Sommer in Schweden

Der Nachmittag nahm seinen Lauf. Am Rande des Campingplatzes, im Halbschatten der aufgereihten Anhänger, saß Fabi im warmen Gras und beobachtete die unmotiviert im starken, warmen Wind kreisende ASK-21 des örtlichen Vereins, die unter der zerbrochenen Wolkendecke bisher bei keinem Übungsflug länger als eine Viertelstunde am Himmel geblieben war. Ich setzte mich dazu, streckte mich und stöhnte ausgiebig: Das Wetter hatte uns mürbe gemacht und war drauf und dran, uns den finalen Hieb zu verpassen.

Nach einem Blick auf die Uhr und hinüber zum Windsack sah er mich an: „Fast drei.“ Ein nachdenklicher Blick zum Himmel, dann fügte er hinzu: „Angeln?“

Die ASK befand sich inzwischen erneut im Landeanflug, droben jagte eine Wolke die andere, so dass kaum einmal ein wenig Sonne durch drang, und am Horizont standen ein, vielleicht zwei schräge Quellungen – unerreichbar gegen den Westwind. Über Stockholm und entlang der Küste schien es bereits zu schauern. So ging es nun schon seit Tagen – eine Besserung war nicht in Sicht. Es gab kaum einen Grund, aber das hatte mich schließlich noch nie gestört.

Ich sagte: „Wir fangen doch sowieso nichts. Würdest du mir einen Gefallen tun? Ich möchte aufrüsten…“

Es half ja alles nichts. Seit dem Beginn unseres Trainingslagers am schwedischen Segelflugzentrum Eskilstuna waren gute Flugtage eine Seltenheit. Kaum einmal konnten wir an mehr als zwei Tagen am Stück fliegen, selten war das Flugwetter ungestört von Schauerneigung, Feuchtigkeit oder Starkwind. Wenn dies so blieb, mussten wir eben auch bei schlechtem bis unmöglichem Wetter fliegen, um sinnvoll trainieren zu können (es half ja alles nichts). Also holten wir die LS-1f aus dem Anhänger, montierten Leitwerk und Tragflächen, gingen rasch durch alle Checks und brachten das Flugzeug zum Startplatz. Vor dem Einsteigen beäugte ich noch einmal misstrauisch die verschwommenen Wolkenunterkanten. Dann schnallte ich mich an und meldete mich per Funk startbereit. Es half ja alles nichts.

Nachdem ich das SPOT-System aktiviert und die letzte Checkliste abgearbeitet hatte, blickte Fabi mir kurz und fest ins Gesicht, bevor er auf die anrollende, knallgelbe Pawnee mit der liebenswürdigen Kennung „FLA“ zu rannte, um das Seil zu holen.

Schon hatte ich die im Wind federleichte LS-1f von der fast ebenso langen wie breiten Graspiste abgehoben. Der Schleppzug passierte die Baumreihe mit ihren Luftwirbeln, dann die Straße, dann einige helle Felder am Rand der Kleinstadt Eskilstuna, bevor wir uns nach rechts drehten und steil gegen den Wind aufzusteigen begannen. Adam zog mich einige Kilometer von der Luftraumgrenze Stockholm fort, um mir Bewegungsfreiheit für den ersten Steigflug zu geben. Unter uns versank der Boden, und der Schleppflug wurde kurzzeitig ruhig und leicht.

Selbst nach zwei Wochen Trainingslager über diesem unbekannten Land ließ der erste Blick voraus nach Westen mein Herz immer noch ein, zwei Schläge lang aussetzen: Da zeigte Schweden wieder sein für Piloten so wunderliches Gesicht, und es fand sich wieder das Gefühl des Neuen und Unnahbaren, das den Anreiz für unsere Expedition hierher gegeben hatte.

Denn der Westen und Norden, auf der Landbrücke zwischen den Hjälmaren und Mälaren-Seen und jenseits davon, ließen die nahe Zivilisation schlagartig vergessen. Über der Landschaft verstreut finden sich Tümpel, Teiche und andere Gewässer in nie erfasster Zahl, in deren Gesellschaft sich wenige gut getarnte Rodungsinseln und Wirtschaftsfelder verbergen. Geprägt wird jeder Eindruck, jede Streckenwahl, jede Entscheidung und jeder Blick vom Grund bis zum Horizont aber nicht von diesen Inseln, sondern vom unendlichen, einfarbig dunklen und selbst mit dem Flugzeug kaum zu überwindenden Wald, der das Land von Küste zu Küste und von vorne bis hinten beherrscht.

Segelfliegen wird hier zu einer Herausforderung ungewohnter Art – wir waren auf den Exkursionen der vergangenen Tage sogar bei 2000 m Basishöhe und Thermik, die räumlich und zeitlich keine Grenzen zu kennen vorgab, niemals ganz ohne Probleme unterwegs gewesen.

