Die Geschichte vom unmöglichen Luftsprung, Kapitel 1

Ich will erzählen, was ich den ganzen letzten Monat lang gemacht habe.

Was ich auf den Wettbewerben und allem drumherum der letzten Wochen erlebt habe, ist für mich als fliegenden Journalisten auf jeden Fall wert gewesen, eine Story daraus zu machen.

Es ist eine lange Geschichte, deswegen schreibe ich sie auch stückweise. Hier ist der erste Teil! Die meisten wissen ja sowieso schon, wie alles ausgegangen ist.

„The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“

Ich glaube, es war ein Mittwoch.

Wir saßen zu viert bei meiner guten Fee Alina zu Hause und tranken Wein. Die Sommerferien in Bayern würden in eineinhalb Wochen beginnen, und wir würden uns für einen Monat nicht mehr sehen. Für Alina und mich hatten die Ferien nämlich schon begonnen. Ihre nächste Station hieß Uganda – meine eigene hieß Stölln und war ein kleiner Flugplatz in der Nähe von Berlin.

Mathias „Google“ von der Akaflieg München hatte mich gebeten, sein Bodenhelfer auf der dortigen Qualifikationsmeisterschaft zu sein – ein Angebot, das ich angesichts der mir selbst unmittelbar danach bevorstehenden Bayerischen Meisterschaft in Ansbach gerne annahm, um erste Wettbewerbsluft zu schnuppern.

Ich war voller Spannung und Vorfreude auf die beiden Wettbewerbe. Auf Ansbach hatte ich mich schließlich schon monatelang vorbereitet und ich fühlte mich in diesen Tagen, wie man sich eben fühlt, wenn etwas großes, wichtiges und schönes bevorsteht.

„Nimm Dir Essen mit, wir fahr’n nach Brandenburg“

Es nieselte leicht, als Google und ich am nächsten Vormittag langsam über die Landebahn des kleinen Flugplatzes an der Ottengrüner Heide schlenderten. Wir warteten auf den Landestrainer Claus Triebel, dessen LS 8 Google zur Qualifikation für die DM 2010 tragen sollte. Heute Abend würden wir in Stölln eintreffen.

Es ist immer ein tolles Gefühl, mit einem dieser langen, schlanken, weißen Anhänger über die Autobahn zu brausen.

Sechs Stunden später waren wir da, aber fanden den Flugplatz nicht. Erst als die stark hügelige, mit Schlaglöchern versetzte Wiese Landebahnmarkierungen an den Rändern zu haben schien, begriffen wir, dass es an der Zeit war, den Anhänger abzustellen und unsere Freunde auf dem Campingplatz zu suchen, um das Lager aufzuschlagen.

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„Von Paddelhof bis Ponyboot“

In Stölln wurde ein wunderbarer Wettbewerb geflogen. Die sympathische Leitung und Organisation des Wettbewerbs ergänzten sich mit weiten, schnellen Wertungsflügen auf höchstem Niveau, einer ausgezeichneten Stimmung und glänzendem Segelflugwetter. So „mussten“ wir kaum einmal auf die an der originellen Pinnwand vorgeschlagenen Freizeitmöglichkeiten im Falle einer Tagesneutralisation zurückgreifen.

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Als Rückholer ist man an den Boden „gekettet“. Manchmal tut das schon weh. Andererseits, wenn mittags die Flugzeuge endlich alle gestartet sind, und man 400 Flugkilometer lang Zeit am Boden hat, kehrt eine seltsame (und seltene) Ruhe auf dem Wettbewerbsflugplatz ein. Bodenmannschaften (wie auch die Rückholer unserer Verbündeten und ich) bildeten im Camp kreise um ihre Funkgeräte und hörten den Abflugverfahren zu. Alle drückten ihren „Helden“ die Daumen.

