Teil 2: „Angemeldet 510 km FAI“

Der Link zum Flug!

Die Idee dazu kam mir am Abend nach dem Flug mit Jan. Nein, eigentlich ist die Idee schon älter, nämlich hatte ich mir schon nach meinem ersten und bis dahin einzigen freien 500-Kilometer-Flug im Juni 2008 Gedanken über einen vorher deklarierten (und damit 30 Prozent Punktezuschlag bringenden) 500er Dreiecksflug gemacht. Auf diesem Flug, so hatte ich mir den Plan im Herbst zurechtgelegt, könnte ich größere Dreiecke in Richtung 700 km Streckenlänge und darüber hinaus aufbauen, indem ich die beiden Wendepunkte immer weiter nach Südosten bzw. Südwesten herausschiebe und den zweiten Schenkel auf die Südseite des Alpenhauptkammes lege.

In den Wintermonaten dann hatte ich Landkarten studiert, mir jeden Talverlauf eingeprägt, die Geländehöhen und die Landemöglichkeiten mental eintrainiert, die Strecke auf Schwierigkeiten und Besonderheiten untersucht  und hatte schließlich einen Flugzeitplan vor mir liegen, anhand dessen ich den Flug rechtzeitig abbrechen konnte, wenn ich zu spät dran wäre. Im Mai, hatte ich gedacht, im Mai könnte ich es dann mal versuchen.

Doch nun war der Abend des 6. April, ich war mit Wolfram im Vereinsheim und wir schlugen gerade unser Lager zum Schlafen auf. Der Gedanke ließ mich einfach  nicht los. Der Wetterbericht sagt „mässig“, etwas besser als heute, warum also nicht versuchen? Abbrechen kannst du den Flug immer noch. Also entschied ich mich vor der großen Wandkarte im Büro für die Dreiecksstrecke Bad Tölz – Ardez (Engadin) – Bad Hofgastein – Bad Tölz. Etwa 510 km würden das sein, eine Sache von fünfeinhalb bis sechseinhalb Stunden Flug.

Dann ging ich schlafen.

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Wir standen früh auf, um die Halle auszuräumen. Auch Wolfram und Jan, der wenig später anrollte, wollten auf Strecke gehen. Ich würde es versuchen, und ich war zuversichtlich. Wer wird sich hinstellen und zweifeln, wenn er an einem hellen Frühlingsmorgen nach Süden blickt und die Aussicht auf einen ganzen Tag über den Bergen hat?

So packte ich Ausrüstung, Verpflegung und Maulwurf in die 2D und speicherte die Strecke in den Bordrechner ein. Wenn ich den Kurs heute umrunde, dann sind das über 600 Punkte, das hatte ich ausgerechnet.

Der Zeitplan, den ich sehr pessimistisch und vorsichtig gerechnet hatte, sah einen Start frühestens um 10:30 und spätestens um 11:30 Ortszeit vor. Doch die Thermik wollte nicht so recht anfangen, und mit der ersten kleinen Böe stieg ich mich mit zehn Minuten Verspätung in den Discus ein. Es war 11:45, als mich Edi mit seiner rosa Schleppmaschine in Richtung Blomberg zog. Der Zwiesel schickte zuverlässiges Steigen um 2 m/s nach oben, und schnell hatte ich genug Höhe, um meinen Abflugpunkt, das Alpamare in Tölz, wie geplant in 1800 m über dem Meer zu umrunden und die Aufgabe zu beginnen. Zurück über dem Zwiesel, verlor ich nicht viel Zeit mit Steigen, ich drängte nach Süden in die Jachenau. Mein Rückstand hinter dem Zeitplan war nun fast eine halbe Stunde. Latschenkopf, Talquerung. Südöstlich des Soiern fand ich den ersten guten Aufwind des Tages: Über 3 m/s ließen mich fast 3200 m Höhe erreichen. Der Einstieg war geschafft.

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Im Inntal sah ich einzelne Entwicklungen, so dass ich die Standardroute über die Arnspitzen, Mieminger, Tschirgant und Venet wählte.

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Es lag irrsinnig viel Schnee im Süden. Trotzdem war der Einstieg ins Engadin unproblematisch. Hans und Christoph, die ich am Venet getroffen hatte, waren auch auf Südwestkurs. Hexenkopf, Muttler, überall kamen nun kräftige Aufwinde herauf, so dass es nicht nötig war, viel zu kreisen. Schnell kamen wir gegen den Wind voran.

