Was in Lachen-Speyerdorf geschah

Hinaus in die frische Kühle der allerletzten Augustnacht trat ein Junge, der viel zu erzählen hatte.

Und dabei hatte er doch schon so viel gesprochen, in den letzten Wochen, den letzten Tagen, hier Fragen, dort Fragen beantwortet, und gespart hatte er nicht mit Anekdoten und neuen Eindrücken von den vielen Flügen, von den vielen Rennen. Immer hatte er gestrahlt dabei, ehrlich gestrahlt, von innen und außen.

Aber trotzdem schien niemand begriffen zu haben, wie es sich angefühlt hatte. Komisch, aber nach all den Worten und all den Sätzen schien immer noch nur er allein zu wissen, wie es wirklich war, vor einigen Wochen, auf der südwestdeutschen Quali in Lachen-Speyerdorf.

Oder wusste ich es selber nicht? Zumindest wusste ich nicht, wie ich die Geschichte erzählen sollte.

Es wäre eine schöne Geschichte geworden, soviel steht fest. Eine Geschichte voller Erinnerungen, die ich nie wieder hergeben möchte. Voller wunderbarer Menschen, voller Flugzeuge, voller Aufs und Abs.

Aber nach all den Versuchen, denke ich mir, als ich in dieser nebligen Spätsommernacht fröstelnd an der Halbbahnmarkierung vorbeischlendere, muss ich es wohl lassen. Die Geschichte, wie sie niedergeschrieben gehört, wird es nie geben. Ich setze mich hin und betrachte den farblosen Himmel. Es bleibt nur, die Augen zu schließen.

Eric Weber schien froh, jemanden gefunden zu haben. Wie diese ASW 24 wohl dort hin gekommen war, ganz alleine, von Regenwänden umstanden, mitten auf der Strecke von Kaiserslautern nach Sinsheim? So falsch hatten wir es aber wohl gar nicht gemacht, denn aus meiner Sicht heraus war es klar, dass die Rheinebene am heutigen Tag kein Segelflugzeug vorbei lassen würde.

Es war der erste Wertungstag des Wettbewerbes, und man hatte uns über dem von zwei Regennächten völlig durchweichten Rheinland auf eine kurze AAT-Aufgabe geschickt. Noch nie war ich beim ersten Wertungstag eines Wettbewerbs nicht außengelandet, und spätestens jetzt war klar, dass diese Serie sich heute fortsetzen sollte. Mein einziger Trost: Ich war nicht alleine, denn an meiner linken Fläche hatte es sich Eric gemütlich gemacht. Außerdem war der Rest des Feldes, das sich auf dem ersten Schenkel nach Norden immer weiter aufgesplittert hatte, sicherlich nicht viel besser dran.

Wir glitten also auf dem einzig sinnvollen Kurs zwischen den Regenfronten hindurch und machten mal hier, mal da ein paar Meter gut. Etwas südlich von Bruchsal allerdings war es unausweichlich. Wir waren noch recht weit gekommen, und ich führte uns zielsicher auf ein langes, abgemähtes Stoppelfeld. So lernt man sich kennen.


Später kamen Alex Will sowie Erics Mannschaft, um die Flugzeuge zu bergen und uns heimzuholen. Drei Flugzeuge, so berichteten sie, hatten es irgendwie über den Kurs geschafft – alle anderen mussten ebenfalls außenlanden.

Zum Glück trennten das gesamte Wertungsfeld nur wenige Punkte, weil die erreichten Strecken so kurz waren. Dennoch sah es nach diesem ersten Wertungstag für alle Beteiligten nicht gerade rosig aus…

Alle Beteiligten, das waren Julian Klemm (1K) in der Clubklasse, Max Lecker (MAx) in der Rennklasse und ich in der Standardklasse. Alle drei lagen wir nach diesem unübersichtlichen Flugtag im hinteren Teil der Wertungen, und viele hätten sich an diesem Punkt die Motivation schon nehmen lassen. Schließlich hatte ich mir das große Ziel gesetzt, dieses Mal unter die fünf besten Plätze zu fliegen und jede Menge von dem zu testen und zu zeigen, was ich bisher gelernt hatte. Und nun lag ich irgendwo anders in der Wertung, ganz weit hinten…

