Teil 4: 1670 km in drei Tagen

Das Wetter wurde tatsächlich gut. Am Sonntag, dem 12.04.2009, kam ich mit dem Plan zum Flugplatz, erneut mit dem Discus über die 500 km- Marke zu kommen.

Beim Briefing um neun Uhr hatten wir ein richtig volles Haus: Das strahlende Wetter lockte allerlei Piloten aus dem verlängerten Winterschlaf, und die Nachbarn aus Benediktbeuern, deren Flugplatz momentan durch Erdarbeiten unbenutzbar ist, waren kurzerhand zu uns umgezogen. Mein Freund Martin, meinstens in einer DG-200 unterwegs, war auch in dem lustigen Haufen.

In den beiden Einsitzern wollten wir uns nun auch auf Kurs werfen, aber leider war Martins Maschine am Vorabend beim Abrüsten an einer Steuerstange verletzt worden.

Bei der Flugzeugvergabe wurden alle Flugzeuge, die wir hatten, belegt. Ich hatte mir die 2D gesichert, wie immer. Letztlich blieb allerdings ein Flugzeug übrig: Der Duo.

Martin sagte nichts, auch ich dachte zuerst nur kurz nach, sah Martin an, dann den Doppelsitzer, dann wieder Martin, und dann waren mir alle Standardklasse-Punkte des heutigen Tages egal. „Komm, wir holen ihn aus der Halle.“

So kam es, dass wir beide im Duo auf Strecke gingen, mit dem Ziel der 500 km im Hinterkopf.

Hier geht es zur Fluginfo.

Bilder vom Flug gibts heute mal weiter unten: Ich hab herausgefunden, wie man Slideshows bastelt.

Es war nach halb eins, als die Thermik im Flachland endlich losging. Wir starteten an der Winde und flogen in guter Blauthermik in die Berge, mit dem Ziel, zunächst den Dachstein 160 km im Osten zu erreichen.

In den Tegernseer Bergen katapultierten uns bis zu 5 m/s Steigen in den Himmel. Über den wilden Kaiser und die Leoganger Steinberge  kamen wir schnell bis ans Steinerne Meer. Dort ging es an der langen Südwand nur abwärts, so dass wir uns aus unter 2000 m wieder an einen niedrigeren Südhang retten mussten. Beim Hochkurbeln trafen wir Hans. Zusammen beschlossen wir, auf die Südseite der Alpen zu springen, da dort gute Cumuluswolken standen und hervorragende Bedingungen versprachen. So stiegen wir so hoch wir konnten und glitten vorsichtig über die eisbedeckten hohen Tauern. Ich vertraute Hans in dieser Flugphase, denn ich hatte das noch nie gemacht. Auf der Südseite sah alles ganz unbekannt und neu aus, auch wenn ich auf der Karte und im Simulator schon oft dort gewesen war. Erst nach einigen Minuten fiel mir die Orientierung leichter.

Wir flogen in zunehmend starken Flugbedingungen an Mauterndorf vorbei zum Millstätter See, dann das Drautal entlang bis Lienz. Im Gegensatz zur völlig blauen Alpennordseite gab es hier  hervorragende Wolken, die das Steigen zuverlässig markierten.

Danach entschieden wir uns, da es schon nach vier Uhr war, über den Felbertauern-Pass nach Norden zurückzugehen.

Über das Pinzgau und das Zillertal flogen wir auf Westkurs ins Inntal. Westlich von Innsbruck, es war halb sechs vorbei, wollte ich auf Heimatkurs gehen, doch Hans war sich des Wetters sicher und zog uns noch mit sich zum Venetberg, etwa 100 km südwestlich unseres Heimatflugplatzes. Die Bedingungen schwächten deutlich ab, aber noch konnten wir mit zuverlässigem Steigen rechnen.

Es war schon irgendwie absurd, als wir uns im Cockpit sagten: „Jetzt ist es nach sechs Uhr, und wir haben noch 100 km nach Hause zu fliegen. Wenn das mal gut geht.“

Am Tschirgant stiegen wir dann im letzten verlässlichen Aufwind des Tages auf 3500 m Höhe. Rein rechnerisch sollte das bis nach Hause reichen! Doch Hans, der inzwischen 10 km voraus war und zunächst meinen Plan, die Zugspitze westlich zu umfliegen, erfolgreich ausprobiert hatte, meldete einige Kilometer nördlich dieser Wand starkes Fallen und Lee-Einflüsse. Dies bestätigte: Wir haben Nordwind. Während Hans und seine Antares in immer größere Probleme gerieten und schließlich sehr tief in den Hangwind am nördlichen Soierngrat einsteigen mussten um nicht in Krün zu landen, konnten Martin und ich diese Informationen in einen optimalen Flugweg ummünzen: Wir querten den Wettersteingrat auf die Nordseite, konnten dort auf Ostkurs unsere Höhe für 5 km halten und mit bequemer Höhenreserve über den Walchensee ins Flachland hinausgleiten. In über 600 m Höhe kamen wir zuhause an.

