Die anderen Alpen

Siebter November.

In der Hitze des frühen Sommers flimmert die Luft über der braunen, vertrockneten Graspiste. Der leichte Südwest lässt die wenigen kahlen Bäume am Rand des Flugfeldes rauschen, sonst ist es still. Geregnet hat es in den letzten Wochen kaum – eigentlich über den ganzen Winter nicht viel.

Die Hochdruckwetterlage hat sich weiter etabliert und um die kahlen, baumlosen Nordflanken der umliegenden runden Bergzüge sammeln sich erste schlanke Wölkchen. Die Sonne sticht so heftig, dass keines der hinter und neben uns aufgereihten Segelflugzeuge lange ohne Haubenbezug bleibt. Hut und Sonnencreme (Schutzfaktor 30+) sind absolute Pflicht.

Die dunkelblau getönte Kabinenhaube des Duo Discus X schliesst sich, und wie immer, wie viele hundert Male zuvor, gehe ich durch die Checks, prüfe hier einen Schalter, da einen Hebel, dort einen Knopf, drehe den Höhenmesser auf das QNH: 1400 ft AMSL. „Okay I’m ready to go, and you?“

Man könnte jetzt fragen, warum redet er Englisch, er könnte ja auch Deutsch reden, oder etwa nicht, warum macht er denn das. Oder, warum ist der Höhenmesser in Fuß und nicht in Meter, warum tragen die Nordseiten der Berge Thermikwolken, warum hat es im Winter nicht geregnet, warum ist es im November so heiß, und warum erzählt er uns das überhaupt?

Aber… okay.

Justin Wills auf dem Copilotensitz der „Romeo Whiskey“ bestätigt: „Let’s go“, als von rechts die rotweiße Schlepp-Pawnee von GlideOmarama.com ins Bild rollt. Der trockene Boden ist hart wie eine Asphaltpiste, wir heben ab – sind unterwegs.

In der Luft lernen wir uns kennen. Justin kurbelt routiniert und steigt am Hausberg, dem mit verbranntem Gras überwachsenen Mount Saint Cuthbert an allerlei Ein- und Doppelsitzern vorbei. Dabei stellt er Fragen über meine fliegerische Vergangenheit, meine bisherige Reise durch Neuseeland, sowie über den eigentlichen Grund meines Besuches hier: meine journalistische „Mission“.

Während mein Blick ruhelos über eine der vielfältigsten Kulissen wandert, die ich je überflogen habe, erzähle ich, wie ich per Anhalter von Auckland hierher in den Süden gepilgert, und wie ich als Reporter für das „Segelfliegen“ -Magazin letztendlich hier gelandet bin, im ultimativen Segelflugparadies des Planeten.

Unter der hellen Wolkenbasis in 7000 Fuß klingt die Unterhaltung fast so, als säßen wir uns an einem Tisch gegenüber – einem leicht turbulenten Tisch allerdings.

Die Aufwinde am Rande des Omarama-Basins hier im Herzen der Südinsel nehmen wir im Geradeausflug. Immer wieder kommen sechs bis acht Knoten von unten (4-5 m/s) und bringen uns schnell an den Rand des Ahuriri-Valleys. Während die Landschaft beginnt, sich tief unter uns durchzuschieben, habe ich jetzt Zeit, mich umzusehen.

Unter und hinter dem kleinen weißen Flugzeug liegt das trockene, wüstenartig gelb-braune Grasland der weiten MacKenzie-Ebene. Zwei Landstraßen und die Ortschaften von Omarama und Twizel sind im gesamten Blickfeld die einzigen Zeichen von Zivilisation. Doch vor uns, weiter im Westen, wartet die eigentliche Wildnis: Jenseits der spiegelglatten Seen von Tekapo, Pukaki und Ohau mit ihren intensiv türkisen Farbtönen erstreckt sich eine andere Welt – die Southern Alps.

An den Flanken des breiten Tals, in dem tief unten der vielfach verzweigte Ahuriri-Fluss verläuft, steigt die Wolkenbasis weiter an und der Weg in die neuseeländischen Alpen ist frei.  „Not too bad“, kommentiert mein Reiseführer die Lage.

Ein anderer Duo – es ist Gavin mit einem Kunden der Mountain Soaring School auf dem Frontsitz – zieht mit uns nach Westen. Magic Mountain, Dingle Burn, Hunter Valley heißen die Punkte unter uns und machen ihren abenteuerlichen Namen alle Ehre. Wer hierher gelangen will, muss zwei oder drei Tage lang wandern – oder eben fliegen.

