Baguette, Crossaint, Planeur, etc.

Folgt man, von einem der abenteuerlich angelegten Straßenpässe Südfrankreichs aus Grenoble in den warmen Süden der Provence hinunter fallend, der ausladenden Route N°75 durch enge Schluchten und vorbei an felsig überschatteten, stillen Städtchen, so gelangt man nach einiger Fahrzeit schließlich in die einladende Weite des Durance-Tales.

Wer hier dem Drang widersteht, im Stadtzentrum von Sisteron der fremden Sprache und den gallischen Brunnen zu lauschen, die majestätischen Hinkelsteine von Saint Auban zu bewundern oder die wilden Schluchten und stillen Seitentäler der Bleone wandernd zu erkunden, der gerät schon bald aus den höheren Bergen heraus und verirrt sich südlich von Digne in immer engere Sträßchen.

Hoch über dem Flußlauf der Asse schlängelt sich ein Weg auf das Plateau von Valensole hinauf, wo das Dorf Puimoisson mit nicht mehr als tausend Bewohnern nur wenige Reisende inne halten lässt.

Kaum beschildert und kaum befahren, führt ein steiniger Feldweg über ein paar Hügel hinter das Dorf. Endlich erscheint ein hier Windsack, dort reihen sich einige neu erbaute Chalets aneinander, dazwischen sind zwei frisch asphaltierte Start- und Landebahnen zu überqueren. Eine aufgelockerte, doch täglich wachsende Anzahl von Flugzeuganhängern und ein im französischen Landhausstil gehaltenes Hauptgebäude werden auf einer Seite vom Abhang des Tales, auf der anderen von den Bäumen und Felsen der Serre de Pavaillon eingerahmt. Der Flugplatz Puimoisson ist gut versteckt.

Auch aus der Luft muss man eine Weile suchen, wenn man abends gegen die Sonne aus dem „Parcours“, Frankreichs bekanntester Segelflug-Rennstrecke, nach Westen zum Endanflug ansetzt. Die weißen Hütten sind oft der erste Anhaltspunkt für Alfred Spindelbergers neues „Baby“, den sanierten Flugplatz, in den er so viel Zeit, Geld und Mühe investiert. Wenn die Flugzeuge nach einem langen Streckenflugtag zur Landung einschweben, freut er sich mit den Piloten und verteilt freigiebig Wein, Bier und Pastis an jeden, der mit Kilometern und Punkten dazu beiträgt, das Projekt Puimoisson bekannt und attraktiv für Kunden zu machen.

Wir Sportsoldaten waren im März unter den Ersten, die den neuen Platz ausprobieren durften. Das warme Klima des Südens lockt hier Jahr für Jahr schon mit frühlingshaften Wetterlagen, während in Deutschland noch der Winter vorherrscht.

Nach einer Woche Pech mit Matsch, Regen und ein paar anderen Problemen begannen wir gegen Mitte des Monats, zusammen mit einigen zivilen Juniorennationalmannschafts-Piloten, mit dem Training. Die beiden Trainer Charly Pfeiffer und Uli Gmelin scheuten sich nicht, auch Gebirgsneulinge sofort im engen Verbandsflug tief ins Relief zu ziehen und vor anspruchsvolle Aufgaben zu stellen. Das wilde und unbekannte Gelände wurde bald zu einer fast schon vertrauten Umgebung: Ein riesiger Trainingsplatz mit allen Tücken, Hindernissen, aber auch Chancen und Möglichkeiten.

So wie uns das Fliegen, das Wetter und die Berge in diesen Tagen bekannter wurden, so kamen auch die Mitglieder der Mannschaft einander näher. Zwar hatten Fabi, Joachim, Daniel, Marco und ich schon zusammen die militärische Grundausbildung in Dillingen und die Vorbereitungsphase in Bückeburg gemeinsam durchgestanden, doch es zeigte sich in Frankreich einmal mehr, dass Piloten sich erst dann wirklich kennen, wenn sie miteinander geflogen sind.

