Mein Frühlingsanfang

Irgendwann war der Schnee weg.

Die erste ausgeprägte Hochdrucklage des Frühlings tat, was sie jedes Jahr mit erstaunlicher Zuverlässigkeit immer und immer wieder zu tun pflegt: Sie ließ die Krokusse sprießen, die Gesichter der Menschen im hellblauen Licht strahlen, die Kleidung der Mädchen leichter werden… und sie machte die Segelflieger nervös.

Vorgemacht hatte es mit zwei beeindruckenden fliegerischen Leistungen Walter Weinstock aus Paterzell, der mit seinem Langohr souverän bewies, dass auch schon im März thermische Langstrecken in den Nordalpen möglich sind. Am Donnerstag, dem 25. März, war auch ich mit dem Arbeitspensum meiner Abiturvorbereitung weit genug voran gekommen, dass ich bereit war, zu fliegen.

Die föhnige Südströmung hatte sich verstärkt und das Hochdruckwetter blieb mit ungehinderter Sonneneinstrahlung über den Alpen erhalten. Dass es heute kein reiner Thermikflug werden würde, war mir klar, als ich das Schulgebäude um halb zwölf Uhr Mittags verließ. Genauso klar war mir, dass auf dem Entschuldigungszettel für die vier geschwänzten Schulstunden eine dezente Umschreibung der Symptome des „Flugfiebers“ nicht ganz genügen würde. Mir war es egal. Keine Zehn Pferde hätten mich im Unterricht halten können.

Zehn Minuten später kam ich atemlos über den Schotterweg hinter unserem Flugplatz geradelt, öffnete den Hangar und begann sofort, ein doppeltes Sauerstoffsystem in den Duo Discus einzubauen. Südlich von uns reihten sich zerzauste Cumuluswolken über den Gipfeln, darüber gleichmäßig verteilt breite Streifen linsenförmiger Wellenwolken.

Joe Eberl, Zweimetermann, Strahlemann und Flugschüler, kam nach einer halben Stunde. Mein Angebot, ihn auf den heutigen Erkundungsflug ins Karwendelgebirge mitzunehmen, war ihm Grund genug gewesen, die Arbeit so früh wie möglich sausen zu lassen. Die Wolkenoptik im Süden hätte eindeutiger nicht sein können.

Der Link zum Flug!

Wir starteten um kurz vor eins, warfen in 1000 m Höhe das Seil ab und erwischten geradewegs eine laminare Wellenströmung, die uns mit 2-3 m/s auf knapp 3000 m hob. Die Optik im Süden versprach mehr und ich verließ den Aufwind unter dem Scheitelpunkt, um gegen den erstaunlich schwachen Wind nach Süden vorzudringen. Dass es schon der höchste Punkt des Fluges sein sollte, ahnten wir beide nicht.

Meine Versuche, die nächste Welle über der Jachenau und den angrenzenden Bergen zu finden, blieben ergebnislos. Bald waren 1000 Meter Höhe wieder verspielt. An vielen Stellen schien der Wind zu stark, um strukturierte Thermik entwickeln zu können, und die zerrissene thermische Aktivität wiederum war es, die das Entstehen von Wellen über den Vorbergen erschwerte. Ein echtes Aufwinddilemma. Aber es gab Ausnahmen.

Ein waschechter Leebart muss es gewesen sein, der wie im Lehrbuch hinter einer markanten Gräte nördlich des Roßsteins auf uns wartete. Aus unter 2000 m Höhe waren die gewonnenen 700 m Gold wert. Ein neuer Anflug auf das Karwendel wurde möglich. Allerdings blieben wir auch in der nächsten Flugphase erst einmal glücklos.

