D-Kader-Trainingslager

„Jetzt bist du ja schon wieder weg.“ – Mit gespielter Empörung nahm Laura mich in den Arm. „Weil du ständig fliegen musst.“

Ständig fliegen

Sie hatte ja nicht ganz unrecht. Es war April, und ich nutzte beinahe jede freie Minute, um für den Sommer zu trainieren und das zu genießen, was über einen ganzen langen Winter hinweg gefehlt hatte. Ich „musste“ wieder fliegen.

Die Wetterlage ließ mir nach dem neunstündigen Rennen im Föhn kaum drei Tage Zeit, um die Eindrücke zu verarbeiten und neue Untaten vorzubereiten. Schon flog ich mit Oliver im Team den ersten thermischen Dreihunderter des Jahres ins Schwabenland hinüber, führte ein schwieriger Zwischenhochtag Bofrost und mich an den bayerischen Wald nach Osten, und wenig später, am ersten guten Tag in den Bergen, flogen wir bis gegen Meran. Mein Lebenskonzept wurde stark vereinfacht: An Regentagen wurde meist für das Abitur gepaukt und ein wenig Geld verdient – Sonnentage nutzte ich, um Strecken zu fliegen.

Das Wiedersehen im Altmühltal

Als der Monat sich dem Ende zuneigte, stand ein Event bevor, auf das ich mich schon seit dem Beginn des Jahres freute.  Claus Triebels Mannschaft, der D-Kader, war zum Frühjahrstraining nach Eichstätt eingeladen. Der Kader, erst im Januar neu zusammengestellt, würde hier großenteils zum ersten Mal miteinander fliegen. Christian Mäx und Georg Baier waren als Co-Trainer dabei, um uns eine Woche lang intensiv auf die Wettbewerbe des Sommers vorzubereiten.

Der Flugplatz Eichstätt ist hoch über der Stadt auf dem „Frauenberg“ gelegen und besitzt eine einzige steile, enge Zufahrt, die nur dem abgebrühtesten Fahrer Durchlass gewährt. Minuten später steht man auf dem großen hügeligen Grasplatz und sieht durch die eng stehenden Baumstämme am Nordhang die Stadt tief unten im Tal hindurchscheinen.

Neben einer Art Flugplatzkantine stehen aufgereiht mehrere Flugzeughallen parallel zu den buckligen Rollwegen, und an deren Ende sah ich mehrere Zelte und einen Wohnwagen am Waldrand aufgestellt. Viele waren schon da.

Herzlich war das Wiedersehen mit Jonas und der LS8 „5Fox“, meinem Infoteampartner aus Ansbach, und auch Max, Felix und Flo aus Paterzell waren schon da. Sie klebten gerade einen Schriftzug auf ihr Zelt, der verdächtig nach „MAUBPF“ aussah, und nur der Eingeweihte erkannte darin die drei Wettbewebskennzeichen ihrer Flugzeuge.

Die ersten waren heute schon in der Luft gewesen und hatten sich mit der Gegend vertraut gemacht – immer mehr bekannte Gesichter sammelten sich auf dem Flugplatz. Eine hohe, schlanke Figur stand neben einer der Hallen – „Toni!!“ rief ich und lief auf ihn zu. Anton Lugtenburg salutierte scherzhaft, und während wir die Dynamic ablederten, erzählte er von seinem Dasein als Sportsoldat und seinen Vorbereitungen auf die deutsche Meisterschaft.

Irgdenwann abends war die Mannschaft komplett. Claus trat vor uns und kündigte Flugwetter für morgen an. Dass es der erste von fünf guten Flugtagen in Folge sein würde, ahnten wir noch nicht.

Fliegen mit dem D-Kader

Es wurde eine überaus spannende, interessante und anstrengende Woche. Kein Tag, an dem wir nicht flogen, und keiner, an dem wir nicht zu neuen Erfahrungen und Zielen vorangetrieben wurden. Als Trainerstab leisteten Claus, Christian und Georg, unterstützt von Daniel Seitzinger, ganze Arbeit. Nicht nur normale „Racing Tasks“ bekamen wir gestellt, um sie in Kleingruppen schnellstmöglich zu lösen, auch „Area Tasks“ wurden strategisch behandelt und in der Praxis erflogen, und an den letzten beiden Flugtagen bekamen wir Gelegenheit, unsere Fähigkeiten im direkten Vergleich zu den anderen Piloten zu testen.

Am ersten Tag umrundeten wir zur „Eingewöhnung“ eine 200-km-Aufgabe um Regensburg und Donauwörth bei mäßiger Blauthermik.

Der zweite Tag begann mit Regen, aber schon in den Mittagsstunden war klar, dass wir fliegen würden. So bekamen wir für den späteren Nachmittag eine AAT-Aufgabe gestellt, die in einem wunderbaren Wolkenstraßenwetter geflogen wurde. Es war das erste Mal, dass wir Claus Triebel fliegen sahen, und er uns.

Dann kam das große Wetter.