Es begann alles in eng geformten Gruppen. Die Clubklasse (das waren Daniel im Jantar, Joachim im Cirrus und ich in der LS 1-f) durchlebte zusammen mit Charly (ebenfalls LS 1-Pilot) schon zu Anfang spannende Stunden in schwacher Thermik, knackigen Rotoren und starken Mistralwellen. Auch die Standardklasse (Fabi im Discus 2T und Marco in der DG300) kam unter Uli Gmelins Anleitung mit dem Arcus schon nach wenigen Flugtagen jeden Abend mit großem Lerneffekt zurück. Rasch gelang es uns, Tag für Tag tiefer ins Hochgebirge vorzustoßen. Wir schafften es, im Hangaufwind des Lure und Mont Ventoux stundenlang im Geradeausflug zu bleiben, drangen in der Welle des Pic de Bure bis in Höhen um 6000 Meter vor, und stets hatten das Wetter oder die Berge neue Überraschungen für uns parat. Schnell hatte jeder zig Flugstunden und tausende Kilometer in Thermik, Welle, Konvergenz und Hangwind gesammelt.

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Das Variometer steht seit einer Minute am oberen Anschlag. Ich kann dem eben noch so steilen Gipfel dabei zusehen, wie er unter mir zu versinken scheint, und trotzdem spüre ich keine Bewegung, keine Wirbel, keine Verunsicherung im Flug der Lima Golf. Ich muss den Steuerknüppel nur mit den Fingerspitzen antippen, um die Flugzeugnase immer und immer wieder in den Wind zu drehen, im besten Steigen zu bleiben, nicht von der Welle abzurutschen. Keine Korrekturen der Bahn sind nötig, das Flugzeug liegt wie auf einem Kissen, nein: ich fliege, als gäbe es das Flugzeug gar nicht.

Noch immer steige ich mit 5 m/s. Die Sauerstoffanlage füttert mich nun bei jedem Atemzug mit einem tiefen Stoß – lebensnotwendig, hier in über 5500 Metern Höhe. Die Kälte zieht durch Arme und Füße, durch Jacken, Socken und Stiefel hindurch wie ein Messer. Noch werde ich nicht abbrechen, noch werde ich es aushalten. Wofür sonst habe ich die letzten drei Stunden im turbulenten, aufbrausenden und widerspenstigen Mistralwetter gekämpft, habe die gute LS 1-f zusammen mit Charly und Joachim gegen fast 100 km/h Nordwind bis hierher gequält.

Rechts von mir erkenne ich die beiden Flugzeuge wieder – leicht in der Höhe versetzt, stehen auch sie regungslos im Wind. Ich kann Charlys Kopf unter der flachen Haube erkennen. Ob er auch so friert?

Sechstausend Meter: Die maximal erlaubte Höhe.

Die zwei anderen drehen ab und beginnen prompt mit dem Abstieg, den auch ich wegen der Temperatur kaum erwarten kann. Der Sturm wird uns binnen Minuten die hundert Kilometer bis nach Puimoisson zurück treiben.

Einen Moment halte ich noch inne und betrachte: Der Pic de Bure ist unter mir längst zum Zwerg geworden, dahinter eröffnen sich die Ecrins wie ein Korallenriff dem Taucher, und über allem ragt am Horizont, unendlich fern und erhaben, der Mont Blanc.

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Als ich ihn zum nächsten Mal sah, war er schon ein Stück näher gerückt. Zuerst thermisch, dann mithilfe einiger schwacher Wellen, hatten wir uns Pulkweise über den Parcours bis nach St. Crepin vorgearbeitet. Endlich in einer vernünftigen Ausgangslage angekommen, gelang es mir, über den Wolken am oberen Durancetal entlang bis nach Bardoneccia zu fliegen. Europas höchster Berg ist von hier aus nur noch halb so weit entfernt.