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Als ich am Muttler vorbeiflog, waren es nur noch 30 km bis Ardez. Vor dem Piz Linard kurbelten wir zu dritt einen starken Aufwind bis 3300 m Höhe, ich warf einen letzten Blick auf die majestätische Antares und auf Christophs Discus, die ihr Glück noch weiter im Südwesten suchten.

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24 Minuten hinter dem Zeitplan umrudete ich die vorher gesteckte GPS-Marke in Ardez und machte mich auf den Weg nach Osten –  doch nun hatte ich den Wind im Rücken.

Und wie der mich vorantrieb. Und noch dazu war ich nun so richtig eingeflogen. An Kreisen dachte ich nicht einmal im Entferntesten, als ich mit bis zu 180 km/h das Engadin herunterraste, Muttler, Hexenkopf, Venet, schon war ich wieder im Unterinntal. An den Miemingern hatte sich mein Zeitrückstand auf 6 Minuten verkürzt, seit der Wende war mein Schnitt bei fast 124 km/h. Ich nahm Funkkontakt mit Jan und Wolfram auf,  die im Osten geblieben waren und etwa 50 km vor mir den gleichen Kurs wie ich flogen. Von ihnen bekam ich nützliche Infos über das Wetter und konnte meinen Stil gut anpassen. „Euch hol ich schon noch ein“, witzelte ich im Funk.

Nordkette, Innsbruck, Achensee. Der Flug war völlig problemlos. Der Fluglotse gab mir eine Fregabe zur Querung des Inntals. Am Kellerjoch jedoch überzeugte mich das schwache Steigen nicht: Da kommt sicher noch etwas besseres. Doch wo ich auch suchte, fand ich nur Sinken. Komisch.

Plötzlich schlug ich mir auf die Stirn: Den gleichen Fehler hast du im letzten Juni auch schon gemacht. Damals hatte ich mich hier im Zillertal mit nur 1800 m Höhe herumschlagen müssen und eine halbe Stunde Zeit verloren.

Nachmittags in niedriger Höhe einen Südosthang anzufliegen, ist meistens irgendwie ziemlich dämlich. Die Sonne steht im Südwesten, der Wind kommt aus Westen, wo warst du nur mit deinen Gedanken.

Meine nur mehr 2200 m Höhe hatte ich mir selbst eingebrockt und wollte es nicht noch schlimmer machen. So querte ich auf die Ostseite des Zillertals, flog an einen einladenden Hang und kreiste in angenehmen 3,5 m/s Steigen ein. Gerettet – viel Zeit hat das nicht gekostet. 10 Minuten hinterm Zeitplan.

Querab vom Gerlos stieg ich ins Pinzgau ein. Jan und Wolfram, 20 Minuten vor mir, berichteten von keinen guten Aussichten im Osten: Große blaue Löcher, vom Schnee her gedämpfte Thermik. Aber da drüben, 110 km weiter, liegt mein Wendepunkt? Bestimmt geht der ganz prima, der Osten.

Ich versuchte, in den wirklich schwachen Aufwinden nicht viel Zeit zu verlieren und die Thermikoasen um Zell am See ohne Zeitverlust zu erreichen. Ob ich Bad Hofgastein umrunden können würde, wusste ich nicht mehr. Wolfram und Jan, in Discus 2/18 und LS 4 unterwegs, hatten gewendet und flogen mir entgehen, Kurs nach Hause. Jan war etwa so tief wie ich und es war ein beeindruckender Moment, als wir mit über 300 km/h Relativgeschwindigkeit aneinander vorbeirauschten. Als Gruß wackelten wir mit den Flügeln, dann zogen wir unserer Wege.

Jetzt war es 16 Uhr und ich hatte mich irgendwie nach Zell am See gemogelt, ohne gute Thermik. Trotzdem kam ich hoch genug an, um am Hundstein mit zwei österreichischen Flugzeugen zusammen mit über 3 m/s auf 3400 m Höhe zu steigen. Die 10 Minuten Zeitrückstand hatten sich trotz der schwachen letzten Stunde auf 10 Minuten Vorsprung ausgebaut. Auch wenn in der Nähe des Haupkammes, wo ich hinwollte, keine Wolken mehr waren: Irgendwie komm ich da schon rum.