Je näher wir an die „Main Divide“, den Hauptkamm des Gebirgszuges, herankommen, desto wilder wird es. War der Talgrund gerade noch mit Steinen und Gras bedeckt, reicht am Talschluss vor uns schon bald ein dichter, dunkelgrüner Regenwald bis etwa auf die halbe Höhe der sonst felsigen Berge herauf – Zeuge des häufigen, meist heftigen Regens, der von der dauernassen Westküste über das Gebirge schwappt.

Darüber kommt das Eis. Teilweise als Kuppen mit stark überhängenden Rändern, manchmal schichtenweise sitzt es – nicht unähnlich der europäischen Alpinlandschaft – auf den Hängen. Der Schatten des Flugzeugs huscht wenige hundert Fuß darüber. „Gavin hat hier früher immer für das Department of Conservation Lawinenbomben abgeworfen. Handgezündete Sprengsätze. Aus der Piper Cub.“

Ich bin auf dem vorderen Sitz sehr still geworden, lasse die Bilder auf mich wirken und sauge alles auf. Bewege Knüppel und Pedale wie automatisch in der starken Thermik und folge den Wolken und Gipfeln.

Wohl um das Gespräch aufrecht zu erhalten, erzählt Justin Wills ein wenig von seinen Lieblingsplätzen im Gebirge. Wildromatische Bezeichnungen wie Diamond Lake, Mount Aspiring und Forgotten Valley beginnen im Cockpit wie Schmetterlinge herumzufliegen. Dann sagt er „I have control“ und beginnt, das Flugzeug geschickt um die beschneiten Felsen und durch versteckte Einschnitte nach vorne zu führen, springt blitzschnell über ein enges Tal und bringt uns, purer Intuition folgend, immer tiefer in das Land von Eis und Felsen hinein. Es ist ein vollendeter Tanz mit Sonne und Wind.

Justin fliegt dichter am Gelände, als ich es mich traue, und folgt den Luftströmungen um die vereisten Gipfel wie einem unsichtbaren Pfad. Dann dreht er ein und lässt mich nach links sehen: „Mount Brewster, mein Lieblingsberg. Hier fliege ich immer hin, wenn es geht, und dann – warte, ich zeig’s dir.“

Gespannt lehne ich mich nach vorne und beobachte, wie Justin den Duo Discus mit hoher Fahrt schräg über den Grat auf die Nordseite treibt. Es trägt sofort, und nach einigen Achten – wir sind noch unter dem Gipfel – fliegt er eine weite schleife ins Tal hinaus. „I was just testing…ahm…yer straps secure?“ „Yea“, antworte ich mit angewöhntem Kiwi-Akzent. Dann zieht Justin die Bremsklappen. Ich bin zu verwundert, um irgendwelche Fragen zu stellen. Der Gipfel des Brewster beginnt über uns zu wachsen und der Höhenmesser spult die Fuß zurück. Es knackt in den Ohren. Gerade, als ich die letzte Möglichkeit, wieder auf die andere Seite zu fliegen, immer flacher werden sehe, fahren die Klappen ein und Justin hält genau auf eben diese Scharte zu. Wir kommen dicht an die Wand… Als wir die Turbulenz des Aufwindes spüren, wird der Winkel steiler. Dann gibt Justin Gas und stößt über den Grat auf die andere Seite des Berges hinab.

Es ist, als wären wir in eine andere Dimension geraten. Ich bin so überrascht, dass ich nichts sagen und nichts denken kann. Direkt vor uns, wenige Meter unter unseren Flügeln, liegt eine ausgewachsene, strahlend weiße, kilometerlange Gletscherzunge, die um eine flache Rechtskurve sanft nach Süden abfällt. Wie auf Schienen folgt das Flugzeug dieser Kontur, der Gleitwinkel bei 110 Knoten (200 km/h) genau ans Gelände angepasst. Weiß, unendlich weiß scheint Licht aus allen Richtungen in die Kabine. Wir pfeilen entlang, das Flugzeug nur meterhoch über seinem eigenen Schatten.

