Der Kreis schließt sich

Als der Juni begann, überflog ich die Sarntaler Alpen zum ersten Mal in Wirklichkeit. Der Durchbruch auf die für mich völlig neue Route durch Südtirol und Kärnten ermöglichte mir das Umrunden eines 510 km FAI-Dreiecks um Bad Tölz, Zernez und Lienz: So schloss sich schließlich die Lücke, die südlich des Alpenhauptkamms noch in meinem fliegerischen Horizont geklafft hatte.


Wie bedeutend dieser Schritt in den Süden war, spürte ich schon in dem Moment, in dem ich ihn wagte: Von Meran aus erstmals weiter nach Osten, ins Ungewisse hinein zu fliegen. Trotz der Anspannung herrschte im Cockpit des kleinen Discus Hochstimmung…

Längst schon ist Segelfliegen vom Trainings-Würfelspiel wieder zur kalkulierbaren Realität geworden. Kein Bildschirm versperrt mir mehr, wie noch vor Monaten im Simulator, die Sicht auf die Gipfel. Klar und seltsam plastisch türmt sich die Zentralkette auf der „falschen“ Seite, nördlich von mir, auf. Ich erkenne durch die undurchdringliche, bezaubernde Kälte hindurch: Jetzt bin ich wirklich ganz weit von zu Hause fort. Auf der anderen Seite der Alpen.


In der Tat gelohnt haben sie sich – die vielen Simulatorstunden, die langen Abende über der Landkarte und die endlosen Überlegungen: Höhe, Kurs, Zeitplan, Taktik. Auch die frühsommerliche Erfahrung aus vorsichtigen Erkundungsflügen bis Meran und in den Süden der östlichen Tauern hilft mir jetzt, meine neue Route vom Ofenpass nach Lienz ohne Landkarte und ohne Zögern zu finden. Zwar bin ich neu hier, doch fremd ist mir nichts. Als wäre alles nur ein Spiel, tanzen der Discus und ich durch das norditalienische Hochland. Weder die schroffen, zahnigen Dolomiten im Süden, noch der Basissprung um vierhundert Meter abwärts am Sarntal, auch nicht die Unmöglichkeit einer Außenlandung im Westen und bis Bozen hinunter lehren uns das Gruseln. Dazu habe ich alles einfach viel zu oft im Kopf durchgespielt. Vorbereitung ist keine Hexerei, genausowenig wie Geschwindigkeit. Wenige Kreise an der Jakobsspitze, dann geht der Knüppel nach vorne – ich springe von den tiefen Wolken fort an Brixen vorbei, aus den Schatten heraus, pfeile hinunter ins Pustertal und drehe bei Bruneck knapp über der Gipfelkante, leicht leeseits der höchsten Spitze, mit über 4 m/s ins Blaue hinauf. Es ist Juni, und ich bin auf der Südseite.

Seit etwa drei Stunden war Segelfliegen einfach.

Nach dem Erreichen des Inntals vom zäh-blauen Bayern her konnte ich mittags schließlich, nach fast einer Stunde „Gefangenschaft“ in 1400 m am heimischen Latschenkopf-Hang, die Labilität der warmen, trockenen Luftmasse spüren. Kurze Zeit später stieg ich nach weiteren zehn Minuten Hangflug zum ersten Mal an diesem Tag über die Höhe der Berggipfel hinaus. Das war am Tschirgant, zweieinhalb Stunden nach dem Start.

Nachdem ich Österreich gen Süden verlassen hatte, kurbelte ich nichts mehr unter drei m/s. Und im Engadin markierten die ersten feinen Wolkensignale meinen Weg zum ersten Wendepunkt des 510-km-Dreiecks: Dem Piz Nuna über Zernez. Ich umrundete ihn in 4000 m.

Weiter schlich ich über den Ofenpass: Die Luft über dem Vintschgau war kristallklar und der Weg nach Meran stand offen. Über der Litzner Spitze überschlugen sich die Varios in integrierten 5 m/s Steigen. Der Zander piepste verheißungsvoll und ich nahm aus 3600 m Höhe das Etschtal unter den rechten Flügel. Bald lag Meran unter mir, südlich davon waberte das Bozener Becken im Dunst. Ich hatte nun erstmals freie Sicht auf die Wetterentwicklung auf Kurs und richtete aus dem Dreimeterbart am Schnalstalausgang nach Osten auf. Das Fliegen gelang.

Dann war es, als prallte ich gegen eine unsichtbare Wand. Aus dem intuitiv richtigen und rhythmischen Vorwärts, das den schnellen Flug bisher bestimmte, wurde von einer Sekunde auf die andere ein Gefühl, das ich beim Fliegen nur sehr selten habe.

