Segelflug-Bundesliga

Am vergangenen Wochenende vom 9. und 10. Mai war ein klassischer Fall von Bundesliga-Wetter. Das bedeutet: Für richtig große Strecken reicht´s sowieso nicht, Schauer machen die ganze Sache zusätzlich schwierig, aber geflogen wird trotzdem. Einerseits weil wir gar nicht anders können, andererseits wollen wir Königsdorfer nicht wieder Gefahr laufen aus der ersten Liga abzusteigen, was letztes Jahr fast passiert wäre.

Wie funktioniert die Segelflug-Bundesliga?

Die 1. Segelflug-Bundesliga ist ein Mannschaftswettbewerb, der von Mai bis September in Deutschland zwischen den 30 besten Vereinen ausgetragen wird. An jedem Wochenende findet eine der insgesamt 17 Runden statt. Um an Punkte zu kommen, muss jeder Pilot in einem frei gewählten, 150 Minuten langen Zeitfenster eine möglichst große Strecke zurücklegen, also eine möglichst hohe Schnittgeschwindigkeit erzielen. Die Flüge werden mit GPS-Rekordern aufgezeichnet und auf einer Internetplattform eingereicht.

Die Geschwindigkeiten der drei schnellsten Flüge pro Verein werden zusammengezählt, daraus eine Rundenwertung erstellt und die Punkte verteilt. 20 Punkte gibt es für den Rundensieger, 19 für den zweiten, und so weiter. Daraus ergibt sich dann die Bundesliga-Tabelle.

Die dritte Runde

In den ersten beiden Runden konnten wir uns durch schnelle Flüge und den neunten und vierten Rundenplatz den dritten Platz in der Tabelle erobern. An diesem Wochenende war das Wetter nun grundsätzlich nicht so gut vorhergesagt.

Am Samstag tankte ich 62 Liter Wasseballast in den Discus. Einfach so, um auch mal mit Wasser zu fliegen und um das Fliegen am Berg mit dem deutlich schwereren Flugzeug zu üben. (Runde Zahlen bringen Unglück, nämlich.)

Ich wollte mit dem Ballast nicht an die Winde gehen und machte relativ spät einen tiefen F-Schlepp über den Platz. Nach dem Ausklinken begann für mich ein einstündiger Aufenthalt in der Blauthermikhölle. Steigwerte unter 0,5 m/s, erschreckend große Flugzeugpulks, die alle auf das beste Steigen aus waren, und Operationshöhen zwischen 300 und 600 m Höhe. Keine Chance, in die Berge einzusteigen. Nach einiger Zeit kam ich dann doch noch auf 1600 m MSL und bastelte mich mit Five in die Jachenau vor. Hier merkte ich, wie gut der Discus mit Wasserballast im Gleitflug alle anderen abhängt! Während er fast außenlanden musste, konnte ich bequem den Latschenkopf anfliegen und mit fast 1,5 m/s auf 2700 m steigen.

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Doch die Tageszeit war schon so sehr vorangeschritten, dass an einen brauchbaren Bundesligaschnitt nicht mehr zu denken war. Das Wetter machte auch immer mehr zu.

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Aber, aufgeben gilt nicht, und so kämpfte ich mich über den Guffert in fürchterlichen Bedingungen nach Kufstein und zum wilden Kaiser.

Der Kaiser ging wirklich gut, aber dort waren auf engem Raum so viele Flugzeuge, dass ich schnell wieder Reißaus nehmen wollte. Das Wetter nach Osten sah traumhaft aus, aber da sich hinter mir schon Regenschauer aufbauten, traute ich mich nicht weiter und wendete.

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Die Berge wirkten auf einmal ziemlich bedrohlich und wenig einladend, aber ich genoss den Heimflug trotzdem. Nachdem ich am Sonnwendjoch nochmal kurz vor dem Regen auf 2300 m steigen konnte, flog ich noch weiter nach Westen, zunächst südlich am Regen vorbei.

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Am Soiern schließlich ging ich durch eine Lücke zwischen zwei kleineren Schauern über der Jachenau und dem Walchensee auf Heimatkurs.

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Es war zwar nur ein Bundesligaschnitt knapp unter 70 km/h (Gerd war früher gestartet und hatte im Inntal 107 km/h geflogen!), aber ein interessanter Flug von 212 km zwischen den Schauern.

Hier ist die Fluginfo.
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Der Sonntag sollte eigentlich in den Bergen noch weniger gut werden, so wie zum Glück auch im Rest der Welt. Sollte die komfortable Rundenführung, die wir am Samstag Abend durch Gerd und die beiden Christophe bekommen hatten, denn schon reichen?

Ich tankte kein Wasser, um an der Winde starten zu können. Das ist nämlich deutlich billiger. Mein Plan war, im Flachland das Maximale herauszuholen, denn dort sahen die Wolken einladend aus. Es galt, schneller als Christophs 94 km/h zu sein, um die Wertung zu verbessern.