Zum Glück aber waren wir eine der unterhaltsamsten, fröhlichsten und lockersten Mannschaften, die man sich überhaupt vorstellen kann. Unsere Unbeschwertheit beim Fliegen, sowie das freundliche Umfeld (unterstützt durch unsere Rückholer, Julians Eltern, Fridolin, Alex und Simmal, sowie Wolfgang Schieck und Simon Schmidt-Meinzer) machte uns quasi unverwundbar. Das schlechte Wetter der kommenden Tage allerdings ließ Fridolin einmal,  einen Augenblick lang, etwas enttäuscht dreinblicken. „Keine Sorge“, sagte ich scherzend, „es ist noch genug Zeit für einige Großtaten.“


„Als ob ich es damals gewusst hätte“, schmunzele ich in mich hinein und raffe mich auf, um wieder einige Schritte weiter die dunkle Landebahn in Königsdorf entlang zu wandern. Ich muss immer wieder grinsen, als ich die Ereignisse des folgenden, zweiten Wertungstages Revue passieren lasse…

Alex Will leistete als mein persönlicher Betreuer ganze Arbeit. Auf diesem Wettbewerb hatte ich mit ihm unendlich viel Glück, denn er war schnell vom bloßen Rückholer zu einem wichtigen Bestandteil der Pilotenmannschaft geworden. Er motivierte mich, ohne mich unter Druck zu setzen, er brachte mich in jeder Situation zum Lachen und half, wo er konnte.


So gelang es Julian, Max und mir, mit einem völlig neuen, nicht von der bisher schlechten Wertung beeinflussten Gefühl aus der Briefinghalle heraus zu den mit Wasserballast vollgetankten Flugzeugen im Grid zu laufen. Die heutige Aufgabe ist der typische Wettbewerbs-Klassiker: 300 km Racing.

Konzentration. Alles, wie es sein soll. Ruhe finden vor dem Start, die Anspannung hochfahren und das richtige Gleichgewicht finden. Nicht an den letzten Tag denken. Heute kann nichts schief gehen, denn heute ist der richtige Tag.


Von vorne bis hinten: Start, Aufwärmen in der Luft, die anderen beobachten, Konkurrenten und Freunde suchen, das Wetter sondieren. Wie lange noch bis zum idealen Abflugzeitpunkt? Ich finde Simon Rautenberg und Matthias Schucka, die vor der Abfluglinie lauern. Vorsichtig pirsche ich mich wieder davon und verstecke mich unter einer Wolke, wenige Kilometer hinter der Linie. Dann sehe ich sie abfliegen. Jetzt bin ich mir sicher: Heute läuft es. Ich warte fünf Kreise, dann nehme ich Anlauf und ziehe selbst über die Startlinie.

Nach zehn Kilometern habe ich sie eingeholt. Wir sind gleichauf, doch ich habe etwa drei Minuten Vorsprung wegen meines späteren Abfluges. Ein Blick auf Kurs sagt, dass wir genau das beste Wetterfenster erwischt haben. Ins Saarland hinüber reiht sich Wolke an Wolke, und es ist ein strahlender Tag.

Doch Simon und Matthias fliegen gut, verdammt gut sogar. Niemand gibt sich so einfach geschlagen und sie wählen andere, unkonventionellere Routen, um mich von ihnen zu trennen. Jetzt kommt der Punkt, den ich bei fast jedem Wettbewerbsflug irgendwann spüre: Es ist Zeit für ein Solo.

Also ziehe ich nach Westen davon, treffe meine eigenen Entscheidungen, fliege bis zum Wendepunkt an der französischen Grenze, und mache mich auf den Rückweg. Es ist kein Fliegen mehr von Aufwind zu Aufwind, oder von Entscheidung zu Entscheidung, sondern es stellt sich eine Folge von schnellen, entschlossenen und effizienten Bewegungen ein, die das Flugzeug unaufhaltsam vorantreiben.