Dann ziehen wir hoch. Ich bin völlig durcheinander. Justin bringt das Flugzeug gleich dicht an den Berghang, der Westflanke wieder auf die andere Seite folgend. Der Hangaufwind empfängt uns, als wäre nichts gewesen. Im schwachen Steigen beruhigt sich mein Puls und ich stammle irgendetwas von „amazing“ und „brilliant“. „Not too bad“, kommentiert Justin trocken. „Wanna do it again?“ Ich lache – so ist das also. Dann erklärt er: „You have control…“

Mit gebührendem Sicherheitsabstand wiederhole ich das adrenalinhaltige Manöver und entdecke, dass das eigentlich wie Skifahren ist – nur schneller und irgendwie sympathischer. Nach dem Ausstieg, als wir in einigem Abstand nochmals auf Brewster Glacier zurückschauen können, stelle ich mir vor, wie es wäre, die ganze strahlend weiße, unberührte Gletscherzunge von Liftmasten, Pistenraupen und Skifahrern übersät zu finden, die Oberfläche grau und zerfurcht, am Besten noch ein Parkplatz unten am Fuß… aber zum Glück sind wir hier nicht in den Tuxer Alpen und die einzige Ortschaft weit und breit, Wanaka (5000 Einwohner), liegt etwa 70 km im Süden.

Die Spielerei hat ihren Preis: Der Weg aus dem Gewirr von engen Tälern, die wir nun relativ tief durchqueren müssen, führt in schwachem Steigen und niedriger Basis nah am Gelände nach Westen. Hier ist kein Platz für Fehlentscheidungen und ich bin froh, das Steuer wieder an Justin zu übergeben.

Als wir wieder über den Gipfeln sind, frage ich ihn, wo wir als nächstes hinfliegen. „Oh, uhm… all the places I told you before!“

Wir fliegen nach Südwesten, direkt am Hauptkamm entlang. Von der Westküste drängen tiefe, dichte Wolken über die haarscharfe Klima-Trennlinie der Insel. Dann stürzen sie auf der Südseite herab und lösen sich augenblicklich auf – wie im Lehrbuch. Ich habe schon zum zweiten Mal die Batterien der Kamera gewechselt: Auch wenn die Basis nicht besonders hoch ist, ist es relativ kalt hier. Fotomotive, soweit das Auge reicht; manchmal muss ich mich wirklich zwingen, die Kamera in der Seitentasche zu verstauen und einfach nur rauszuschauen.

Eine Matterhornartige Felspyramide, die ihre Umgebung verheißungsvoll überragt, kommt in Sicht. Wir beeilen uns, näher zu kommen, und ich beschließe, dass mich ab jetzt gar nichts mehr überraschen kann. Der Tag hatte schon zu viel Wunder in sich.

Dann kommen wir von der diesigen Basis einiger breiter Quellwolken plötzlich ins Licht, und sind auf einmal näher als ich erwartet hätte. Mount Aspiring liegt direkt vor uns, und einmal mehr packt mich die inspirierende Ausstrahlung dieses Landes.

Auf jeder der drei Seiten des Riesen rinnt ein Gletscher herab, und der mächtigste von ihnen, Volta Glacier, windet sich in leuchtendem Hellblau auf der Nordwestseite herunter. Noch einmal kurbeln, dann sind wir hoch genug, um „round the back“, direkt an der Eiskante entlang zu fliegen.

Als ich die Kamera hervorhole, sind wieder einmal die Batterien leer. Ich habe nicht genug Reserve mitgenommen und hoffe, dass die alten noch ein wenig länger halten. Links saust der blaue Gletscher entlang. Hastig schließe ich das Batteriefach und will den Apparat einschalten, das Objektiv erwartungsvoll durch das offene Fenster auf die Eisabbrüche gerichtet. „ON“, drücke ich. „ON!“ sage ich. „ON“, mit Nachdruck. Nichts bewegt sich. Das kann nicht sein… nicht jetzt, nicht hier. Ich wechsle noch einmal. Wieder nichts – nicht mal das blöde Batterie-Warnlicht geht an. Was ist denn los?

Ich lege die Kamera beiseite und versuche, wenigstens mit den Augen einen guten Blick zu bekommen. Draussen ist alles blau – tief unten in den Spalten leuchtet jahrzehntealtes, verdichtetes Eis. Hoch darüber streben die Steilwände zum Gipfel hinauf. Die Gletscherzunge teilt sich, verzweigt sich, fließt weiter unten wieder zusammen, zwei der Eisströme überkreuzen sich. Die schiere Größe dieser Gestalten im Vergleich zu unserem winzigen Flugzeug ist, wie Justin sagt, „not too bad“.

Sobald wir uns vom Berg entfernt haben und weiter nach Südwesten streben, nehme ich mir wieder die Kamera vor. Nach einigen Tests und Kontrollen finde ich heraus, dass auf der Innenseite des Batteriefachs ein winziges Plastikteil an der Seite herausgebrochen ist und sich es jetzt zwischen Kontakt und Batterie gemütlich gemacht hat. Hm. Irgendetwas langes, spitzes zum Stochern, und das Problem sollte erledigt sein.

