waren. Sogleich nahm der Stress-Level ab und der riesige Vogel wagte sich in friedlicher Absicht Meter um Meter näher an mich heran. Meine fünfzehn Meter Spannweite schienen ihn ebensowenig zu stören wie mein Unvermögen, so eng zu kreisen wie er. Erst nach einem ausgiebigen Fotoshooting wurde es meinem neuen Freund zu blöd und er pfeilte die Flügel zurück, zielstrebig davon sinkend und ohne sich noch einmal nach mir umzusehen. Sekunden später ging das Steigen auf Null zurück und ich zog davon mit der Bewunderung für einen, der mehr weiß als ich.

In der von riesigen Befestigungsanlagen aus Kriegszeiten überragten Marktstadt Briancon biege ich zum Mongenevre ab. Das Flugzeug ist schwer und ich muss das Gaspedal durchdrücken, um den Anhänger hinterher ziehen zu können. Vor ein paar Tagen ging das Steigen noch, ohne irgendetwas dafür in einem Motor verbrennen zu müssen. Als ich auf der Passhöhe ankomme, fühle ich mich, als hätte ich jemanden betrogen.

Ein letztes Mal steige ich aus und schaue hinüber in die Gipfel der Ecrins – es ist ein tiefblauer Herbsttag geworden. Im Norden trennt der große Riegel der Rocciamelone das Susatal von der Maurienne, und irgendwo dahinter liegt auch der wunderbare Lac du Mont Cenis, an dem sich zwei, manchmal sogar drei verschiedene Luftmassen begegnen: Aus Süden, Norden und Osten fließen die Klimaregionen hier zusammen. Auf einem aufregenden Flug bis hinüber nach Sollieres hatte ich das Glück, diese Situation zu beobachten und zu fotografieren.

Dann steige ich zurück ins Auto und nehme die Route über die Grenze. Rollend falle ich ins Susatal hinunter, tauche langsam in den Dampf der Mittelmeerluft ein. Angekommen auf der Autostrada, drehe ich die Musik auf, verstaue die Karte und mache es mir im Sitz gemütlich. Es wird eine lange Fahrt werden.

 

 

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3 Kommentare zu “Die lange Fahrt zurück

  1. Hallo Benny,
    mit diesem Bericht vermittelst Du die Stimmung, die uns auf der Heimfahrt aus der Provence befällt, sehr treffend.
    Vielen Dank, dass Du uns daran teilhaben läßt.
    Dein Martin

  2. Benni, Deine Berichte sind alle klasse. Aber dieser hier ist so herausragend gut und packend geschrieben, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich säße bei Dir im Auto auf der langen Fahrt zurück. Und Du würdest nach links und nach rechts und nach oben deuten, und mir von Deinen Flügen erzählen………
    -Papa-

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