Der Morgen danach

Der Wecker klingelt. Sieben Uhr, viel zu früh, viel zu alltäglich. Ich schleppe mich mit erster, letzter Kraft ans Fenster, zerre die Vorhänge auf. Draußen veranstalten dicke Regentropfen ein Kringelwellendurcheinander auf dem Teich. Manchmal mag ich sowas, aber manchmal – Ach, ich hasse Montagmorgen.

Wie immer frühstücke ich mit fast geschlossenen Augen, steige einfach in die Jeans von gestern, werfe Block, Schreibzeug und ein, zwei zufällige Bücher in die Tasche und mir diese über die Schulter.

Irgendwie aus Prinzip, fahre ich immer mit dem Fahrrad zur Schule. Auch wenn man davon klatschnass wird, aus Prinzip. Dem grauen Wetter geschieht es ganz recht, wenn mir kalt wird.

8 Uhr, Immer noch nicht wach. Ich begrüße wahllos ein paar herumstehende Leute.

Wie immer schweife ich ab, sobald der Unterricht beginnt. In meiner Hosentasche ist irgendwas knittriges. Ich hole den Zettel hervor, falte ihn auf und lese gähnend:

Innsbruck:

Turm 120.100

Radar 119.275

ATIS 126.025

Segelflug 123.400″

Sankt Moritz, durchfährt es mich. Ich war gestern über Sankt Moritz, in 3700 m Höhe. 2/8 Cumulus mit 3 bis 4 m/s, das war ein Ding.

Fast ein Wunder, grinse ich in mich hinein und erinnere mich an den schauerlichen Samstag, als der Himmel noch fast so grau wie heute war, und die beinahe unrealistischen Prognosen für den Sonntag. Trotzdem war ich schon gegen 23 Uhr von meinem Freundeskreis wieder zum Flugplatz gefahren und hatte dort mit Nikolai und den anderen Wolfs übernachtet.

Tatsächlich sind wir im strahlenden Blau aufgestanden. Die übliche, jedesmal neue Morgenprozedur, erst Wetterbericht runterladen, dann anziehen, dann frühstücken, dann den Discus klar machen. Die 2D schaute mich erwartungsvoll an. Was wir wohl heute alles erleben würden?

Mensch, ja, denke ich mir, immer noch den Zettel anstarrend, Spanischfetzen aus dem Unterricht mitbekommend, ja und dann bin ich gestartet. In der tiefen Basis unter 2000 m nach Westen getastet, Eschenlohe, Füssen. Ein kurzer Fehler westlich von Ettal, doch dann konnte ich in anhaltend guten Bedingungen in bis zu 2800 m Höhe das Lechtal hochfliegen. Irgendwann nach Süden zum Arlberg gesprungen und ohne Kreis nach Osten zurück. Das Inntal war noch voll tiefer Wolken, so dass ich einen „Warteschenkel“ zum Wetterstein und zurück flog.

Ich sehe vor meinen Augen genau das kurze Treffen mit Oliver südlich der Zugspitze, kann noch genau den Funkspruch von Thomas hören, der aus dem Engadin 3600 m Basishöhe meldet. Damit stand für mich fest, was ich mir davor schon gewünscht hatte: Kurs Südwesten.

An den spektakulären Einstieg ins Engadin werde ich mich noch lange erinnern, nur 2600 m querab des Reschenpasses, über mir die irrsinnig hohen Berge. Ständig die Sicherheitshöhen nachrechnen, zurück nach Pfunds, vorwärts nach Scuol? Doch die Bedingungen besserten sich und ich konnte in gut über 3000 m Höhe über den Piz Nuna ins Oberengadin einsteigen. Am Ofenpass schon 3500 m, bei Samedan 3700. „Ein Traum“, gähne ich in mich hinein.

Auf meinem harten Holzstuhl kann ich sie fast nochmal spüren, die integrierten 4,7 m/s Steigen auf dem Rückweg nördlich von Innsbruck um 5 Uhr Nachmittags. Und wie ich mich dann heimgemogelt habe,  nur 2100 m am Achensee, im ganz schwachen Steigen. Der Bundesligaflug längst abgeschlossen, und immerhin: ich stieg. Schließlich an den Westhängen westlich des Sees die Höhe auf Nordkurs halten, Endanflug mit 500 m Sicherheit. Einfach schön…

„¡Benjamin, Benjamin!“ Ich fahre aus meinem Dösen heraus: „¿Qué?“ ¡Por favor, presta atención! ¿No vas a leer el texto?“ „Lo siento, sí, sí lo voy…“

„Und, was hast du gestern so gemacht?“, flüstert meine Banknachbarin kurz danach.

„Geflogen“ , brumme ich heiser.

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5 Kommentare zu “Der Morgen danach

  1. soso ein weicher bleistift, der macht nicht so aggresiv;) ein segelflugzeug aus bleistaub auf chlorfrei gebleichten papier das aus anflorakartoffeln gemacht wird, bis aufs blei also absolut umweltverträglich:D aber das sieht ja aus wie eingeparkt da fehlt ja total die dynamik, lass mal bisl wasser ab oder so;)

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