Einige Zeit nach der Wende sehe ich mehrere Flugzeuge, die mir auf gleicher Höhe entgegen kommen. Es sind Simon und Mattias, kurz dahinter fliegen noch ein paar mehr. Alle noch auf dem Hinweg zur Wende. Ich scheine das komplette Feld anzuführen und habe auf den letzten 100 Kilometern fast zwanzig Minuten gewonnen. Nicht etwa das Resultat aus klügeren Entscheidungen oder besseren Fliegens, sondern einfach die Konsequenz eines perfekten Fluggefühls.

Dann verliere ich einen Teil meiner Konzentration an den Gedanken, dass ich der Gejagte bin. Ein wenig Druck baut sich auf, und prompt treffe ich unter zwei Wolkenstraßen die falsche Linie, komme hinter Baumholder in die untere Etage und muss einige Zeit an einen Bart verschenken, den ich sonst nicht annehmen hätte müssen.

Prompt sind an der letzten Streckenwende wieder Simon und Matthias bei mir. Sie beißen, und ihr technisch hervorragendes Fliegen setzt mich weiter unter Druck. Mein Vorsprung ist fast weg. Jetzt nur nichts verschenken, ich bin später abgeflogen, ich führe immer noch. Mit diesem Gedanken beobachte ich, wie Simon hinter der Wende leicht zurückfällt und ich weiß, dass meine Linie die beste ist. Der Endanflug hat schon begonnen, auch wenn ich noch unter Gleitpfad bin. Nun habe ich auch Matthias aus den Augen verloren, ich fürchte, dass er vor mir ist. Es ist wieder alles offen.

Die Aufreihung, die den Endanflug markiert, funktioniert hervorragend. Bald sind es über 200 km/h, bald werden wir es wissen. Nimmt Matthias mir die drei Minuten ab?

Das GPS verrät, dass es noch 15 Kilometer sind. Die Geschwindigkeit rauscht um das Cockpit herum, und ich weiß, dass es hier um Sekunden geht. Irgendwo da vorne ist Matthias, und es dürfen nur höchstens drei Minuten sein.

„Acht: Zehn Kilometer“, tönt es endlich. Ich bin zu konzentriert, um mir die Uhrzeit zu merken. Als ich selbst die Anflugmeldung gebe, weiß ich nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist. Tief und schnell. Kontrollpunkt umrunden, ins Endteil eindrehen, Wassertanks öffnen, die letzte Höhenenergie ausquetschen, wir fliegen immer noch deutlich über 200 km/h. Ich sehe ein einziges Flugzeug auf der Landebahn stehen. Einer von uns beiden hat gewonnen, das ist klar. Jetzt meldet sich auch Simon im Anflug, Platz drei ist hiermit vergeben. Ich fahre das Fahrwerk aus, und erst hinter der Landebahnschwelle bremse ich abrupt auf normale Geschwindigkeit herunter. Dann setze ich auf, rolle bis ganz hinten und sehe, wie Alex schon auf mich wartet. Wir wissen beide, dass es heute genial gelaufen ist. Wie genial? „Ungefähr drei Minuten“,  meint Alex nur und zeigt auf die Acht von Matthias, die weiter vorne zum Stehen gekommen ist.

Eine halbe Stunde später, vor dem Laptop, wissen wir es. Ich war drei Sekunden schneller. Drei Sekunden. Tagessieger um drei Sekunden.

Es war des Guten einfach zuviel: Als ob ich noch nicht genug strahlen, lachen würde, kam Minuten später Max aus dem Wettbewerbsleitungsbüro. Er hatte ebenfalls gewonnen. Da lagen wir uns alle in den Armen und lachten und feierten diesen Tag, wie es sich auf einem solchen Wettbewerb eben gehört.


Im Nachhinein denke ich mir immer, wie unglaublich sich die Welt von einem Tag auf den anderen verändern kann. Wie schnell man von hinten nach vorne kommt, und wie einfach das ganze Ding kippen kann. Segelfliegen ist doch einfach geil…

Ich musste sehr spät abfliegen, weil alle nur auf mich zu warten schienen. Die ganze Standardklasse musste zuerst einige Runden um die Abfluglinie herum geführt werden, bis sie erkannte, dass ich nicht derjenige sein würde, der sich opfert. Die gesamte Gruppe von Flugzeugen verlor Minute um Minute beim Versuch, sich hinter jemand anderen zu setzen.

