Ein Besuch in Antersberg und ein Gewitterflug

Siebte Bundesliga-Runde. Ausgangssituation: Die letzten beiden Wochenenden hatten uns in Königsdorf einen klaren Wetter-Nachteil gegenüber dem Norden gebracht, so dass wir den ersten Tabellenplatz schnell wieder abgeben mussten. Nun auf Platz vier, lag das Wetterglück am Sonntag, dem 07.06.2009 wieder ganz auf unserer Seite: Nur der Bereich südlich der Donau war überhaupt – wenn auch teils etwas spärlich – mit Thermik gesegnet.

So machten Thomas Wolf (G2), Hans Trautenberg (SC), Wolfgang Schieck (007) und ich als „Ersatzmann“ uns auf den Weg.

Die Windenstartstrecke war vom Regen zu nass, da bekam ich gleich einmal die Gelegenheit, unsere neue Schleppmaschine D-EISD auszuprobieren. Vielen Dank Sepp!

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Die Wolkenoptik war zwar recht vielversprechend, aber trotzdem hatten wir Probleme mit dem Wegkommen. Ich musste mich aus unter 300 m über Grund mit weniger als einem Meter Steigen nach oben mogeln, aber schließlich konnte auch ich abfliegen.

Am Anfang erwischte ich eine Wolke nicht, musste einen halben Kilometer zurückfliegen, dann endlich fing mein Bundesligaflug an. Gegen den Wind nach Westen kam ich gut voran, entdeckte vor Füssen den Hangaufwind am unmittelbaren Alpenrand an den Nordwestkanten, und flog sehr viel geradeaus. Wende kurz vorm Forggensee, Ostkurs mit Rückenwind. Der Flug wurde schnell.

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Als mir im Osten die Berghänge auf Kurs ausgingen, flog ich wieder ins Flachland, um den Rückenwindschenkel unter einer Wolkenstraße zu verlängern. Ich kurbelte über Holzkirchen bis an die Basis in 2000 m Höhe und versuchte dann, nach Osten im Delphinstil zu fliegen. Dass ich hier längst hätte wenden müssen, weil die Wolken auf Kurs von Süden her aufgefressen wurden, ahnte ich nicht.

Was ich zu spät bemerkte war, dass die Wolken immer mehr zu Blindgängern wurden. Bei Bad Aibling funktionierte keiner der Aufwinde mehr, und ich begann ein Alles-Oder-Nichts-Spiel: Jetzt irgendwo tief einen guten Aufwind ziehen, mit Rückenwind kurbeln und nach Westen zurück, das wäre die optimale Bundesliga-Wende. Ohne Thermik umzudrehen war sinnlos geworden, der einzige Ausweg war der Weg voraus.

Über dem Antersberger Flugplatz glaubte ich mich gerettet, als ein Astir mir einen Bart markierte. Doch nach drei Kreisen war auch hier nichts mehr zu holen.

Eine Viertelstunde kämpften wir zu zweit, dann soffen wir beide ab.

Auf dem Flugplatz Antersberg wurde ich freundlich in Empfang genommen. Was mich am meisten erstaunte und freute: Dort kannte man sogar schon meinen Namen! Es war sehr nett, die kleine Truppe um Christoph Schwaiger kennen zu lernen. Ein Absaufer hat eben auch seine positiven Seiten.

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Aus der Winde weiterfliegen? Schnell wurde klar, das ist unmöglich. Schlagartig hatte sich aus Süden kurz vor meiner Landung eine völlig andere Luftmasse in den westlichen Chiemgau eingeschlichen, die jegliche Thermikentwicklung im Umkreis von sicher 15 km verhinderte.

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Auf dem Bild sieht man deutlich die Falle, in die ich getappt war: in diesem Blau im Westen des Platzes waren vor einer Stunde noch die schönsten Cumulanten gestanden; mit meinem Kommen hatten sie sich aufgelöst.

Die anderen drei Bundesliga-Piloten flogen gerade im Moment 50 km weiter westlich in den besten Bedingungen Schnitte um 80 km/h.

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So blieb mir nur eine Möglichkeit, der Heimschlepp. Die Antersberger Savage (ein gelbes, Piper-ähnliches UL) zog mich gegen 17 Uhr wieder gen Westen. Das Problem, welches wir alle fast schon befürchtet hatten, wurde nun ganz deutlich. Nach dem Ausklinken und einem dankenden Abschiedswort im Funk bot sich mir dieses Bild auf Heimatkurs Südwest:

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Zum Vergleich, der Blick zurück nach Nordosten von der gleichen Stelle aus:

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Dass mir nicht gerade wohl dabei war, muss ich wohl nicht dazu sagen. In so einer Situation ist man klar im Vorteil, wenn man die Nerven behält. Ich verwendete erfolgreich die F O R D E C-Denkstrategie, die in vielen Fällen Leben retten kann. Hans und Mathias hatten sie mir einige Woche zuvor noch einmal eingeschärft: Meine Außenlandung in den Bergen während des Vergleichsfliegens hätte sie auch verhindert.