Eichstätt – Klippeneck – Nittenau/Bruck – Eichstätt (600 km)

– so hieß die Aufgabe, die uns am nächsten Morgen im Briefing vorgestellt wurde. Längst hatten wir die Flugzeuge aufgebaut und mit Wasserballast betankt, längst war klar gewesen, dass heute ein ganz großer Tag werden würde. Die Trainer hatten sich schon am Vorabend zu einem Langstreckenflug überreden lassen und es war klar, dass wir den Sechshunderter gemeinsam angehen wollten.

Zwei Stunden später rasten Marcel Reuber, Toni und ich mit drei  Discus 2 – Flugzeugen unter einer breiten Wolkenstraße nach Westen.

Das Dreierteam zahlte sich prächtig aus – wir fanden immer die stärkste Energielinie und kamen mit einem 110er Schnitt auf die Schwäbische Alb hinüber. Obwohl wir fast 45 Minuten nach dem Hauptfeld über die Startlinie geflogen waren, hatten wir den Pulk jetzt in Sicht und umflogen das Sperrgebiet Albstadt, um wenig später über dem höchstgelegenen Flugplatz Deutschlands, dem Klippeneck (980 m) zu wenden und Bruck in Ostbayern anzuvisieren.

Das Sperrgebiet stellte auf dem Rückflug eine ernste Hürde dar, die wir nicht gerade bravourös nahmen. An der Albkante entlang gerieten wir nie richtig hoch und die Steigwerte gingen stetig zurück. Wir waren zu tief, um in das abgeschattete hohe Gelände zurückzugleiten. Bis wir wieder Anschluss auf die beinahe zu stark entwickelten Wolken über dem Hochland der Alb bekamen, verloren wir sicher eine halbe Stunde.

Der Weiterflug über die fränkische Alb verlief schnell und konsequent. Als wir Regensburg überquerten und das 30 km nordöstliche Bruck in Reichweite kam, blickten wir allerdings einer geschlossenen Wolkendecke voller Dunkelheit und Schatten entgegen. Es war nach fünf Uhr, die Sonne verlor an Kraft, und der Schatten drängte uns immer weiter nach Süden ab. Die einzigen warmen Stellen fanden wir jetzt im Donautal über der Walhalla, wo wir noch einmal auf Basishöhe steigen konnten. Im Funk polterte seit Minuten eine heiße Diskussion über das Für und Wider eines Weiterfluges. Es ging so weit, dass der etwas tiefer gebliebene Marcel nach Westen abdrehte und alleine den Heimflug antrat. Toni und ich diskutierten weiter und legitimierten uns schließlich gegenseitig. Wir hatten die Hoffnung noch nicht verloren und begannen vorsichtig, in den großen Schatten hineinzugleiten. Die nächsten zwanzig Minuten flogen wir durch völlig unbewegte Luft. Bruck war umrundet, aber hoch waren wir nicht mehr. Jetzt noch über die letzten 90 km kommen.

Irgendwann fand Toni einen mäßigen Wolkenaufwind im Halbschatten. Er brachte uns 20 km weiter nach Westen, und Marcel meldete auf dem Heimweg wieder mehr Sonne. Bald sahen auch wir blauen Himmel und die Stimmung im Funk schlug auf Euphorie über. An der Westkante der Abendwolken fanden wir in 2000 m Höhe immer noch verlässliches Steigen und konnten mit komfortabler Reserve der tiefen Sonne entgegen fliegen.

Grand Prix

Am Mittwoch flog ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Grand-Prix-Aufgabe. Hierbei fliegen alle Teilnehmer gleichzeitig über die Startlinie, um eine mit weniger als 150 km  relativ kurze Rennaufgabe um zwei feste Wendepunkte zu erfüllen. Das Wertungskonzept ist simpel und knallhart: Wer als Erster wieder da ist, hat gewonnen.

Psychologisch gesehen war es heftig, sportlich gesehen war es prima, und  freundschaftlich gesehen eine tolle Erfahrung. Zu beobachten, wie der Pulk sich nach dem Start langsam zersplittert, wie jeder bemüht ist, besser als die anderen zu steigen und zu gleiten, und wie alle versuchen, die anderen als Bojen zu benutzen, ist großartig. Der ständige Druck, dem man durch die vielen Informationen um sich herum ausgesetzt ist, spornt einen bisweilen zu einem Flugstil von enormem sportlichen Risiko an, und man lernt genau, welche Entscheidungen den Flug schnell oder langsam machen. Ich beendete die zwei Grand-Prix-Runden, die wir an diesem Tag in einer Neunergruppe flogen, mit den Plätzen zwei und fünf und war damit sehr zufrieden. Beim ersten Flug zahlte sich eine blitzschnelle Einzelentscheidung kurz nach dem Abflug aus, während ich beim zweiten Flug mangels PDA die Startlinie zu vorsichtig überquerte und in einer schlechten Linie einen Rückstand auf das Hauptfeld aufbaute, den ich bis ganz zum Schluss nur teilweise wieder aufholen konnte.

Im Video sieht man die Seeyou-Animation des ersten Rennens. Ich bin das Flugzeug in Violett.

