Das Abenteuer hinterm Ofen

Das war gerade noch einmal gut gegangen.

Ich hatte das Sarntal mit einem gestreckten Gleitflug von Brixen aus schnurstracks überquert, da am Rittner Horn trotz ungehinderter Sonneneinstrahlung einfach nichts zu holen gewesen war. Die schwachen Warmluftblasen, die über dem Gipfel vielleicht einen Meter pro Sekunde Steigen lieferten, waren mir zu anstrengend und zeitraubend erschienen. Auch der drei Kilometer lange Umweg zuvor über den Gipfel des Jakobshorns hatte sich als nahezu nutzlos herausgestellt.

Im Anflug auf die quellwolkigen, jedoch abgeschatteten Westgrate der Sarntaler Berge wieder unruhigere Luft. Böen von unten und oben – warum denn jetzt ein Lee? – ich bin nur noch 2500 m hoch und muss unbedingt steigen, bevor ich in das Vintschgau einfliegen kann.Vorhin hätte ich zweimal kurbeln können, warum war ich so voreilig?

Der Rhythmus des bis dahin so schnellen Fluges ist dahin.

Ich sinke auf der Suche nach Thermik weit unter die Gipfel. Hier zwischen den Schatten habe ich keine Chance mehr. Irgendwas stimmt heute nicht mit der Luft in den norditalienischen Bergen.  Der Hochplatt hat mich weiter in den Süden abgedrängt. 2200 m. Viel Höhe kann ich nicht mehr verspielen, bevor ich nach Bozen abdrehen und den Flug aufgeben muss.

Auf einmal bekomme ich eine Idee, gehe im flachen Winkel mit 140 km/h knapp über den Grat und drehe über Meran hinweg nach Westen. Wenn ich wieder steigen will, muss ich in die Sonne. So tief fliegt man sonst nie, nie, niemals ins Vintschgau ein: Ein Tal, das weit und breit keine einzige Notlandemöglichkeit, sondern nichts als Bewässerungsgräben und Obststangen bietet.

Gruselig sieht das von oben aus. Es ist fast, wie über Wasser zu fliegen, nur dass kein Ufer in Sicht ist. Warum ich das trotzdem tue? Noch zeigt der GPS-Rechner genügend Sicherheitshöhe auf den nur 240 m hoch gelegenen Flugplatz Bozen S. Giacomo an. Und ich glaube meinem Rechner.

Es wird ein Nervenspiel. Ich erreiche den ersten richtigen Hang in unter 2000 m Höhe. Wenn es die beruhigenden Zahlen auf dem GPS-Rechner nicht gäbe, hätte ich jetzt Angst. Und selbst die Sicherheitshöhe auf Bozen ist bis auf ein knapp verantwortbares Minimum gesunken: Wenn es jetzt nicht trägt, drehe ich auf der Stelle um, denke ich mir. Und drücke den linken Flügel Sekunden später wie selbstverständlich in die erste kräftige Steigschleife.

Minuten später bin ich zurück an der Basis in 3300 m und schieße den aufballastierten Discus mit hoher Geschwindigkeit nach Westen richtung Ofenpass, der schmalen Gasse zwischen Felsen und Wolken folgend.


Segelfliegen – ein Würfelspiel?

Erleichtert drückte ich die „Escape“-Taste und beendete den Simulator. Wieder hatte es nicht einwandfrei geklappt. Schon wieder war mir das Problem der Höheneinteilung fast zum Verhängnis geworden. Schon beim Training der Hauptkammquerung war mir etwas ähnliches unterlaufen.

Klar – das Lee westlich von Sarnthein war kein richtiges Lee gewesen, sondern ich hatte absichtlich die Bremsklappen gezogen. Und natürlich war die Jakobsspitze im Simulator aufwindaktiv gewesen, aber ich hatte die Thermik ignoriert. Zwar war ich dennoch innerhalb der Sicherheitsgrenzen geblieben, hatte nie den den sicheren Ausweg auf die Landefelder bei Bruneck, Brixen, später die Flugplätze Sterzing und Bozen verloren – aber wieder hatte ich das absolute Limit ausgereizt.