Hans hatte für dieses Wochenende übrigens ein neues Motto für die Bundesliga: „Benni jagen“, in Anlehnung an die Runde vor zwei Wochen, wo ich zweieinhalb Stunden lang tief genug geflogen bin, um mit dem Discus 2 wirklich einmal eine Flugzeuglänge schneller als die Antares zu sein. Er hätte halt nicht so hoch steigen sollen, weil in direkter Bergnähe fast doppelt so viel Thermik geherrscht hat….:-)

Halb eins, Windenstart. Vor mir sind schon zwei Flugzeuge oben geblieben, doch mein direkter Vordermann muss nach einigen Suchkreisen wieder landen. So setze ich alles auf eine Karte (Wolke) und fliege nach dem Start direkt geradeaus weiter. Es geht mächtig runter, ich hab nur noch + 120 m bis Königsdorf auf dem Zander stehen, als der erwartete Bart mich von unten trifft. Schnell ist genügend Höhe gemacht, dass ich mich so richtig wohl fühle und Pläne schmiede.

Die Wolken im Flachland hören im Osten schnell auf, wie ich schon von hier aus sehen kann. Da kann man nicht viele Kilometer machen. Dann doch in die Berge? Ach, da ist es sowieso viel schöner! Los, ich fliege nach Südosten.

Der Einstieg klappt wie geschmiert, ich kurble hier jemanden aus, dort noch einen, und erfahre im Funk, dass Hans die gleiche Streckenentscheidung getroffen hat wie ich. Er kurbelt in der Nähe von mir.

Ich schreibe fleißig theoretische Abflugzeiten, Höhen und Steigwerte auf, um mein Bundesligazeitfenster möglichst gut berechnen zu können.

Wie aufgedreht fliege ich nun in die Tegernseer Berge, nirgends viel Zeit verlieren, von Grat zu Grat springen, es läuft gut. Denke ich zumindest. Doch was kurz gut lief, lässt mich zu optimistisch vorpreschen – südlich von Geitau finde ich mich in nur 1500 m NN wieder und habe nur noch eine einzige Option, bevor ich abdrehen und wahrscheinlich in Geitau landen müsste.

Doch die Option funktioniert, ich erwische einen guten Bart und kann sogleich zum wilden Kaiser springen. Hans hat einen ziemlich ähnlichen Fehler gemacht und gerät gerade auch in Schwierigkeiten. In den nächsten 30 Minuten werde ich ihm 40 km abnehmen. Die Kalkwände des Kaisers, der Loferer Steinberge und des steinernen Meers sind nämlich eine Stunde vor den Schauern vor lauter Energie kurz vor dem Explodieren und lassen mich die schnellsten 40 Minuten meiner bisherigen Fliegerkarriere erleben.

„Zwei Delta, Hochkönig, Zweitausendsechshundert.“ Das klingt doch so unfassbar schön, das muss gleich mal im Funk durchgesagt werden. Hans hat sich auch befreit und ist gerade am Kaiser in die steinerne Rennstrecke eingestiegen, die nun unmittelbar davor steht Schauer zu bilden und ihr Maximum an Energie in die Atmosphäre feuert. Nun hat das Bundesliga-Rennen so richtig begonnen, und Hans´ Tagesmotto, Benni jagen, bringt die Flugsituation der folgenden zwei Stunden genau auf den Punkt.

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In recht großem Abstand fliegen wir nach Osten.

Ich entscheide mich im Ennstal für die Talsüdseite und fliege dort den Hauptkamm entlang. Alles funktioniert, mir unterläuft keiner der sonst regelmäßigen kleineren Taktikfehler, und das Zusammenspiel von tiefster Konzentration und höchster Euphorie, das ich in letzter Zeit schon häufig erreichen konnte, treibt mich voran. Genau in diesem Flow, wenn mit dem Körper, dem Geist und der Technik einfach alles stimmt, liegt der Schlüssel, um wirklich schnell zu sein.

Kurz vor dem Flugplatz Niederöblarn südöstlich des Dachsteinmassivs, wende ich bei Kilometer 185 auf Königsdorf. Die Bedingungen werden etwas schwächer und ich mache mir schon Sorgen, ein paar Wolken zu weit geflogen zu sein. Ohne viel Zeit in zerrissenem Steigen verlieren zu wollen, fliege ich nun auf Westkurs und sinke schon unter 2000 m Höhe. Nahe Schladming schaffe ich es aber gleich, mit etwa 3 m/s wieder 1000 m dazu zu bekommen. So hat mich der kleine Durchhänger kaum Zeit gekostet.

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So geht es nun südlich an Zell am See vorbei. Im Funk erfahre ich, dass Hans auf den Talnordseiten noch einen drauflegen konnte: Er ist heute phantastisch schnell und hat seinen großen Rückstand fast eingeholt. Schon ist er nordöstlich hinter mir, bald genau nördlich neben mir.

Ich habe in den Tauern eine Staumauer entdeckt. Der See darüber ist allerdings sehr bemitleidenswert.