Irgendwann waren nur noch die drei üblichen Verdächtigen übrig: Simon, Matthias und ich. Noch einmal würden sie sich nicht so leicht geschlagen geben, nicht noch einmal als erste abfliegen. Irgendwann wurde es höchste Zeit aufzubrechen, Taktik hin oder her: Die Aufgabe an diesem dritten Wertungstag, wiederum eine AAT, dauerte mindestens zweieinhalb Stunden und nun, vor der Abfluglinie, nahm der Nachmittag seinen Lauf… Also fasste ich mir ein Herz und ging als erster über die Linie. Ich würde mir eben etwas anderes einfallen lassen müssen, um die beiden abzuhängen.

So kam mir Max schon aus dem ersten Wendegebiet entgegen, mit hervorragenden Wetteraussichten für mich, und bestätigte mir: „Du hast zwei Verfolger, ein bis zwei Minuten hinter dir.“

Am Rand des ersten Wendesektors, der gleichzeitig der kleinste der drei Sektoren war, trafen wir kurz vor dem Donnersberg auf einen weiteren Teil der Standardklasse, die aus irgendeinem Grund irgendwie hier schon sehr viel Zeit liegen gelassen hatten. Max berichtete derweil vom guten Wetter auf der weiteren Strecke und so tat ich nach einigem Überlegen etwas, das gegen alle Regeln der Vernunft zu sein scheint, zumindest wenn man den normalen Lehrbüchern Glauben schenkt: Ich kratzte den ersten Sektor nur geringfügig an und ging sofort auf den zweiten Schenkel. Die Konkurrenten hatten damit nicht gerechnet und niemand zog mit mir mit, weil solch eine Entscheidung nun wirklich nicht spontan getroffen werden kann. Dazu war der Zug einfach zu unkonventionell.

Nun musste ich natürlich zusehen, im Alleinflug zurecht zu kommen (wie es bisher ja fast immer war) und dabei die anderen beiden Wendesektoren umso weiter auszudehnen. Dies klappte auch hervorragend: Die Haardt-Kante herunterrasen, die Karawane von Clubklasse-Flugzeugen als Bojen zur Hilfe. Bis zum letzten Meter flog ich hinten den zweiten Sektor aus, um meinen Streckenverlust wieder wett zu machen. Jetzt ab in den dritten Wendebereich, der einen guten Teil des südlichen Odenwaldes jenseits des Rheintales umfasste.

Beinahe hätte hier alles ganz anders kommen können: Die Wolken trockneten ab, es wurde warm und blau, und im Odenwald wurden die Bedingungen etwas unübersichtlich. Mindestens fünf Minuten verlor ich über dem Flugplatz Rothenberg, als ich im blauen einen schwachen Aufwind aus nur etwa 600 m Höhe heraus annehmen musste. Dann allerdings zwei sehr effektive Gleitflüge, typische Blauthermiktaktik (Glück und Mut…!), und schon konnte ich den Rückflug ansetzen. Ich hatte die größte Strecke des Tages geflogen und dabei die Mindestzeit merklich überzogen – trotzdem wusste ich, dass es heute wieder verdammt gut gelaufen war. Die meisten anderen, das hatte ich sehen können, hatten sich nicht so weit in den blauen Odenwald hinein getraut. Tagesplatz drei.

Die Geschichte wird irgendwie immer lustiger, denke ich. Mehr kann ich auch nicht sagen, aber der vierte Wertungstag war völlig verrückt. Man hört irgendwie auf, viel zu taktieren, wenn man einmal vertrauen in seine eigene Fliegerei gefunden hat: Das habe ich in diesen Tagen vor allem anderen gelernt.

Egal ob ich unter der breitgelaufenen Basis des heutigen, vierten Wertungstages im schwachen Steigen Schlangenlinien flog, oder Achten, oder Kreise, oder ob ich die Wolken in unsinnigen Kapriolen mal linksrum, mal rechtsrum anzirkelte: Immer waren es drei, vier, fünf Flugzeuge, die mir konsequent folgten. Es schien, als ob sich sich nach den vergangenen zwei Flugtagen ein großer Teil der Standardklasse entschieden hatte, ihr Warm-Up als „Benni jagen“ umzugestalten und das orange-weiße Flugzeug mit den tiefblauen Buchstaben „2D“ auf dem Heck systematisch abzufangen.