Einzig das leicht verschwommene und blasse Bild, welches der Mont Blanc vor den Horizont zeichnet, erinnert daran, dass es immer noch hundert Kilometer zu fliegen sind, und holt den vorschnell übermütigen Piloten bald wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Einmal mehr kehrte ich dem Norden den Rücken.

Kurz nach der Wende traf ich zufällig auf Charly, und die verbleibende Zeit des Nachmittags verbrachten wir zu zweit damit, in tiefster Gangart (stets unter Hangkante) jeden einzelnen Durchschlupf und Pass zwischen Briancon und dem Modane-Tal zu erkunden. Charly zeigte mir die versteckten, taktisch unschätzbar wertvollen Schleichwege von Nord nach Süd: Galibier, Rochilles, Etroite und Frejus. Ich ahnte nicht, dass ich dieses Handwerkszeug zwei Tage später sehr gut gebrauchen können würde…

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„Okay, dann springen wir jetzt rüber.“ Ich drückte das Mikrofon aus dem Blickfeld und nahm Kurs auf Norden auf. Joachim im Cirrus und Harms in der ASW 19 folgten mir.

Die Wolkenoptik in der Maurienne sowie der Blick auf die Uhr – es war erst kurz nach Zwei – ließen keine Zweifel übrig: Wir würden auf keinen Fall so wie geplant wieder über Bardoneccia umdrehen. Wenn wir heute nicht über das Modanetal hinweg kommen sollen, wann dann? Rasch war in guter Höhe der Col de Frejus übersprungen, Modane links liegen gelassen. Schon lag Sollieres unter uns, und die Thermik im hohen Gelände von Vanoise empfing uns mit gutem Steigen. Rings um uns war alles weiß – Eisabbrüche und Tiefschneefelder ließen nichts von den sommerlichen Segelflugbedingungen erahnen, welche über ihnen herrschten. Die tief verschneiten Gipfel von Vallonet reichten uns spielerisch von Wolke zu Wolke weiter nach Norden durch.

Am nördlichen Ende des Massivs hatten meine beiden Begleiter genug und machten sich auf den Rückflug. Ich erklärte im Funk meinen Plan und begann sogleich, mich unaufhaltsam weiter nach Norden zu arbeiten. Ich war doch schon so nah dran… Ein paar sinnvoll geplante Gleitflüge brachten mich am Skigebiet von Bellecote vorbei ins Tal der Isére. Die Berge hier hatte ich noch nie gesehen und bekam Mühe, meine Position, die Landemöglichkeiten und möglichen Auswege auf der Karte zu ermessen. Ist das da vorne etwa schon Bourg Saint Maurice? Warum sehe ich im Norden nur weiß – Wolken? Schneefelder? Dunst? Das GPS sagt…

Nach zwei weiteren Aufwinden bekam ich Gewißheit: alles passte zusammen, die Täler, die Gipfelformen, die brodelnde Thermik in der eisigen Stille, mitten zwischen den Viertausendern. Ich war da. Hinter der nächsten Wolkenbank müsste sich doch…

Querab des kleinen St. Bernhard, direkt vor den Füßen, unter den aufstrebenden Wänden des Mont Blanc, zog eine kleine, rot-weiße LS 1 einen weiten Bogen und suchte sich ihren Weg nach Süden, zurück über die schneeweiße Mauer des südlichen Hauptmassivs der Westalpen. Eine Stunde später, jenseits des Frejus, wartete das Tal von Briancon mit vertrauten Bergen und Formen. Ein zierlicher Schatten huschte fortan über die von der warmen Brise durchsetzten Felsen hinweg.

Die Wände des Parcours glühten im Abendlicht.

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2 Kommentare zu “Baguette, Crossaint, Planeur, etc.

  1. Hallo Benni,
    jetzt habe ich Deinen Bericht über Südfrankreich zum dritten Mal gelesen!
    Deine Begeisterung springt jedesmal auf mich über.
    Schön, dass Du uns daran teilnehmen läßt. Danke!

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