Hans, der uns vor dem Fehler bewahrt hatte, selbst ins Lee östlich von Garmisch zu fallen, kam 15 Minuten später auch noch an. Der Nordwind hatte ihn wieder hochgetragen.

Die Bilder vom Flug:

Letztlich waren es 538 km in etwa sechseinhalb Flugstunden. Wir sind zwar wie Kraut und Rüben geflogen, aber das Sightseeing auf der Südseite war es eindeutig wert!!

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Am nächsten Tag, dem 13. April 2009, wollte ich mich dann mal wieder um DMst-Punkte kümmern. Der heutige Tag sollte sich als einer der besten im ganzen April herausstellen, denn heute war auch auf nördlich des Hauptkammes mit freundlichen Wolken zu rechnen.

Langsam liebäugelte ich auch ernsthaft mit den 600 Kilometern. Im April, das wäre schon ein Ding.

(Das Blog- Schreiben ist gerade ungeheuer schwierig, weil ich von einer riesigen, sabbernden Miezekatze belagert werde.)

Der Link zum Flug!

Ein wieder verhältnismäßig später Start kurz vor 12 Uhr Ortszeit. Eine feste Aufgabe hatte ich nicht angemeldet. Zuerst nach Osten, dann nach Westen, das war mein Plan, mit der Option, vielleicht auch auf die Südseite zu springen. Denn dort hatte ich es gestern schon ganz toll gefunden.

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Im Funk herrschte Hochstimmung. Es wurde geklagt, gejubelt, übertrieben, taktiert und gescherzt, genau wie es sich an einem Ostermontag über den Bergen eben gehört. Anhand der Funkmeldungen und der Wolkenoptik entschied ich mich für den Einstieg über den Achensee. Eine ziemlich gute Idee, denn prinzipiell brauchte ich von den Blaubergen bis zum Gerlos nicht viel zu kreisen. Erst am Gerlos begann ich kurzzeitig zu schwitzen, als ein fieses Lee mich über dem hohen Gelände unter 2500 m drückte. Zur Not wäre ich lieber ins tiefe Zillertal zurückgekehrt als weitergeflogen, doch ein anfangs schwacher, dann passabler Bart half mir mit 400 Höhenmetern.

Nun konnte ich durch den recht starken Dunst endlich ins Pinzgau sehen. Über der Nordflanke stand etwas, das wie eine Wurst aus Wasserdampf aussah. Irgendwie unnatürlich, gar nicht mehr wie Cumuluswolken. Entweder das Pinzgau geht heute überhaupt nicht, oder so richtig gut, dachte ich.

So flog ich knapp unter 3000 m Höhe unter den Anfang der Wurst, auf Ostkurs, hoping for the best.

20 Minuten später und 300 Meter höher, und noch dazu ziemlich sprachlos, überquerte ich Zell am See. Keinen Kreis hatte ich fliegen müssen, ich war genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Wenn das so gut geht hier, dann wird die Südseite sicher auch toll. Also bereitete ich mich auf die Hauptkammquerung südlich von Bad Hofgastein vor. Ich ritt den Grat nach Süden hinauf und traf auf Peter in der DG 600. Zusammen holten wir die letzten Höhenmeter für die Querung des Alpenhauptkammes.

Selbst aus 3200 m Höhe konnten wir nicht richtig sehen, welche Wolken dort im Süden standen und wie gut es dort gehen würde. Im Funk schalteten sich auch Hans und Wolfgang Hake jun. ein, die den gleichen Plan zur Querung hegten. Etwas planlos und unsicher glitten Peter und ich in Richtung Wand, in den undurchblickbaren Dunst hinein. Hans entschied sich einige Kilometer hinter mir aufgrund der Optik eindeutig zur Umkehr.

Ich dachte noch einmal nach, dann zog ich den Discus nach links tat es ihm gleich. Peter wollte es dennoch versuchen.

20 Minuten später wurde er bei Villach zur Außenlandung gezwungen. Mir wäre es auch nicht besser ergangen.

Die schnelle Planänderung ließ mich zuerst etwas ziellos weiter nach Osten fliegen und die Eislandschaft unter mir zu bewundern. Ich kurbelte noch einen Aufwind auf 3100 m, dann wandte ich mich nach Westen, was die anderen beiden schon vor 5 Minuten getan hatten.

Südlich von Zell am See sah ich zum ersten Mal in meinem Leben wilde Steinadler. Die beiden Tiere stiegen in meinen Aufwind ein und begleiteten mich mehrere Minuten lang darin.

Bis ins Inntal zurück war´s business as usual, sodass ich bald an der Nordkette war. Dort ließ mich der Fluglotse einen Umweg nördlich von Innsbruck machen, da ihm zu viele Segelflugzeuge die Waldbrand-lösch-Hubschrauber-Aktivitäten zu behindern schienen.

Dies kostete mich zwar etwa fünf Minuten, aber der gute Bart an den Arnspitzen brachte mich schnell wieder ins Rennen.

Über dem Tschirgant runzelte ich die Stirn: Hä, Regen? Tatsächlich. Es war vier Uhr und es begann zu schauern. Hans meldete 30 km weiter südwestlich, im Engadin, schon massive Schaueraktivität. Er riet mir, nicht in die Schweiz, sondern richtung Arlberg weiterzufliegen, um „trocken“ zu bleiben.