Ich sah nur eine sinnvolle Möglichkeit: So verwendete ich meinen errechneten, optimalen Abflugzeitpunkt, um zwar weit entfernt von der Hauptmasse von Flugzeugen, aber trotzdem quasi vor aller Augen über die Startlinie zu fliegen und mit der Aufgabe zu beginnen.

Es war wieder eine AAT-Aufgabe, mit Wendegebieten im Pfälzerwald und im Kraichgau, jenseits der breiten Rheinebene. Ich hatte den Flug durchgeplant, schon am Boden, und der größte Bestandteil meines Plans war es, sich einfach nicht um den Rest der Flugzeuge zu scheren. Und so ging es los, manchmal in hoffnungsvollem Steigen einen Kontrollkreis fliegend, um einen Blick nach hinten zu erhaschen. Immer erkannte ich eine Gruppe von Verfolgern, vier Flugzeuge wahrscheinlich, und sie kamen mir näher. Am äußeren Rand des ersten Sektors, wo ich meine erste Wende setzte, hatten sie mich eingeholt.

Es war wieder Zeit, etwas auszuprobieren.

Das Wetter wurde zunehmend unübersichtlich, und viele der Wolken sahen zwar gut aus, lieferten aber nicht den erhofften Aufwind. Hierin sah ich meine Chance und flog zielstrebig eine Wolke an, stellte sicher, dass mich jeder in meiner Entscheidung beobachtet hatte und mir folgte, und drehte dann im letzten Augenblick vor dem Erreichen der Wolke ab, auf einen ganz anderen Kurs, zu einer ganz anderen, nicht so eindeutig aufgebauten Wolke.

Es funktionierte: Dieses „Antäuschen“ mit anschließender, überraschender Umentscheidung ließ mich von Wolke zu Wolke mindestens ein Flugzeug loswerden. Pulks brauchen einfach länger, um Entscheidungen zu treffen, und können dem Einzelnen deswegen nicht so flexibel folgen. Da ich die Bärte, die ich nun alleine suchte, nun nicht mehr mit anderen Flugzeugen teilen musste, und da das Steigen, wenn man es denn fand, relativ homogen war, machte ich geringfügig Strecke gegenüber dem Pulk gut. Nun, einmal außer Sichtweite geraten, konnte ich die taktische Entscheidung, wie man den Kraichgau am besten angehen sollte, alleine treffen, und mit ein bisschen Glück kam ich damit sehr gut vorwärts. Julian, Simon und Max lieferten mir wichtige Infos, und ich konnte meine Wende perfekt setzen um den Rückflug anzutreten. Nach nur wenig mehr als der Mindestflugzeit rauschte ich über die Ziellinie, nach einem quasi völlig problemlosen „Ausreißer“, und Alex und ich konnten zurückgelehnt beobachten, wie nach und nach weitere Teile des Standardklasse-Feldes in Lachen-Speyerdorf eintrafen.

Am Abend gab es genügend Gründe zu feieren. Nicht nur ich, sondern auch Max und Julian hatten gewonnen; somit hatte unsere Mannschaft, einige der wenigen Junioren im Teilnehmerfeld, in allen drei Klassen den Tagessieg geholt.


Ich habe Max´ Stimme immer noch im Ohr, als wir abends noch einmal zu den Anhängern liefen und er total fassungslos den kopf schüttelte: „Das ist so gestört, Benni.“

Es war wirklich ziemlich gestört, denn inzwischen waren wir von „den Kleinen im Camp“ zu einem ernsthaften Gesprächsthema auf dem Wettbewerbsgelände geworden. Noch dazu lagen wir jetzt in den drei Gesamtwertungen jeweils ziemlich weit vorne, allesamt auf den begehrten Qualiplätzen für die DM 2011… Und es gab nur noch einen einzigen weiteren Wertungstag.

