Hypoxia

In unserem intensiven Vorbereitungszyklus auf das nahende Trainingslager in den südfranzösischen Alpen stand nach zwei Wochen Kartenvorbereitung, Simulatortraining, Sportausbildung und Werkstattarbeit an unseren Flugzeugen nun die letzte Phase an: Ein Lehrgang am Flugphysiologischen Institut in Königsbrück mit Theorieunterricht, Sporteinheiten, Disorientierungstraining und nicht zuletzt auch einer Höhenkammersimulation, bei der wir etwaige Sauerstoffmangelerscheinungen beim Fliegen in großer Höhe am eigenen Leib spüren sollten…

Als ich den grauen Helm über den Kopf ziehe, biegen sich kurz meine Ohren um. Ich schüttele mich, blicke verstohlen in den Spiegel an der Seite. Ich sehe aus wie ein Jetpilot. Hinter mir bekommen Joachim und Daniel gerade von einem der technischen Betreuer eine Atemmaske angepasst. Mein Spiegelbild dreht sich souverän zur Seite und beginnt, die Kabel, welche mit Elektroden an meiner Brust angeklebt sind, vom Kragen her zu ordnen. Ich mache es ihm automatisch nach.

„Sie sehen nervös aus. Geht es Ihnen gut?“, fragt einer der Techniker und kontrolliert den Sitz meines Helms. Ich setze ein Grinsen auf und verheddere mich prompt mit der Unterlippe in der Maske, die mir samt Schlauch vors Gesicht gehalten wird. „Ich denk schon“ – meine Stimme hallt im Sauerstoff-Schlauch wider. Pusten, zuhalten, drücken, der linke Riemen gehört noch fester, und schon ist alles so weit.

Als letzter der vier Piloten betrete ich die dunkle, stählerne Kabine, suche meinen Sitz und schließe mich erst an die Datenkabel, dann an das Sauerstoffgerät an. Es sieht sehr, sehr ungemütlich aus und ich hoffe nur, dass die Mediziner und Ingenieure, die sich jenseits der zentimeterdicken runden Glasfenster vor ihren Bildschirmen sammeln, ihr Handwerk wirklich verstehen. Per Headset bekommen wir einige letzte Anweisungen, dann die Checkliste zur Sauerstoffkonsole durchgegeben. Durch den Atemschlauch fließen jetzt mit jedem Zug 100 Prozent Sauerstoff in unsere Lungen. Ich sehe, wie Fabian Peitz neben mir die Beine ausstreckt und konzentriert zu atmen beginnt. In den nächsten zwanzig Minuten müssen ein Drittel des Stickstoffanteils in unserem Kreislauf abgeatmet werden, um das Bilden von isolierten Gasblasen bei den nachfolgenden Tests zu verhindern.

„Wir werden jetzt einen Probeaufstieg auf 8000 Fuß simulieren, mit einer Druckabnahme entsprechend 4000 Fuß pro Minute. Halten Sie den Druck in den Ohren durch Schlucken oder Gähnen möglichst konstant. Noch Fragen? Also los.“

Nach einer knappen Dreiviertelstunde beginnt der Helm, schrecklich an der Kopfhaut zu drücken. Ich versuche mich abzulenken, konzentriere mich auf die Regelkonsole und versuche, das Anzeigeinstrument an der Decke der Unterdruckkammer zu lesen. Es zeigt eine simulierte Höhe von genau 25000 Fuß: Wir sind jetzt am Rand der „Todeszone“ angekommen. Es knackt wieder in den Ohren, aber diesmal ist es nicht der Druckausgleich, sondern der Kopfhörer.

„Plätze 2 und 3, sobald Sie bereit sind, werde ich Sie von der Sauerstoffversorgung trennen. Sie werden dann für einige Minuten dem um zwei Drittel verringerten Atemluftdruck ausgesetzt sein. Sobald Sie an ihrem Körper deutliche Symptome des Sauerstoffmangels erkennen, sollen Sie diese zeitgleich melden und sich selbstständig wieder an den Sauerstoff zuschalten. Heben Sie den Daumen, wenn Sie soweit sind.“

Ich sehe zu Fabi hinüber, dann geben wir das Zeichen. Unsere Regler schalten ab. Alle Aufmerksamkeit liegt auf dem Moment.