Manchmal saß ich nachmittags eine Weile am Lilienthal-Denkmal auf dem Gollenberg, jenen bemitleidenswerten 40 Höhenmetern, auf denen unser großer Vorfahre seine ersten Absprünge und Flugversuche (und seinen letzten) durchgeführt hat. Ach, Herr Lilienthal…

Wenn dieser Mann nur sehen könnte, was wir nun, über hundert Jahre später, mit seiner Kunst tun können. Wenn er sein Traum vom Segelflug wahr geworden erleben könnte. Wenn er die vielen jungen, talentierten und begeisterten Flieger um sich herum sähe – wie wir hunderte von Kilometern ohne Motorkraft zurücklegen und es den Vögeln gleichtun – er wäre der stolzeste und glücklichste Mann, der je auf Erden war.

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Die Streckenflieger der Akaflieg München – Mathias Gogl, Phillip Theilmann und Hannes Röpling – haben ihre Sache gut gemacht. Phillip hat sich direkt qualifiziert, Hannes und Google sind erste Nachrücker ihrer Klassen geworden. Falls ich es in den folgenden Wochen in Ansbach nun auch noch zu einem Qualiplatz bringen würde – ja, dann wäre (mit ein bisschen Glück) die Königsdorfer Fraktion auf der deutschen Meisterschaft 2010 komplett und perfekt.

„And now: over to you!“

Wir hatten uns den ganzen Tag über mit dem Fahren abgewechselt und es nahte der Moment des Abschieds. In der Tür eines Krankenhauses in München (fragt besser nicht, warum gerade ein Krankenhaus!) drückte ich Google die einzige Hand, die bei ihm noch funktionierte. Er war dankbar, dass ich mitgekommen war um ihm  zu helfen, und ich war dankbar für den „Urlaub“ und die Einstimmung auf das, was in nunmehr knapp einer Woche für mich folgen würde. Gleiches Spiel, andere Gegner, anderer Ort. Nur diesmal war ich selbst im Cockpit an der Reihe, um einen Qualiplatz zu erobern…

„Und fall, bitte, nicht vom Himmel.“

So verabschiedeten sich viele von mir, als ich dazwischen wieder einige Tage in Königsdorf und Umgebung auftauchte. „Wir mögen dich trotzdem noch, wenn es nicht klappt“ war fast so ermutigend wie „Ich glaub an dich, und es reicht ja, wenn das einer von uns tut.“

Man merkte mir sicherlich an, dass ich nervös war. Auf dieses Event wartete ich tatsächlich schon, seit ich den Flugschein besaß…

Und so machte ich die „2D“ für ihre größte Herausforderung in diesem Jahr startklar. Die Mückenputzer waren eingebaut und justiert, Wasserkanister im Anhänger gesammelt, die Oberflächen auf Hochglanz poliert, die Wendepunkte in den Rechner gefüttert, ein PDA ausgeliehen, und die Motivation auf Hochtouren. Ich freute mich, wie vor einer Theateraufführung oder vor einem speziellen Date. Ob es klappt oder nicht, interessant wird es auf jeden Fall.

Unter den Bremsklappenhebel klebte ich zum Schluss noch eine kleine Sache, die mir die gute Fee aus dem ersten Absatz mit auf den Weg gegeben hatte. Alina macht immer Collagen aus Zeitungsüberschriften, die sie ausschneidet und aufklebt. Für mein Cockpit hatte sie einen kleinen schwarzen Schriftzug aus ihrer Dose gefischt. An der Bordwand stand nun (und ich musste immer lächeln, wenn ich es las):

„Der unmögliche Luftsprung“

Bis es allerdings soweit war, dass ich nach Ansbach abzog, hatte ich noch eine Rechnung offen. Dazu hatte ich noch drei Trainingstage in Königsdorf eingeplant. Es sollte auf den Versuch hinauslaufen, die DMSt (Deutsche Meisterschaft im Langstreckensegelflug) zu gewinnen. Dazu fehlten nämlich im Prinzip nur erstaunlich wenige Punkte, und über den Alpen befand sich eines der letzten Hochdruckgebiete des Jahres…

Fortsetzung folgt!

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