Fakten: Mein Zielflugplatz im Westen gerät in einen Gewitterschauer, der sich langsam nach Nordosten bewegt. Im Funk höre ich, dass gerade eben noch Flugzeuge sicher gelandet sind. Ich steige in einem verlässlichen Aufwind und kann auch ab 5 km nördlich meines Zielplatzes auf weitere Aufwinde schließen. Hinter dem Schauer über dem Flugplatz folgt ein 10 km breites Loch, dahinter zieht der nächste Schauer. Ich habe genügend Höhe, um in sicheres Gelände abzugleiten und dort zu landen.

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Optionen:

1. Ich kann sofort absteigen, bevor der Schauer noch schlimmer wird, und nun landen, wie es die Flugzeuge im Funk getan haben.

2. Ich kann mit meiner jetzt noch großen Höhe nach Norden fliehen und im besten Wetter landen.

3. Ich kann versuchen, nördlich des Schauers die Höhe zu halten und warten, bis der Flugplatz in der Lücke zwischen den zwei Schauern frei wird, um dann rasch abzusteigen und in Königsdorf zu landen.

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Risiken und Benefits:

Zu 1: Das ist mir eindeutig zu gefährlich. Am Boden können Böenwalzen die Landung unmöglich machen, auch die Sichtverhältnisse könnten zu schlecht sein.

Zu 2: Das ist völlig ungefährlich und sicher, bedeutet aber einen großen zeitlichen und eventuell finanziellen Rückholaufwand. Die Option ist gut, aber nicht die beste, solange 3. zur Verfügung steht:

Zu 3: Das ist nur dann sicher, solange ich mir einen Exit nach Norden auf die Wiesen bei Wolfratshausen und Gelting offen lasse und aufpasse, nicht in den Schauer hinein zu geraten. Der Schauer wird in spätestens einer halben Stunde abgezogen sein und eine ruhige, sichere Luftmasse zurücklassen. Das Zeitfenster zum nächsten Schauer ist begrenzt, aber groß genug. Außerdem ermöglicht es mir das Sammeln von Flugerfahrung am Rande einer etwas extremeren Wettersituation.

Decision: Ich nehme die dritte Möglichkeit.

Execution: Vorsichtig versuche ich, mehr über die Aufwindgegebenheiten am Schauer herauszufinden. Dort, wo es noch nicht regnet, wo der Schauer aber mehr und mehr hinzieht (auf der Nordostseite der Wolken also), geht es mächtig hoch, und ich kann neben den Wolken auf 2200 m steigen. Der Schauer bewegt sich langsamer als erwartet. Inzwischen hat sich Hans vom Boden aus im Funk eingeschaltet und ich bin erleichtert: Wenn ich nun vom Boden aus gelotst werden kann, kann ich nach dem Schauer sicher landen.

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Check: Ich überprüfe und hinterfrage die Entscheidung ständig. Durch meinen großen Höhengewinn ist mir die zweite Option weiter offen geblieben, außerdem habe ich Zeit gewonnen. Auch wenn der Schauer nur langsam schwächer wird, das Landezeitfenster wird bald kommen.

Beim Spielen mit den Wolken auf der Leeseite des Schauers sind beeindruckende Bilder entstanden, die aber nicht mal einen Bruchteil der gespenstischen Stimmung wiedergeben, die in Wirklichkeit direkt neben einem Gewitterschauer herrscht.

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Den Flugplatz im Bild oben erkennt nur, wer genau weiß wo er ist.

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Dann fange ich noch an, ein paar Trudelübungen mit dem Discus zu machen.

Sobald vom Boden die Info kommt, der Regen werde schwächer und der Platz langsam wieder landbar, kann ich es verantworten, hinter den Schauer, ins Luv im Westen also, zu fliegen. Dort geht es mächtig runter, so dass ich sogar mehr Höhe verliere als mir lieb ist. Zum Glück habe ich mit dem Versuch gewartet, bis der Platz einigermaßen frei ist. Trotzdem war es eigentlich noch zu früh.

Zurück etwas nach Nordosten, Parken im Nullschieber. Jetzt ist der Platz wirklich landbar. Hans gibt mir noch den Tipp, auf die Asphaltpiste zu gehen, weil das Wasser im Gras Zentimeterhoch steht. In ganz leichtem Nieselregen fliege ich mit viel Überfahrt an, es wird eine ganz normale Landung. Am Ende der Bahn stehen schon Nikolai, Thomas und Hans, und schnell haben wir den Discus vor die Halle geschoben, eingeräumt und abgetrocknet. Danke euch!

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Wohl war mir bei diesem Flug wirklich nicht, aber ich bin froh, dass ich dies Beeindruckende erleben durfte. Froh bin ich aber auch vor allem, dass ich heil und am richtigen Ort auf den Boden zurück gekommen bin, was mir kurz nach dem Ausklinken aus Antersberg als nicht gerade selbstverständlich erschienen ist…

Die Bundesliga-Runde hat Königsdorf übrigens trotz meines erneuten Patzers gewonnen: Wolfgang, Thomas und Hans haben 20 Rundenpunkte geholt und uns auf den ersten Tabellenplatz zurückgeholt!!!

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