Nach Minuten des verzweifelten Herumkramens und Suchens ist klar, dass Flugzeugcockpits so gebaut sind, dass eben gerade nichts langes spitzes darin zu finden ist. Vor uns kommt die majestätische Wand des Mount Earnslaw ins Blickfeld…Verflucht…

Dann komme ich endlich drauf. „Justin, do you have a biro or something in the back?“ Ein Kugelschreiber. „Natürlich…“ Ich erkläre, stark vereinfacht, was geschehen ist, und bohre kurz darauf mit der Mine des Stiftes im Batteriefach herum. Irgendwann ist das Plastikteil lose und rutscht heraus. Die Kamera blinkt wieder – gerade rechtzeitig, um den Anflug auf die Felstürme gegenüber von Lake Unknown festzuhalten, dahinter Lake Wakatipu, dann Earnslaw und die Traverse über Greenstone Valley. Durch eine Scharte im Westen sehen wir sogar kurz den Ozean.

Während des ganzen langen Fluges hat Justin einen merklichen Ehrgeiz entwickelt, mir möglichst alle Orte und Tricks zu zeigen, die er in diesem Fluggebiet kennt und mit seiner britischen Trockenheit als hochgradig „not too bad“ einstuft. Das ultimative Ziel: Milford Sound, der wahrscheinlich bekannteste Ort in ganz Neuseeland. Hierher mit dem Segelflugzeug – das haben bisher die wenigsten gemacht. Ich verstehe warum: Das Gebirge wird immer schroffer und unübersichtlicher, die Feuchtigkeit nimmt wegen der von Fjorden, also Meeresarmen durchzogenen Täler deutlich zu – die Wolken verhüllen sogar die höchsten Gipfel. Landemöglichkeiten, so erklärt Justin Wills, gibt es allerdings genug. Man muss sich eben nur zwischen Süßwasser und Salzwasser entscheiden.

Um all diesen Problemen zu entgehen, zieht Justin seinen letzten Joker. Er sucht sich einen starken Aufwind, der weit genug von den Felsen entfernt ist, und steigt schlicht und einfach in die Wolke hinein, klammert sich im fahlen Nichts des dichten Wasserdampfes im engen Kreis fest.

Während die Wolke uns langsam nach oben hebt, spricht im Cockpit niemand ein Wort. Links und rechts verschwinden die Flügel im Dunst, sonst sieht man nichts. Dann, ganz plötzlich, in zehntausend Fuß, werden wir ausgespuckt. Von einer Sekunde auf die andere wird alles hell, und dann liegt ganz Fiordland vor uns. Ein langer Gleitflug zwischen den Wolken, einen weiten Bogen um einen hohen Turm herum: Dann taucht etwas blaues zwischen den schwarzen Felsen auf. Milford Sound. Justin ist zufrieden. Dieser Kulisse gönnt sogar er ein „It doesn’t get any better than this.“

Eine weiterer Steigflug durch die Wolken bringt uns wieder ins normale Thermikland zurück. Auf dem Rückflug nach Omarama übernehme ich das Steuer endgültig. Nach all den Kapriolen und Spezialübungen…ist mir bei dem erneuten Weg durch das wilde Gelände nun schon deutlich wohler zumute. Mit den Alpen in Europa ist es aber dennoch nicht zu vergleichen.

Dazu ist es schlicht und einfach zu weit entfernt.

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Die Wochen in Omarama sind mit Fliegen, Mithelfen, Interviewen und Schreiben  wirklich wie im Flug vergangen. Was dabei letztlich herausgekommen ist, gibt es voraussichtlich im Segelfliegen Magazin 2/2011 zu lesen: Was hinter der Kulisse des Segelflugparadieses Omarama vorgeht, welche Menschen dahinter stecken, welche Spuren Grand Prix und Weltmeisterschaften hinterlassen haben sowie was geschah, als Terry Delore mir eines Tages den hinteren Sitz seiner ASH 25 Mi anbot…

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Ein Kommentar zu “Die anderen Alpen

  1. Hallo Benni!
    Wirklich schöner Bericht. Ich hoffe bei dir ist alles klar. Du müsstest ja jetzt in Frankreich sein.
    Wünsche dir noch viel Erfolg.

    Viele Grüße aus MUC
    Benedikt

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