Ich klinkte aus und fand sofort schwaches Steigen mit etwas mehr als 1 m/s. In etwa 800 m Höhe verlief der Aufwind im Nichts und das Kreisen hatte mich gut einen Kilometer nach hinten versetzt. 40 km/h West, schätzte ich. Mit der Wolkenoptik wusste ich auch nicht viel anzufangen, und weil das gleichmäßige Bodenmuster „See-Wald-Wald-See“ mir nicht sehr geheuer war, wollte ich mich auch nicht unbedingt nur am Boden orientieren. So probierte ich verschiedene helle und dunkle Wolkenunterkanten aus und fand kein richtiges Steigen.

Je mehr Höhe ich verlor, desto weiter schlug sich meine Unbefangenheit in äußerstes Misstrauen um.

Schließlich drehte ich in eine der schwachen, unstrukturierten Steigböen hinein, klammerte mich so gut es ging im Zentrum der schwachen Thermik fest und beschloss, dass mit diesem Tag nicht gut Kirschen essen war.

Minuten um Minuten vergingen, in denen kaum etwas anderes als der erbarmungslose Windversatz und die unregelmäßigen Ausschläge des Variometers eine Rolle spielten. Ich war erleichtert, als es endlich dunkel über meinem Kopf wurde. Immer noch unsicher, der Aufwind könnte jeden Moment unter meinem Gewicht in sich zusammen sinken, ließ ich mich die letzten Höhenmeter hinauf tragen, bis die ersten Schwaden der grauen, unscharf gezeichneten Thermikwolke mich zu umschließen drohten. Dann drückte ich gegen den Wind vorwärts uns gab mächtig Gas: 140, 150 km/h – nur so schien der starke Gegenwind zu schlagen sein.

Wie beim ersten Vorstoß ging es kaum vorwärts und stetig abwärts. Ich flog am Ufer des Mälaren entlang, vorbei am Sädtchen Kviksund, und überquerte zwei große und drei kleine Teiche sowie eine Menge Wald, und falls sich über der großen Sandgrube voraus auch kein Steigen fände, dann müsste ich wohl auf den Feldern daneben landen. Der schwache Aufwind, der sich dann doch noch fand, trieb mich in umgekehrter Reihenfolge wieder an den Stellen vorbei: Sandgrube, Wald, Teiche, Kviksund, Wolke. Weiter geht´s.

Zweimal noch wiederholte ich dieses Spiel, bis ich nach einer knappen Stunde stolze zwanzig Kilometer nach Westen gekommen war. Ich fand das Fliegen in Schweden wirklich cool, und wollte mir den streckenfluguntauglichen Tag einfach nicht nehmen lassen.

Dann, als ich eigentlich gerade erst richtig angefangen hatte, fand ich auf einmal überhaupt keinen Aufwind mehr. Immer mehr wurde ich gezwungen, mich zu einem Gebiet mit einigen bewirtschafteten Feldern hin zu orientieren, und nach wenigen Minuten schon war meine erste Außenlandung seit über 200 Flugstunden beschlossene Sache. Ein intensiver Überblick legte mehrere Optionen an den Tag – der Bewuchs war schwer einzuschätzen, aber in Schweden muss man nehmen, was man bekommt. Die Einheimischen bewiesen soagr manchmal genug Nerven, völlig ohne ein Feld in der Rückhand zu fliegen…

Die endgültige Entscheidung fiel zwar niedrig, aber ohne Zweifel. Irgendwie hatte ich von dem Tag langsam doch genug, und Außenlandungen müssen wie jedes andere Flugmanöver ab und zu geübt werden. Und zwar jetzt.

Das Feld war kurz, doch der Wind stark und die Klappenwirkung der LS-1f überragend. Vor mir zwischen den Bäumen ein Hof mit blau-gelber Flagge, um mich herum Bäume – sonst nichts.

Nach dem obligatorischen Rundgang um das Flugzeug telefonierte ich mit Fabi, der mit den Worten „Oh nein“ abnahm, und versuchte danach mehr oder weniger erfolglos, Kontakt mit der lokalen Bewohnerschaft aufzunehmen. Niemand sprach englisch, so dass man mir die eventuellen Möglichkeiten, das Flugzeug zu bergen, mit Händen und Füßen erklärte, aber insgesamt sah ich keinen Grund, mich bedroht zu fühlen. Es war ja auch nicht weit weg, so dass Fabi bald vorbei kam um mich zu „retten“.

– Mal wieder hatte ich mit meinem übertriebenen Optimismus komplett unrecht gehabt, aber einen anderen Weg, das Land zu erkunden, sah ich in diesen Tagen einfach nicht…

Ein paar Flugtage sollten dann doch noch folgen: Insgesamt kamen Sabrina, Fabi und ich in unserem Schweden-Sommer durchaus auf unsere Kosten.

Wir erkundeten gemeinsam das Mittelland bis hin zur Ostküste, flogen über 200 Kilometer in den Norden vorbei an Dala Jarna, folgten im stundenlangen Geradeausflug den legendären schwedischen Konvergenzen über das Land und auch wenn DIE Hammerwetterlage fehlte, gelangen uns mehrere Langstrecken über 500 km – Fabi knackte im Discus 2T sogar die siebenhundert…

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