Ich zweifelte.

Die grau-dunstigen Sarntaler Alpen warteten lauernd jenseits des Talkessels. Ich konnte auf dem weiteren Kurs nicht viel erkennen, da die Quellungen vor mir deutlich tiefer lagen und die Sicht versperrten. Von oben her sahen sie schon nach Thermik aus, aber was, wenn –

Ähnlich ungewiss sah auch das Stück Horizont aus, das mir der Osten weiter voraus vergönnte: Stahlblau, fast ohne Entwicklungen. So einfach, so angenehm wäre es jetzt, umzukehren, in die Nordalpen zurückzufliegen, die bewährte Flugroute zu nutzen, zu Hause Kuchen zu essen. Ich drehte den Kopf und leitete die Wende ein. Es wird einen besseren Tag geben.

Als ich das Querruder bewegen und umkehren will, kann ich es nicht. Ist es das Flugzeug, das mich hindert, oder stelle ich mir selbst die Fragen: Was wäre ich für ein Streckenflieger, der das Neue scheut? Was für ein Abenteurer, der nicht wagt? Was für ein Reisender, der nicht aus seinem Land heraus will??

Notfalls lande ich in Bozen. Lirum Larum! Die Vorhersagen sprachen von gutem Rückflugwetter für morgen, und was wäre unser Sport ohne das Risiko eines Fehlschlags? Warum den 500er drangeben?

So gleite ich vorsichtig über die Punta Cervina nach Sarnthein. Die Wolken liegen hier tatsächlich mehrere hundert Meter tiefer – 3200 m müssen genügen, um nach Osten zu schleichen. Jetzt geht Höhenmanagement und das geschickte Abfliegen aller Optionen über alles andere, denn ich muss breite Schattenfelder queren. Doch die Labilität überzeugt. An der Jakobsspitze stehen ruhig zwei Meter. Das Pustertal vor mir liegt wieder ganz in der Sonne und einzelne, kaum sichtbare Kondenzen lassen auf kraftvolle Thermik im Osten schließen.

So kam es also, dass ich bei Bruneck dem stärksten Aufwind des Tages bis 3800 m Höhe nachflog und dabei ganz neue Feststellungen über die Qualität dieses Wetters, dieser Route und dieser Jahreszeit traf. Es ist Juni, und ich bin auf der Südseite.

Die zweite Wende liegt oberhalb des Flugplatzes Lienz, das sind nochmals hundert Kilometer nach Osten. Es ist halb vier und ich habe keine Zeit zu verlieren – der zähe Start am Morgen hat wertvolle Reserven aufgezehrt.

Doch das Glück scheint mir nicht mehr von der Seite zu weichen, seit ich den Mut aufgebracht habe, ihm bis hierher zu folgen. Ich fliege alleine, nahezu bei Blauthermik, ohne Markierungen, ohne PDA und ohne andere Flugzeuge. Trotzdem (oder gerade deswegen!) bin ich so schnell wie nie. Von der Eisack an die Drau fliege ich im Handumdrehen. Die Aufwinde stehen sehr weit auseinander, aber zwischen den völlig ruhigen, doch zügig angesetzten Gleitsprüngen von etwa 15 km Länge lassen sich die blauen, von kurzlebigen Kondenzen angedeuteten Aufwindkamine zielsicher anfliegen. Selten, dass sie nicht die 4 m/s überschreiten. Mir entgeht kein Meter und von Brixen nach Lienz brauche ich gerade 50 Minuten – ein Schnitt von 115 km/h. Die zweite Wende, der Vorgipfel des Lienzer Hausbergs Ederplan, liegt um kurz nach halb fünf steil unter der linken Tragfläche – genau wie es der Flugzeitplan vorsieht. War eh der Plan.

Der Heimweg beginnt. Jetzt ist eine der letzten wichtigen Entscheidungen des Tages zu fällen: Die Hauptkammquerung zurück in den heimischen Norden steht an und es ist durchaus mit einigen Tücken und Schwierigkeiten verbunden, spätnachmittags eine verwirrend zerklüftete, weit über 3000 Meter hoch reichende, 30 Kilometer breite Mauer aus Eis und Felsen zu überqueren, ohne einen Motor an Bord zu haben.

