Endlich wieder los

Es war heute ungefähr Ein Uhr mittags, als Edi auf seinem Dienstfahrrad neben mir hielt und brummte: „Geh, tu net so viel Wasser nei, heut gehts eh net so guat.“

Tja, das sah ich selbst. Die sehr feuchte, sehr labile und sehr warme Luftmasse über Südbayern, die uns seit Tagen plagt, schickte im Osten des Flugplatzes Königdorf schon gegen Mittag hohe Türme in den Himmel, und wo es noch nicht überentwickelt hatte, sah der Himmel am Alpenrand äußerst unaufgeräumt aus: Viele Wolken, nur wenige echte Cumulusentwicklungen, und diese sehr tief. Das T-Shirt klebte mir am Körper und die Julisonne stach zwischen den Wolken heiß auf das Rollfeld herunter.

Aber ich tankte. Immerhin 50 Liter Wasserballast sollten mir den Discus 2c heute schnell machen.

Denn ich hatte ein gutes Gefühl, und wer wird sich schon von ein paar Wolken und ein bisschen Warmluft die Laune verderben lassen? Wer beinahe den ganzen Juni im Regen oder in Gewitterschauern am Boden verbracht hat, der sieht keine 6/8 Wolken, sondern die blauen Löcher dazwischen.

„Oiso, i schlepp di dann!“ Ich hielt beide Daumen nach oben und widmete mich wieder dem linken Flügeltank der 2D.

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Die D-EISD strafft das Schleppseil um zwanzig nach eins. Oh, wie ich es erseht habe, nach einer so langen fast nur wetterbedingten Pause diesen (zwar unterhaltsamen und wundervollen, doch nicht immer ganz einfachen) Planeten wieder zu verlassen!

Die Cockpittemperatur beträgt 38 Grad Celsius. Alle Lüftungssysteme sind voll geöffnet, und der erste leichte Fahrtwind beim Anrollen weht hoffnungsvoll um mein Gesicht.

Der Discus liegt folgsam in den Rudern und wir klettern über den Platzrand. In 500 Metern Höhe (Edi hat mich genau in den besten Aufwind der Umgebung gesetzt) werfe ich das Seil und beginne, in bis zu 2 m/s zu der kleinen Thermikwolke hinaufzukreisen.

Für meinen Geschmack viel zu früh, in nur 1450 m über dem Meer nämlich, wird es dunkel über mir und ich muss den Kreis verlassen. Meinen Kurs habe ich mir gegen den Wind, nach Nordwesten, gesucht, und flitze auf die nächste Wolke zu. Die Temperatur im Cockpit ist auf angenehme 20 Grad gefallen.

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„Sieben Null, München Info, Oberpfaffenhofen Delta ist aktiv.“ Was der Fluglotse da sagte, das gefiel mir gar nicht. Denn – Murphy´s Law? – die einzigen sicheren Thermikanzeichen auf meinem Nordwestkurs fanden sich genau über der Kontrollzone. Hätte ich lieber mal vor dem Abflug nachgefragt und einen anderen Kurs gewählt.
Nach einigem Kopfrechnen entschied ich mich, trotz der tiefen Wolkenbasis zu versuchen, die Kontrollzone in sicherem Höhenabstand zu überfliegen.

Dabei musste ich aber einen ziemlich schwachen Lift mitnehmen, um nicht abdrehen zu müssen, weil ich sonst in die Kontrollzone hineingesunken wäre.

Aber immerhin, es ging vorwärts! Zwischen den Flugplätzen Jesenwang und Landsberg am Lech stieß ich schließlich auf ein unsympathisch blaues Loch, so dass ich mich am Ende einer kurzen, aber schönen Wolkenstraße zur Umkehr entschied.

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Inning am Ammersee ist aber groß. Ich mag es nicht, wenn die Häuser so groß werden.

Ich erinnerte mich etwas betreten daran, was ich gelernt hatte: „Die letzte Wolke unter einer Wolkenstraße ist nie zuverlässig. Sie steht bereits unter dem Einfluss des negativen Faktors, der die Wolkenstraße überhaupt zum Aufhören zwingt.“

Tja, so auch heute. Ich sank.

Nach meiner Wende hatte sich das Steigen, das 10 Minuten zuvor noch verlässlich war, dazu noch völlig verflüchtigt und ich konnte nicht mehr auf die schon erprobten Stellen zurückgreifen. Musste ein breites Schattenfeld unter den Wolkenausbreitungen durchqueren und befand mich nun 450 m über der sonst recht kleinen Stadt. Doch für mich sind 450 m inzwischen kein Grund zur Verzweiflung mehr.

Mehr am Boden als an den Wolken orientierend, zog ich einen zerrissenen Meter. In einigen unzuverlässigen Blasen arbeitete ich mich langsam wieder nach oben und war schon bald für neue Untaten gen Osten bereit.

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Um kurz nach drei liegt das weite Häusermeer von München zu meiner linken. Die erneute Querung der Oberpfaffener Kontrollzone ist etwas knifflig, aber nicht weiter problematisch gewesen, und die thermischen Verhältnisse scheinen sich gebessert zu haben. Zwar kann ich nicht mehr sehr weit nach Osten, da eine breite Gewitterwand südöstlich der Großstadt droht, aber bis dahin fliege ich im Delphinstil. Bei Oberhaching wende ich. Dann nehmen die Schatten überhand und ich halte mich schon bald weiter südlich, um wieder in die Sonne zu kommen. Vorsichtig, deshalb in schwachem Steigen, geht es wieder nach oben. Ich beschließe, meine letzten 30 Bundesligaminuten nach Süden zu legen. Die Berge haben einfach eine magische Anziehungskraft.

Unterwegs komme ich an meinem Heimatflugplatz vorbei und kann hier auf 1800 m, die größte Höhe des Tages, steigen.

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Ich habe Musik angemacht. „One Last Time“ singen die Kooks, als ich mit dem linken Flügel ganz sachte über die Waldberge nach Kochel streiche. Von überall löst der Nordwestwind nun kleine Steigbläschen aus, die meinen Gleitflug strecken. Die Benediktenwand türmt sich vor mir auf.

Bei Benediktbeuern verschenke ich 20 Meter Höhe, um einen Kreis um drei Schwarzstörche zu ziehen, die mich hinter ihren knallroten Schnäbeln beinahe mitleidig, aber sehr interessiert ansehen. Ja, ich weiß: Ihr könnt es noch besser. Gute Reise, ihr drei!

Am Jochberg sind die 150 Bundesligaminuten vergangen, sicherheitshalber bin ich leicht über meiner Abflughöhe geblieben. 20 Kilometer sind es nur nach Hause von hier aus, und ich lehne mich in den Fallschirm wie in einen Wohnzimmersessel. Dann drehe ich das Flugzeug um 180 Grad und gehe auf Heimatkurs.

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300 Meter über den Königsdorfer Flugzeughallen schlug ich zwei weite Kreise ein und schaute hinab. Eine weite Spirale, dann stürzte ich mich mit 200 km/h hinunter. Die Ballast-Tanks öffneten sich, und ich zog eine zischende Fahne aus Wasserdampf flach über das Moor. Hochziehen, Landeanflug, um halb fünf berührte der Discus wieder den Boden.

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Flug

Es fühlt sich gut an, wieder geflogen zu sein. Im Moment halten K.P. , Thomas mit seinem Sohn Nikolai, und ich zu dritt den neunten Rundenplatz in der Bundesliga. Damit halten wir in der Gesamtwertung Platz 2. Mal sehen, was sich morgen tun wird!

Der Link zum Flug!

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