Um mich mit dem Simulator an den Schlüsselstellen verschiedener Flugrouten auf unerwartete Ereignisse vorzubereiten, benutze ich ein einfaches Werkzeug: Einen Würfel. „Eins“ zum Beispiel bedeutet, dass ich auf einmal, einfach so, 100 Meter Höhe verliere (ich ziehe dann die Bremsklappen), und jede weitere ungerade Zahl befiehlt mir, dass die Thermik, die ich gerade anfliege, nicht existiert. So muss ich dann weiter fliegen. Mehrere dieser Zufallsbefehle lasse ich in jeweils etwa einstündige Trainingsflüge einfließen und nutze so den Condor-Simulator, um sichere, effiziente Flugtaktiken im Bezug auf bestimmte Gebiete des Hochgebirges zu entwickeln und in allen Variationen einzuüben. Richtige Höheneinteilung, Chancen-Risiko-Management, Exit-Strategien (Abbruch des Vorhabens und/oder Außenlandung), und nicht zuletzt eine genaue Kenntnis der geographischen Verhältnisse, der Geländehöhen, möglicher Abreißkanten und der Talverläufe liegen im Focus.

Was habt ihr im Winter so gemacht?

Einen Winterschlaf habe ich nie gehalten. Der Winter bot Zeit, sich intensiv mit der eigenen Fliegerei auseinanderzusetzen, die Theorie hervorzukramen und zu überarbeiten, und die Herausforderungen der kommenden Saison zu planen und konsequent vorzubereiten. Autogenes, mentales und körperliches Training, Simulatortraining und Konzentrationsübungen standen im Wechsel mit endlosen Abenden über Landkarten und See You, die mit dem Entwickeln neuer Routen, dem Umherschieben von Wendepunkten und dem Einprägen von Geländeformen, Talnamen und Außenlandemöglichkeiten verbracht wurden.

So wurden Zwei-, Drei- und Vierecksstrecken erdacht, alterprobte sowie experimentelle Routen über den Alpenbogen gespannt, mit anderen Piloten diskutiert, Knackpunkte herausgearbeitet, GPS-Aufzeichnungen früherer Flüge untersucht, Außenlandestrategien erarbeitet, Flug-Zeitpläne errechnet und eine mehr oder weniger detaillierte, jedenfalls komplette Karte der Ostalpen im Kopf aufgebaut.

Besonders danken möchte ich an dieser Stelle Max Lecker für den beinahe täglichen, sehr ergiebigen Gedankenaustausch und die vielen Ideen und Träumereien. Weiterhin geht mein Dank auch an Martin Dinges für die wirklich wertvolle wissenschaftliche Unterstützung sowie für die Erkenntnis, dass es auch dieses Jahr tatsächlich wieder Thermik gibt. Viele Grüße nach Serres!

Drei, zwei, eins, und bitte!

Schon Ende Februar erlaubte ein zwischenzeitlicher Schneetiefpunkt über dem Alpenvorland einige Trainingsflüge und Ziellandungen. Jetzt, im März, gehen die Theorievorbereitungen in die Endrunde. Pünktlich um Ostern schließlich wird sich das „alte Team“ wieder in Königsdorf eingefunden haben.

Um über den Alpen zu fliegen.

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4 Kommentare zu “Das Abenteuer hinterm Ofen

  1. Wow, das ist ja Segelflugtraining 2.0, was Du da betreibst! Als ich das letzte Mal mit Condor hier unterwegs war, bin ich am Ende nicht hinterm Ofen, sondern kurz vor dem Ofenpass gesessen, und das ganz ohne Würfel :-/
    Zu dem zweiten Screenshot: Lass mich raten, Schlanders mit Eingang zum Martelltal im Hintergrund?

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