Die Geschichte vom unmöglichen Luftsprung, Kapitel 2

Die Tage vor der Meisterschaft brachten noch drei sehr interessante Flüge mit sich:

Mittwoch. Ins Blaue hinein

Zurück in Königsdorf. Die meisten hatten schon wieder eingepackt. Hätte ich auch fast. Man wartete auf den magischen Moment des Thermikbeginns, und es schien, als wartete man heute vergeblich.

Laut Vorhersagemodell hätten wir ab elf Uhr fliegen können, aber nun war es bald eins, es war 30 Grad warm, und der Himmel eisern blau. Im Norden schwammen wässrige Cumulus-Wolken, aber sie waren von Königsdorf aus nicht zu erreichen.

Die Startreihe war dünn besiedelt; man musste entweder besessen oder meteorologisch unbegabt sein, um heute starten zu wollen.

Ich wollte starten.

Benjamin Bachmaier

Um halb zwei war ich in der Luft. In 500 m Höhe warf ich das Seil und fand keine Thermik. Nein, es war mehr ein Luftstrudel, und zwar ein ziemlich lahmer Strudel! Es schien, als hätte ich über der Königsdorfer Sandgrube den einzigen Aufwind der Gegend gefunden. Bald bekam ich von zwei anderen Flugzeugen Gesellschaft, und wir ließen uns vom Ostwind nahezu 10 km nach Westen versetzen. Endlich hatten wir uns nach oben geschwitzt. Eine halbe Stunde nach dem Start war ich 900 Meter über Grund und bereit zum Abflug. Mein Ziel: Die Wolkenbänder nördlich von mir zu erreichen, um ihnen nach Osten zu folgen.

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Siebenhundert Meter, neunhundert Meter, siebenhundert Meter hoch. Es ging mühsam von Strudel zu Strudel voran. Endlich, bei Wolfratshausen besseres Steigen. Mit bis zu 1,5 m/s kam ich auf 1100 m und war hoch genug, um mich an die ersten Wolken bei Schäftlarn zu wagen. Zögerlich begann ich, Vertrauen in diese Kondenzen zu setzen. Eine Wolkenstraße nach Osten wies mir den Weg; dahinter folgten weitere Zeichen guter Aufwinde.

Der Anfang hatte mich eine Stunde Zeit gekostet. Doch nun tauchte ich in anhaltendem Steigen unter den Wolken nach Osten, das Flugzeug blitzte in der Sonne, und die brodelnde Luft versprach noch mindestens zwei Stunden schnellen Fluges.

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Flug1

Donnerstag. Die Berge, da oben

Erst zog Mathias Schunk über den Rand des Inntals hinweg nach Südosten, dann Vincent Schwaller, und fünfhundert Meter dahinter flog ich. Wir bewegten uns tief im Relief.

„Hab ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich hier noch nie so niedrig gewesen bin?“ – Mathias Stimme schien im Funk keineswegs beunruhigt. Vielmehr schien sie zu sagen: Wer um alles in der Welt würde bei diesem miserablen Wetter ein über 600 Kilometer messendes Dreieck zu umrunden versuchen? Warum tun wir uns das an, in halber Berghöhe an der Felswand des Wilden Kaisers entlang zu fliegen?

Die Antwort war einfach: Wir wollten zwei Titel gewinnen. Kämen wir mit mindestens zwei Flugzeugen über die Strecke, würden wir die Mannschaftswertung der DMSt gewinnen. Die Punkte würden mich außerdem zum deutschen Langstrecken-Juniorenmeister der Standardklasse machen.

Um viertel nach drei, auf dem Heimweg (wir waren fast fünf Stunden geflogen und dabei dreimal fast außengelandet; die 600 km hatten wir längst aufgeben müssen) traf ich zum ersten mal an diesem Tag auf einen Aufwind, der diesen Namen verdiente. Der Pinzgau schien brauchbare Thermik zu liefern und wir konnten bis auf 2700 m steigen. In zwei Stunden würden wir wieder daheim sein.