Kurs auf den Wendepunkt, noch 30 km. Ins Blaue hinein. Thermik gab es hier, südlich des Tales, offensichtlich echt keine. Na, sehr beruhigend. Auf der Westseite des Gasteiner Tales ritt ich den Grat hinauf nach Süden, doch nirgendwo war greifbares Steigen. 2600 m. Ich müsste nur das Tal überqueren, dort ist der Wendepunkt. Ich bin gerade so noch in der Zeit, rein Rechnerisch würde ich dann noch heimkommen, aber was, wenn ich da drüben zu tief komme, um noch Anschluss nach oben zu bekommen? Hier am Ende der Welt außenzulanden wäre nicht so lustig. Soll ich, soll ich nicht? Während meiner Gedanken hatte ich das Flugzeug in einem Aufwind ohne Steigen und ohne Sinken „geparkt“ und überlegte. Mit jeder Sekunde, die ich wartete, sank die Sonne tiefer. Ich wog alles genau gegeneinander ab, kam zu keinem logischen Ergebnis.

Und dann flog ich einfach los, glitt 10 km durch unbewegte Luft und umrundete den Wendepunkt in 2600 m Höhe. Wer wird denn 10 Kilometer vor der zweiten Wende umdrehen, fragte ich mich. Jetzt nur obenbleiben, einfach heimfliegen.

Über dem Gamskarkogel schenkte mir der Westwind fast 50 m Höhe, und mehr nach Gefühl fand ich etwas weiter nordöstlich dann doch wieder etwas Thermik. Stark wars nicht, ich erreichte auch nicht einmal 3000 m, aber ich kam vorwärts. Drei solcher Aufwinde in kurzer Zeit brachten mich so weit westlich, dass ich tatsächlich eine kleine Wolke in 3100m anfliegen konnte. Mit diesem Höhenpolster erreichte ich die Nordseite des Salzachtales. Zwei hohe Wolken zogen gut, über dem Pass Thurn konnte ich über 3400 m Höhe steigen.

Mann wäre das eine Sache, wenn ich die 600 Punkte nach Hause fliegen könnte. Noch ungefähr 100 km. Aber leider, genau wie im letzten Juni, trockneten die Wolken auf Kurs überall ab und ich musste den Umweg über den Gerlospass nehmen, wo die einzigen Wolken weit und breit standen, die mich sicher heimbringen könnten. Es war schon nach fünf Uhr. Das Pinzgau schien nun weder auf der Nord- noch auf der Südseite zu funktionieren. In 2200 m Höhe schlich ich über den Pass. Der Gleitflug vom Pass Thurn hatte mich 1200 m gekostet! Nun lag es an den Westhängen des Zillertals, zu entscheiden: Komme ich heim, oder sitze ich im Inntal?

Doch das Kreuzjoch ließ mich nicht hängen. Bald fand ich unter der vorletzten Wolke, die ich sehen konnte, etwa eineinhalb Meter Steigen am Hang. Erst in engen Achten, dann in vorsichtigen Schleifen, schließlich in Kreisen ging es ein letztes Mal auf 3000 m, das genügte mir.

Ich holte die Freigabe vom Innsbrucker Controller, nach Norden zu queren, überflog den Achensee und zog meinen MP3-Player aus der Bordtasche. Die Luft war hier im Norden fast unbewegt, nur der Westwind erzeugte kurze, beruhigende Steigböen an der Ostseite des Achentals.

Die Songs, die ich hörte, waren diese:

– Andy Mckee: Rylynn

– Coldplay: Viva la Vida

– Dire Straits: Your Latest Trick

– Farin U: Unscharf

– Brand New: I will play my game beneath the spin light

– Nelly Furtado: Forca

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Das ist übrigens Delta Mike, der Maulwurf. Er ist seit über zwei Jahren mein Copilot.

Die Lichtstimmung im Endanflug war überwältigend.

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Und dann war ich da. Meine Ankunftshöhe war kontinuierlich gestiegen, so dass ich das Alpamare in über 700 m Höhe überflog und noch Zeit hatte, ein bisschen nach Norden herauszufliegen.

„Zwei Delta geht auf Platzfrequenz.“
Ich liebe diesen Satz. Man könnte genau so gut sagen: Ich hab´s geschafft, ich bin wieder zurück. Yeah.

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Sechseinhalb Stunden Flug. Einfach klasse.

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Mein Zeitplan, das hat es mir außerdem gezeigt, stimmte einigermaßen. Ich kann darauf aufbauen. Wenn die Thermik nur noch eine Stunde länger hält und ich eine Stunde früher starten kann, dann habe ich sie tatsächlich auf dem Papier, die 700 Kilometer FAI.

Langsam begann ich diese Wetterlage zu mögen. Sie schien sich fortzusetzen…

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