Es war zum Schluss nochmals eine Racing-Aufgabe. Einmal mehr führte uns der Kurs zuerst in den Norden, den Pfälzer Wald hinauf, dann über den zweiten Wendepunkt Landau bis hinüber zum Odenwälder Militärstützpunkt Mosbach-Lohrbach und wieder zurück nach Lachen-Speyerdorf. Eine lockere Sache, eigentlich. Wenn nur die Leistungsdichte hier in den vorderen Rängen der Standardklasse nicht so hoch wäre…

Das Wetter war völlig eindeutig: Eine Abschirmung würde nachmittags von Westen über das Wettbewerbsgebiet ziehen und die Sonneneinstrahlung nach und nach schwächen. Somit war klar: Wer im besten Thermikwetter über den Kurs fliegen wollte, musste so früh losfliegen wie möglich. Darin waren sich quasi alle Piloten einig.


Ich stand mit vier anderen Kollegen in der allerhintersten Startreihe. Los-Unglück. Jedenfalls schien uns das Wetter, das jetzt, nach Mittag, schon sein Unheil am Himmel kundig machte, einige Schwierigkeiten einzubringen: Denn alle hatten wir jetzt massive Probleme, in der bereits abschwächenden Thermik auf die Abflughöhe zu steigen. „Linie öffnet in zehn Minuten“ – Ich hing 500 m darunter im Schatten und beobachte, wie hoch über mir die anderen Flugzeugklassen – und die früher gestarteten Konkurrenten?! – auf den Start warten.

Auch zwanzig Minuten später ging es mir keinen Deut besser, und so entschied ich mich für einen viel zu tiefen Abflug, durch die inzwischen fast tote Luft hindurch und wieder zurück, um noch irgendeine Chance zum Rumkommen zu haben. Ich war mit meinem Schicksal nicht alleine und hatte bald wieder drei Standardklassepiloten an meinem Leitwerk hängen. Rauf in den Norden zur Wende über Kirchheimbolanden, dann die Haardtkante runter nach Süden. Ich war sehr schnell und bekam langsam die Clubklasse wieder ins Sichtfeld. An die Verfolger hatte ich schon länger nicht mehr gedacht, sie waren offenbar hinter mir zurückgeblieben. Später stellte sich heraus, dass es sich um meine Leidensgenossen aus der zuletzt in die Luft geschleppten  Startreihe handelte, die allesamt außenlanden mussten oder den Hilfsmotor zündeten. Zuversichtlich ließ ich mich also inmitten des Schwarms aus Cirren, Libellen und einer SZD 59 über die Rheinebene treiben. Immer wieder ging allerdings der Blick etwas ängstlich über die Schulter – die Abschirmung zog beinahe so schnell wie wir und hatte jetzt schon die Höhe des Zielflugplatzes erreicht, von dem wir uns im Moment noch rasch entfernten. „Der Heimflug wird spannend“, bemerkte ich trocken im Funk, versuchte dabei aber Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen.

Rein in den Odenwald, die ersten Standardklasseflieger kamen mir entgegen und konnten jetzt schon den Endanflug antreten. Glückliche Jungs, ihr bekommt noch die letzten guten Bärte ab.

Eine Viertelstunde später fand ich mich an der gleichen Position auch auf dem Rückflug, allerdings ohne irgendwelche Anzeichen auf Thermik. Der Blick nach Westen, auf Kurs, war nichts als grau und bleich. Meine einzige Hoffnung: Julian und Simon meldeten bei Heidelberg noch einmal über 2 m/s im Grauen. Sie beschrieben mir die genaue Stelle des Aufwindes und ich glitt einfach drauf los.

Die Berghänge bei Heidelberg erreichte ich ungefähr in Hanghöhe. Einige verlorene Flugzeuge umkreisten hier einmal, da einmal unschlüssig die Waldkuppen. Ich hasse es, in der Nähe von Sendemasten kreisen oder achtern zu müssen – man kommt sich dabei immer umso tiefer vor…

Als ich um die Ecke bog und sich kein Lüftchen mehr unter den Schatten regt, wusste ich, dass der Tag verloren ist. Ich war nur wenige Minuten zu spät, aber die Abschirmung hatte der Thermik den Rest gegeben. Was blieb, waren unregelmäßige, enge Aufwindblasen, die kaum einmal das Vario über Null zu treiben vermochten.