Der Vorstoß ins höhere Karwendel über das Demmeljoch gelang mir zwar unter Ausnutzung kleinerer, unstrukturierter Energielinien, jedoch hingen wir zwischen den Kalkwänden und dem Achensee dann in niedriger Höhe – und in einem erneuten Dilemma.  Um nämlich den nächsten Schritt, den Sprung ins Inntal, sicher wagen zu können, ohne unmittelbare Außenlandegefahr laufen zu müssen, fehlten mindestens zweihundert Höhenmeter. Zumindest Innsbruck wollte ich immer erreichen können.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen, wagte ich den Sprung irgendwann dennoch. Ich hatte mir eine halbe Stunde lang in zermürbenden Steigversuchen in unmittelbarer Hangnähe die Wolken, den Wind und die immer sofort zerblasenen Thermikansätze westlich des Achensees angesehen, hatte Innsbruck ATIS abgehört und ein bisschen Mut zusammengekratzt. Nun wusste ich genug. Der Schlüssel zum Erfolg lag einzig und allein in der Erkenntnis, dass zehn Kilometer südlich von uns die vierfache Windstärke herrschte! Alles wies darauf hin, dass der Nordrand des Inntals von unten heraus mit starkem Hangaufwind auf uns wartete.

Tief unterhalb der bedrohlichen Kalkwände, die nördlich und westlich von uns standen, verließ ich unsere Karwendelfalle und hielt stur auf das Inntal zu.

Die Turbulenz im Lee des Stanser Jochs war extrem. Wir sanken wieder unter die 2000-Meter-Marke und kamen uns vor wie gescheiterte Rodeo-Cowboys. Wir sanken weiter. Irgendwann überquerten wir den Grat auf die Südseite. Immer noch Fallen. Was, wenn es jetzt immer noch nicht trägt?

Man kann sich die Südseite des Stanser Jochs als einen Hang vorstellen, der nicht besonders steil ist, dessen Gipfellinie allerdings nach Westen hin stetig ansteigt, bis sie im westlichsten Teil des Berges schließlich etwa 2200 m Höhe erreicht.

Und man kann sich unseren Duo Discus vorstellen, wie er mit letzter Energie und hohem Fahrtüberschuss um die östliche Ecke ins Luv gebogen kommt, augenblicklich vom starken Südwind erfasst wird und während des Weiterfluges nach Westen exakt mit der Gipfellinie mitsteigt. Joe und ich begannen zu feiern: Wir wussten, dass der Flug in diesen Sekunden gewonnen worden war.

Um den weiteren Flugverlauf zu beschreiben, bedarf es nicht mehr vieler Worte: Wir stiegen beharrlich an den Südflanken der Karwendelkette entlang, ließen uns nicht von den Turbulenzen einschüchtern und hatten dem starken Wind unsere eigenen 150 bis 200 km/h Staudruck entgegenzusetzen.

Querab von Innsbruck war es nichts als ein schmaler Kanal aus angestauten Wolken und dem Fels, den wir am Rande der Manövergeschwindigkeit entlang ritten und dennoch stiegen. Immer eine Hand am Bremsklappenhebel bereit, die andere fest an den Knüppel gelegt, ließ ich mir trotz unserer geringen Höhe von 2700 m künstlichen Sauerstoff in die Nase schießen, um die Konzentration in diesem Ritt auf ein Maximum zu bringen. Es ist dieser Mix aus unbeschreiblich schönen Eindrücken, tiefster Konzentration und solchen Momenten des Adrenalins: Segelfliegen.

Das einzige Flugzeug, dem wir auf unserer Reise begegneten, zog auf Gegenkurs etwas tiefer an uns vorbei, als wir wenig später die Geschwindigkeit auf 120 zurück nehmen konnten und unser Puls sich langsam wieder normalisierte. Man konnte dem kleinen Ventus, der die Nordkette von Westen her anflog, die Vorfreude auf das, was wir gerade erlebt hatten, direkt ansehen.

Ich erstieg im Luv der westlichen Karwendelspitze die letzten Meter, die uns zur sicheren Endanflughöhe auf Königsdorf fehlten, dirigierte den Duo Discus um den Soierngrat herum, gewann einigen Abstand zu den Felsen und übergab das Steuer an Joe. Er flog uns wie auf Schienen über die beiden Seen durch die Kesselbergscharte ins bayerische Oberland zurück.

So sah er aus, der Tag, an dem für mich der Frühling begann.

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