Ich find es immer super, ein neues Gelände kennen zu lernen. Also flog ich das Paznauntal hoch, um dort mehr Kilometer zu gewinnen. Die Berge hier empfand ich als noch imposanter als die im Engadin, obwohl ich sie ja eigentlich nur von der anderen Seite her sah.

Um halb fünf wendete ich am Stausee bei Galtür, bei dem das Tal zu Ende ist und der Pass nach Davos im Weg steht.

Zwar war es noch sehr früh am Abend, aber ich hatte ja auch noch fast 160 km nach Hause. Außerdem schien es im Inntal inzwischen stelleinweise ernsthafter zu regnen. Um kurz vor fünf flog ich an zwei großen Schauern vorbei über den Tschirgant. Am Vortag war ich über eine Stunde später hier gewesen!

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Ich kam nochmal auf 3100 m Höhe und sah gute Chancen, im regenfreien niedrigeren Gelände nochmals „tanken“ zu können, um meine Strecke nach Nordosten ins Flachland verlängern zu können. Dann würde vielleicht sogar noch ein FAI-Dreieck aus dem Flug!

Also flog ich in inzwischen recht sicherer Endanflughöhe an der schaurig-stimmungsvoll stehenden Zugspitze vorbei. Dabei bildete sich an meinen Flügelvorderkanten kurzzeitig sogar Eis, was ich nicht besonders lustig, dafür aber irre spannend fand.

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Die hohe Kiste schenkte mir tatsächlich noch einmal Energie bis auf 3000 m Höhe. Auch im Flachland konnte ich noch zweimal je 200 m Höhe gewinnen und hatte etwas nördlich von Königsdorf nun 1900 m Höhe über Grund zum Abgleiten.

Erst kurz vor Grünwald musste ich laut Rechner umdrehen. Nun musste zum Ausklinkpunkt am direkten Alpenrand zurück fliegen und dann noch nach Königsdorf, um dort zu landen.

43 km Gleitflug lagen vor mir.

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Schön. Einfach schön.

Ich landete um sieben Uhr, nach insgesamt 590 OLC-Kilometern und über sieben Stunden Flugzeit.  Mein FAI-Dreieck war 544 km lang geworden und brachte mir 604 Punkte für die DMst.

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Und das Wetter blieb gut. Nach acht Flugtagen mit nur zwei Pausetagen dazwischen musste ich mich dennoch im Zaum halten: Irgendwann macht das der Körper und die Psyche einfach nicht mehr mit.

Aber noch war ich fit, einmal fühlte ich mich noch fähig, auf Tour zu gehen. Dann allerdings konnte das Wetter so gut bleiben wie es wollte, es war erstmal genug.

14.04.2009

Nun wollte ich es aber wissen. Ich meldete ein 563 km langes FAI-Dreieck um den Wildkarkogel in den hohen Tauern und Zernez im Engadin an. Thomas Wolf mit seiner LS 6 würde mich begleiten und „ziehen“.

Der Link zum Flug!

Wir starteten um halb zwölf, eigentlich wieder zu spät. Herbert Weiß, der eine halbe Stunde vorher losgezogen war, sollte heute ein 700 km FAI-Dreieck um Nötsch und St.Moritz heimbringen.

In den Tegernseer Bergen hatten wir anfangs Probleme hochzukommen, ab Kufstein allerdings lief der Flug gut. Wilder Kaiser, Loferer, Steinernes Meer. Etwas nach Süden, schon waren wir an der ersten Wende. Erstaunlich fand ich, wie gut der Discus mit der 3 m größeren LS 6 im Gleitflug mithalten konnte; beim Steigen allerdings leisten deren Wölbklappen ganze Arbeit und lassen die Standardklasse in der Tiefe zurück.

An der gleichen Stelle wie am Vortag trafen wir wieder auf das Adlerpaar, das ich gestern schon gesehen hatte. Ob sie mich auch wiedererkannt haben?

Ganz klassisch übers Pinzgau ging es ins Inntal. Da wir an der Nordkette viel Zeit in schwachen Bedingungen verloren, war es bereits halb fünf, als wir endlich ins Engadin einsteigen konnten. Eine kurze Rechnung bestätigte, dass wir Zernez nicht mehr erreichen konnten, wollten wir nicht auf dem Heimweg mangels Thermik liegen bleiben. Also flogen wir nur noch bis zum Reschenpass, stiegen dort auf unglaubliche 3800 m Höhe und machten uns auf einen fast völlig problemlosen Heimweg. Und jetzt lassen wir mal wieder Bilder für sich sprechen:

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Trotz eines gescheiterten FAI-Versuches war es ein großartiger Flug, immerhin 541 km weit und wieder beinahe sieben Stunden lang.

Und dann fuhr ich heim, und schlief erstmal. Schließlich hatte ich ja eigentlich Ferien.
Auch die folgenden zwei Tage wären zum Fliegen brauchbar gewesen, aber… man soll ja aufhören, wenn´s am schönsten ist.

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