„Vorhin, in 1600 m in den Tauern, da bin ich um zehn Jahre gealtert“, gestand ich den beiden anderen Piloten im Funk.

Wir würden es morgen eben nochmal versuchen müssen.

Flug2

Freitag. Traum und Erwachen

Wir hatten schon wieder zu viel Zeit verloren. Schon am ersten Wendepunkt (Diesmal war es St. Moritz) waren Vincent und ich viel zu spät. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil Mathias nach dem Abflug nicht hoch genug steigen konnte und wieder nach Königsdorf abdrehen musste. Ohne ihn hatte ich bei diesem schwierigen Wetter keine Chance, und Vincent war zum ersten Mal in diesem Gebiet unterwegs.

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Das Vintschgau war von tiefen Wolken gefüllt, so dass ein weiterer Umweg bevorstand und wir Lienz heute nicht mehr erreichen können würden. Also machten wir uns einen schönen Tag über den Bergen. Ich probierte viele Dinge aus, und zeigte Vincent die Gegend. „Es ist viel schwieriger als in Südfrankreich“, sagte er mir nachher. Ich bin sicher, würde er mir die Seealpen zeigen, dann würde ich das gleiche behaupten.

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Kilometer und Meistertitel wurden mir egal. In 4000 Metern, hautnah am Alpenhauptkamm, fernab jeglicher größerer Menschenansammlungen, bei 150 km/h, verliert jede Wirklichkeit ihre Dimension.

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Wir tanzten uns vom Berninagletscher über den Ofenpass, über den Reschenpass zum Kaunergrat, über die Ötztaler Alpen und den Brenner ins Zillertal. Es war großartig. Dann schlug ich vor, den Hauptkamm nach Italien zu queren. So kamen wir abends doch noch bis etwa 20 km vor Lienz. Doch die Uhr tickte und mahnte zur Umkehr. „Komm, lass uns nach Hause fliegen.“

Ich flog als erster über den Hauptkamm, und sah auch als erster, dass man nach Norden hin gar nichts mehr sah.

Die Wolken fielen tiefer und tiefer,  je weiter nach Norden wir uns gegen die Wolken drängten. Zillertalausgang. Rofangebirge. 2500 m. 2000 m. Ein Aufwind, und wir schaffen es über die Blauberge nach Deutschland, und dann auch nach Königsdorf. Der Rofan trug nicht mehr. Am Achensee ließ sich das Steigen nicht in Kreise fassen. Die Blauberge wuchsen immer höher.

Nach neun Stunden Flug setzte ich den Discus auf die gemähte Wiese in Achenkirch. Vincent folgte eine Minute später. Mein Ärger, dass dieser wunderbare Flug so enttäuschend zu Ende gehen musste, war maßlos. Doch es ließ sich nicht ändern; und zu zweit lässt es sich auf einer Außenlandewiese immer ganz gut aushalten.

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So lernte ich den zwei Meter großen französischen Fluglehrer Vincent Schwaller kennen, einen sehr guten Bergflieger und netten Menschen, mit einem hinreißenden Akzent!

Flug3

Samstag: Ich breche nach Ansbach auf

Die Meisterschaft war verloren. Tage später meldeten andere Piloten aus Mitteldeutschland noch größere Flüge. Somit hätten nicht einmal diese Punkte gereicht.

So gratuliere ich mit vollster Anerkennung Tobias Lübbe aus Backnang zum deutschen Meistertitel 2009!

Dies war der erste Teil des unmöglichen Luftsprunges. Dieser, und das muss ich eingestehen, dieser war tatsächlich unmöglich geblieben. Nun hieß es nach vorne schauen und in Ansbach alle Fähigkeiten, die ich in den letzten viereinhalb Jahren gelernt hatte, einzusetzen.

Fortsetzung folgt.

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