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Querab vom Gerlospaß steige ich zusammen mit einem anderen Discus 2c auf die größte Tageshöhe von fast 3500 m. Man kann in den Zillertaler Alpen Wellenwolken erkennen, weiter nördich davon bilden sich Schauer. Da die Bundesligazeit sowieso fast abgelaufen ist, entschließe ich mich, über das Zillertal heimzufliegen, um nicht vom Regen den Weg abgeschnitten zu bekommen.

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Erstaunlich, dass es erst vier Uhr ist. Der Himmel lässt den Tag dunkler und drei Stunden später erscheinen. Trotzdem habe ich noch nie in so kurzer Zeit so viele Kilometer erflogen.

Im Zillertal sehe ich Hans kurz vor mir kurbeln. Mit einer hoffentlich sehr eleganten hochgezogenen Fahrtkurve begrüße ich ihn, fliege einmal um ihn herum und tanze gleich weiter nach Norden, als ich den Aufwind nicht sofort treffe. Ich kann ihn fast grinsen sehen: „Benni Jagen“ war erflogreich.

Bundesliga-Flug aus, langsam fahre ich meine Systeme zurück, nehme das Gas aus dem Flug und schaue mir das herrliche Zillertal von oben an. Innsbruck Radar lässt mich nach Norden queren, der Weg zurück nach Deutschland ist frei. Die Höhe reicht jetzt schon bis nach Hause. Ich mache mir Musik an.

Über dem Achensee brodelt schon wieder ein Schauer. Er taucht das Gelände in ein fast unwirkliches Licht.

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Doch da muss ich jetzt durch, links und rechts von mir versperren Berge den Weg.

Wolfgang hat es erwischt, er ist 800 m unter mir mit seiner SZD 59 in den Regen gekommen und fragt im Funk, ob ich ihn eventuell mit dem Anhänger holen kann. Ich sage ihm zu, gespannt auf meine eventuell erste selbst gefahrene Rückholtour.

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Bald fängt es auch bei mir zu regnen an, und ich fühle mich gemütlich und doch unruhig.IMGP2258

Zurück im Hellen, habe ich 50 m Höhe mehr verloren, als mir lieb ist. Ein paar Kreise an den Blaubergen und der MC-Hebel am Rechner 😉 holen die alte, große Sicherheitshöhe zurück und ich zische hinaus ins Flachland.

Der Flug hat etwas über vier Stunden gedauert und etwas über 400 km gebracht. Eine Bilanz, die sich mit 105 km/h Bundesligaschnitt zumindest nicht verstecken muss vor Gerd und Hans (123 km/h, meinen uneingeschränkten Respekt!). Zu dritt haben wir den Rundensieg geholt und sind nun Tabellenführer der ersten Liga. Yeeha!

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Epilog: Wolfgang retten!

Nachdem ich gelandet bin und vor die Halle rolle, bekomme ich einen wunderbaren Empfang. Die ganze Kinderhorde von Schiecks und Wolfs tollt sich um den Discus: „Der Benni ist wieder da, der Benni ist wieder da!“ Wo warst du? Ist das weit weg? Wie hoch bist du geflogen? War es schön dort? Hast du Mike den Maulwurf dabei?

Adrian schaut mir zu, wie ich meine Ausrüstung aus dem Cockpit hole, und wirft einen argwöhnischen Blick auf den Sitz.IMGP2262

„Bist du die Müllabfuhr, oder wie?“, fragt er.

Dann darf er sich auch ins Cockpit setzen. Ich finde, da ist noch etwas Potential.IMGP2263

Kurz darauf klingelt das Telefon. Wolfgang. Er hat sich zwar noch über den Achensee drüber gekämpft, aber dann war es in Achenkirch einfach vorbei. Er ist auf der bekannten Wiese etwas südlich der Ortschaft gelandet.

Schnell werden Handynummern ausgetauscht, Wegbeschreibungen eingeholt, und seine Frau Nelia weist mich kurz in den wunderbaren VW-Bus ein. Sie muss mit den Kindern heim, deswegen darf ich fahren. Paul kommt auch noch mit. Wir hängen den blauen Anhänger an, und schon geht es los!IMGP2264

Paul und ich haben einen Heidenspaß mit dem Gespann. Vorsichtig fahre ich über teils enge Straßen, kaum schneller als 60. Sechzig PS ziehen einen riesigen alten Bus und einen riesigen neuen Flugzeuganhänger. Wenn das mal gut geht!

Und es ging gut. Langsam aber fröhlich kommen wir über den Achenpass ins Zielgebiet. Ich finde es sehr spannend, das Flugzeug zu suchen, und wir finden auch recht schnell hin. Da stehen die beiden, Wolfgang und die SZD. Und ein paar interessierte Kinder, klar!

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Dann lädt uns Wolfgang noch zum Essen ein, bevor wir uns auf in die hereingebrochene Dunkelheit machen. Ein kräftiges Tiroler Abendessen im Bauch, Gedanken an einen 400 km-Flug im Kopf, im tollsten VW-Bus den ich kenne, brausen wir drei durch die Nacht. Ich kann mir kaum etwas schöneres denken.

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