Um die beste Strategie zum Anflug über die Tauern hinweg zu erspähen, gehe ich bei der nächstbesten Gelegenheit so hoch wie möglich. Nahe des Schleinitzgipfels komme ich wieder über 3500 m – Steigwerte und Flugzeit sind vorerst zweitrangig. Ich muss sehen, wo ich im Norden den Anschluss an das Thermiksystem am Salzachtal knüpfen kann. Ich recke den Hals, als könnte ich so besser über die Bergmassive hinüberspähen, und lache augenblicklich selbst über die automatische Bewegung. Viel kann ich nicht erkennen, ich bin kaum höher als die Tauerngipfel, doch das zerstückelte Bild durch die Schluchten und Scharten hindurch muss für die Entscheidung genügen.

Sogar dort drüben im Norden trotzen jetzt, nach diesem heißen Sommertag, einzelne Quellwolken der sonst so trockenen Luftmasse. Sie scheinen etwa am Pass Thurn zu beginnen und weiter nach Westen zu führen, doch sicher kann ich mir mit dieser Schätzung nicht sein. Trotzdem entscheide ich mich gegen das nahe gelegene, niedrige Hochtor, die im Normalfall oft günstigste Brücke in den Norden, und halte aus 3800 m Höhe auf die Felbertauernscharte weiter westlich zu: Wenn ich es schaffe, diese zu überfliegen, spuckt mich der Hauptkamm näher an den Thermikwolken wieder aus.

Ein langer Gleitflug über das aufwindlose, majestätische Hochland, in dem über das ganze Jahr hinweg Eis und Kälte regieren, beginnt. Beinahe jede Minute rechne ich meine Gleitpfadsicherheit auf die Passhöhe nach. Es müsste reichen. Im Notfall will ich früh genug abdrehen, um noch nach Lienz zurückzukommen. Matrei schiebt sich unter mir vorbei – ja, es müsste reichen. Links über mir habe ich den Großvenediger, von rechts äugt der Großglockner misstrauisch auf mich herab. Ich wusste gar nicht, dass ein Segelflugzeug so klein sein kann.

Doch alles um mich herum glänzt und blitzt blauweiß und die Eisriesen zeigen sich heute von ihrer gnädigen Seite. 15 km vor der Passhöhe beginnt die meine Reservehöhe unaufhaltsam zu wachsen. Ich habe den höchsten Bergen Österreichs den nötigen Respekt entgegengebracht und man lässt mich ohne Umschweife passieren.

Fast eine halbe Stunde dauert der Gleitflug insgesamt – 1700 m Höhe wurden dabei in etwa 60 Kilometer Strecke umgesetzt. Dann, wie nach der Fahrt durch einen langen Tunnel, habe ich endlich wieder Luft unter den Flügeln und die sonnengewärmten Wälder und Almen des Pinzgau nehmen mich in ihre Obhut. Die Talnordseite ist jetzt, um halb sechs, immer noch thermisch entwickelt, die Südseite liegt im ungewissen Blau. Das war es also, was ich jenseits des Hauptkammes gesehen hatte – somit stellte sich die Entscheidung, durch die Felbertauernscharte zu fliegen, als umso richtiger heraus. Wäre ich über das Hochtor gegangen, wäre ich jetzt zwar noch deutlich höher, hinge aber dort hinten bei Zell am See ohne jegliche Anhaltspunkte auf Thermik in der Luft und der Sprung hier herüber wäre nur noch schwer möglich.

Die Gipfel liegen tief genug, dass ich in 2100 m immer noch die Freiheit habe, mir den besten Aufwind der Bergkette auszusuchen. An Angebot mangelt es nicht. Bald sind zwei bis drei Meter Steigen geortet und ich gehe ein letztes Mal an diesem langen Flugtag unter die Basis der Sommerwolken. Als der Schatten über mir erscheint, bin ich tausend Meter höher. Ich nehme den Kursknick über den Gerlospaß in Kauf, denn das Kreuzjoch trägt oft am Westhang bis in die Abendstunden. Tatsächlich kann ich meine Höhe bis ins Zillertal mitnehmen und bin schließlich am Märzengrund hoch genug, um mich über den Inn hinweg mit 150 km/h nordwärts zu halten.

Die Fluglotsin in Innsbruck ist unkompliziert und geleitet mich durch die Kontrollzone bis zum Achensee. Als ich den Abflugpunkt über Bad Tölz nach sechs Stunden und 49 Minuten Wertungszeit wieder erreiche, da ist mir, als wäre ich Tagelang fort gewesen.

Um halb sieben rollt der Discus über die hartgetrocknete Königsdorfer Graspiste. Ich schaue nach Westen in die sinkende Sonne: Hier am Boden muss es unbeschreiblich heiß gewesen sein. Dann fange ich langsam an, das Gehen wieder zu lernen.

Fünfhundertzehn Kilometer. Nicht die schlechteste Art und Weise, den Samstag zu verbringen – Es ist Juni, und ich war auf der Südseite.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s