Fast zwanzig Minuten lang hing ich mit wenigen Leidensgenossen über den Hängen. Viele gaben auf, weil sie einfach zu tief ankamen. Ich hatte zwar noch etwa 700 m Höhe über der angrenzenden Ebene, aber wusste, dass ich hoffnungslos tief war.

Irgendwann waren nur noch Bernd Krimmer in seiner Libelle und ich übrig. Da, ein halber Meter. Null komma zwei. Ich wusste genau, dass ich mit jeder Sekunde, jedem Kreis den ich verlor, Punkte drangeben musste, die die früher gestarteten Kollegen gewannen. Eine unterschwellige, gemeine, kriechende Art von Enttäuschung machte sich breit, und vielleicht war es gerade diese, die ein letztes Bisschen Kampfgeist in mir entfachte, irgendwie, wenn auch verspätet, einfach noch heim zu kommen. Für Alex. Für den Wettbewerb. Für mich selbst.

Nach weiteren Minuten der Gefangenschaft am Hang sah ich die letzte, einzige verbleibende Chance am Horizont. Dort, unendlich flach, weit hinten im Dunst, schon jenseits des breiten Flusses, sah ich, dass der Flug wirklich nicht hier enden musste. Dass der Wettbewerb noch nicht verloren und mein Ziel weiterhin erreichbar war. Die Top 5, das wäre so schön…

Hinten in einer der Flusswiesen westlich des Rheins mähte ein Mähdrescher. Und wie ich den Mähdrescher so mähen sah, und wie ich beinahe automatisch auf ihn zuglitt, da bildete sich über den aus dem gemähten Feld ausgelösten Massen von gespeicherter Restwärme auch tatsächlich eine Wolke, die mein Glück im Unglück besiegelte. In nur etwa 250 m über dem Feld glitt ich langsam über die Staubfahne. Es zuckte, es hob, es piepste, und ich war gerettet.

Nach vier, fünf Kreisen stieg Bernd unter mir ein und konnten bald darauf den Endanflug beginnen. Es war ein sehr kurzer Endanflug. Und es war bereits spät, sehr spät am Tag geworden.

„Ich dachte echt, du kommst nicht mehr“, sagte Alex wenig später, und ich sah sofort, wie echt und wie ernst seine Sorge um mich gewesen war. Ich hätte nicht in der Haut meines Rückholers stecken wollen…


An diesem Tag heimzukommen, das war jedoch wirklich das Mindeste, was ich für Alex Will hätte tun können. Das war ich ihm allemal schuldig. Außerdem hat mir dieses gerade-eben-so-nicht-verzweifelte Heimkommen meinen fünften Platz und das Erreichen meines Ziels gerettet!

So kam es also, dass eine zusammengewürfelte Gruppe von Junioren mit einer fast vollkommenen Ausgelassenheit die letzten, verregneten nicht-Flugtage in Lachen-Speyerdorf genießen konnte, jeder vollauf zufrieden mit seinem erreichten Ergebnis, und allesamt zusammengeschweißt von den vielen Hochs und Tiefs, die es in den vergangenen zwie Wochen gegeben hatte. Eine Geschichte, die niemand so richtig begreifen konnte, die unglaublich viel Spaß in sich trägt, und die nur diejenigen kennen, die wirklich dabei gewesen sind.

Eine Geschichte eben, die man nicht einmal eben so erzählen kann, nicht einmal grob umreißen. Zu diesem Ergebnis musste auch nach einem langen Spaziergang über die dunkle Landebahn seines Heimatflugplatzes ein junger Mann kommen, der einfach auf keinen grünen Zweig kam. Dem immer nur halbe Gedanken und Skizzen von den Erinnerungen, die er besaß, in den Sinn kommen wollten. Er konnte es einfach nicht erklären, wie alles ging, wie alles war, wie sich die Geschichte angefühlt hatte. Und trotzem, auf irgendeine Weise, auf einmal –

hatte er sie doch erzählt.


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