– Ich bin durchaus gewillt, so etwas öfter zu machen!

Fuchs und Hase

Eine weitere kreative Aufgabe hielt Claus am letzten Trainingstag für uns bereit. Er bildete Dreierteams, von denen je einer zum „Hasen“ erklärt wurde und zwei die „Füchse“ waren. Nun musste der Hase genau fünf Minuten vor dem Fuchs auf einen 100 km langen Kurs gehen. Aufgabe der Füchse war es, im Teamflug schneller zu sein als der Hase und ihm seinen Vorsprung abzuknöpfen.

Während Max und ich in der ersten Runde Toni mit wenig Erfolg jagten (er nahm uns ganze sechs Minuten ab), machte das Wetter einen Strich durch einen zweiten Durchlauf. Jetzt war Max der Hase.

Die Jagd bestand aus einem einzigen langen Gleitflug von Eichstätt nach Beilngries, wo wir in geringer Höhe bei Max ankamen, der hier schon länger mit den abschirmenden Wolken aus Westen kämpfte. In 50 m über Grund fand ich mich zu niedrig, um das schwache Steigen nahe des Berghanges zu fassen, und entschloss mich zur Landung auf dem Flugplatz Beilngries. Toni, etwa 20 m höher als ich, biss sich fest. Mühevoll kamen er und Max nach Eichstätt zurück, und als ich eine Stunde (und eine Abi-Aufgabe) später ein Brummen im Westen hörte, waren Toni und Claus mit der Cessna gekommen, um mich gegen Zahlung eines Kastens „Hofmühl“ wieder nach Hause zu ziehen. Danke! ❤

Die Abschirmung war durchgezogen, im Funk hörte ich von vier weiteren Außenlandungen und somit war am Boden noch nicht viel los. Deshalb entschloss ich mich, den späten Nachmittag über noch zu trainieren, da es wahrscheinlich der letzte Flug hier in Eichstätt sein würde. Die Kaltfront sollte uns morgen einen Strich durch die Rechnung machen.

Um sechs Uhr trudelte ich  schließlich auf 600 m herunter, leitete die Drehung genau auf die Willibaldsburg hin aus und verturnte die letzte Höhe.

Abends verstauten wir die Flugzeuge schon fahrfertig in ihren Anhängern.

Das“Danke

geht dieses Mal an:

Claus Triebel für sein riesiges Engagement und die Bereitschaft so viel für uns auf die Beine zu stellen, für die freie Nutzung seiner Flugzeuge, für die guten Ideen beim Training, für den Schlepp in Beilngries und und und…

Christian Mäx und Georg Baier als weitere Trainer, die mit Rat und Tat dabei waren

Den Flugplatz Eichstätt für die Bereitstellung der Gebäude und Einrichtungen und an die vielen helfenden Hände

Die Firma Schempp-Hirth für die Bereitstellung des Werks-DUOs

Den LVB für die wichtige und großzügige finanzielle Unterstützung

Die Segelfluggruppe Isartal für den Discus „2D“

Meine Eltern für das rote Auto

Petrus für eine Woche Super Wetter

Arne, Hannes, Janika, Dani, Mario, Marcel, Max, Max, Felix, Flo, Flo, Flo, Jonas, Daniel, Fabi, Beni, Bofrost, Toni, Wolfi, Gingy und Fridolin für das wunderbare Zusammensein.

Der Regen

Wie erwartet, bot sich am letzten Tag keine Möglichkeit mehr zu fliegen. Die abendliche Abschlussfeier fand schon teils im Regen statt. Alle 20 Flieger saßen wir zusammen und wussten, dass es wieder nicht das letzte Mal sein würde. Das Wettbewerbsfliegen hat gerade erst angefangen.

Am nächsten Morgen war irgendwann alles eingepackt und verstaut, die A-Klasse vor den Anhänger gespannt und jede Hand einmal kurz geschüttelt. Einige waren noch da, und wir standen an diesem grauen Samstagvormittag unschlüssig vor der Veranda herum. Niemand wollte den Anfang machen und gehen. Noch eine Semmel essen, nochmal schauen ob man nichts vergessen hat, nochmal einen müden Scherz reißen, nur um nicht ins Auto steigen zu müssen. So wurde es irgendwann Mittag – um nicht mit den Anhängern in die Maibaumprozession zu geraten, ging es nicht mehr anders.

Ein langer Konvoi bewegte sich die enge Straße am Berghang entlang in die Stadt hinunter, und auf der Hauptstraße bog mal hier, mal da jemand ab, bis schließlich jeder wieder in sein eigenes Leben unterwegs war.

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Ich weiß noch, wie ich am Samstag nach Hause kam, meine Rucksäcke abstellte, das Telefon suchte, Lauras Nummer wählte und mich in die Kissen fallen ließ.

– Es regnet jetzt seit sechs Tagen. Morgen schreibe ich meine erste Abiturprüfung und habe kein schlechtes Gewissen, die letzte Woche nicht zum Lernen genutzt zu haben.

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