Als ich wieder einatme, kommt plötzlich nichts mehr. Ein, aus. Ein, aus. Unwillkürlich sauge ich die Luft tiefer herein als sonst und erkenne, wie nichts mehr zueinander passt: Die Atmung nicht zum Lungenbedarf, das Gefühl der Sättigung tritt nicht wie sonst ein, wie beim Übergang in den Anaeroben Bereich beim Ausdauersport. Als Langstreckenläufer fühle ich mich der neuen Situation locker gewachsen und bin gespannt, was weiter ist. Es passiert lange Zeit nichts.

In der Vorbereitung habe ich genau gelernt, was  gerade in meinem Körper vorgeht. Durch den geringen Luftdruck und den im gleichen Maß verringerten Sauerstoffteildruck tritt eine akute niedrig…. Unter, äh, sättigung des Blutes ein. Herz- und Atemfrefrefrequenz steigern sich, um in der Lage Herr, also fertig, äh, zu werden, aber trotzdem reicht die Luft nicht ein, aus. Und dann…. Achso, schnell schnell werden viele Org– organenfunktionieren stark eingeschenkt: Sprachenzentrum, verschiedene Seebereiche und der Gehirnsinn… Aber was ist denn ein Gehirnsinn??!!

Ist mir jetzt auch egal. Der Blick aus dem Helm verschwimmt, ich muss die Augen genau auf einen Punkt zwingen und sehe, wie die lustigen Farbstreifen gegenüber an der Wand recht schön leuchten. Die Füße sind auch irgendwie noch da, es kribbelt lustig, und kalter Schweiß steigt die Beine hoch. Ob es wohl bald auch oben im Hals kribbelt? Schwindlig wird mir, aber nur wenn ich einatme. Wie beim Hyperventilieren, ja, wahrscheinlich hyperventilier ich. Oder nein, nein, ich krieg ja gar keine gescheite Luft, geht ja gar nicht. Das sind alles Höhenkammer-Sachen.

Auf einmal höre ich im Kopfhörer Fabis Stimme, er redet über Lufthunger und Dunkelheit. Ach ja, das Melden müssen wir ja auch machen. Als er fertig ist, überlege ich, denke noch mal nach, kombiniere haarscharf im Kopf und fange dann an zu reden: „Platz zwei. Kribbelt in den Füßen. Kalter Schweiß. Schwindel beim Einatmen. Ahh.“ Die Antwort kommt prompt: „Platz zwei, verstanden.“ Und nach einer kurzen Pause klingt es freundlich, aber bestimmt: „Platz zwei, und was könnten Sie gegen die Symptome unternehmen?“ Fröhlich gebe ich zurück: „Absteigen könnt ich, oder preßatmen!“, und bin froh, dass ich etwas weiß. Stattdessen kommt nur, diesmal in einem sehr forschen Ton: „Platz zwei, das ist korrekt, aber als allererstes könnten Sie ganz einfach die Sauerstoffversorgung wieder in Gang bringen.“ Ich nicke langsam und bedächtig. „Also dann TUN Sie das auch.“

Ach so. Ich schaue nach links unten, suche mir aus den drei oder vier Hebeln der Konsole den schönsten aus, dann überlege ich, ob es der richtige ist. Was steht da? Der gebogene Hebel, wie vorhin beim Üben. Da.

Zwei, drei tiefe Atemzüge später weiß ich, dass alles passt. Ich höre unvermittelt auf, außer Atem zu sein, lehne mich zurück und folge wieder den Anweisungen im Kopfhörer. In den Ohren pocht immer noch das Blut, als wir einige Zeit später wieder langsam auf Meereshöhe heruntergefahren werden.

Über Königsbrück strahlte ein tiefblauer Frühlingshimmel.

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Ein Kommentar zu “Hypoxia

  1. Interessanter Eintrag und toller Blog.
    Auch schreiben kannst du wirklich – ich hoffe wir lesen noch einiges von dir.

    Happy Landings!

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