Von Wolke zu Wolke.

Hier meldet sich die Alpha Lima India November Alpha. Überraschenderweise wurde ich zur Co-Autorin erwählt. Dieser Ehre gebührt eine sofortige Reportage. Diese wird vermutlich recht unkonventionell ausfallen, denn vom Wetter hab ich keine Ahnung. Ebenso wenig von Thermik, Physik und Flugstrategien (gibt es die überhaupt?). Deswegen bin ich auch Co-Autorin und nicht Co-Pilotin.

Eigentlich hatten Benny und ich uns einen denkbar schlechten Tag zum Fliegen ausgesucht. Aber für ihn gibt es anscheinend kein schlechtes Flugwetter. Und ich hab ja sowieso keine Ahnung davon.

Nach einer meteorologisch sicherlich grandiosen Frühsommerwoche, war der Himmel am Morgen unseres Flugtages verhangen und grau. (Mit der Aussicht auf einen Segelflug ist es nicht sonderlich ermutigend von den aufs Dach fallenden Regentropfen geweckt zu werden.)

Wir trafen uns am Flugplatz Königsdorf. Bei, ich würde sagen, gefühlter Windstärke 8 oder 9. Abenteuerlich wirkten die zu beobachtenden Windenstarts deswegen natürlich nicht.

An den makellosen, vollkommenen, ästhetischen Tragflächen des Duo Discus erfühlte ich erneut die unfassbare Schönheit eines Flugzeugs und das grenzenlose Fernweh.

Auf, auf und davon.

Doch zunächst mussten wir uns den Duo Discus frei kämpfen. Eingekeilt lag er in mitten der anderen Flieger. So chaotisch der Blick in so eine Halle auch sein mag, faszinierenderweise berührt hier drin kein Flugzeug das andere. Schwer vorstellbar, is aber so. Jedenfalls machte uns die gefühlte Windstärke 8 oder 9 beim Abstellen der Flieger im Freien doch zu schaffen. Weggepustet, umgekippt, davongeblasen… Nein, wir haben schon aufgepasst. Die Flieger sind heil geblieben.

Duo Discus raus. Dann dieser Check, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Sieht wie folgt aus: Alina klettert ins Flugzeug, betätigt einige Hebel, während Benny das Flugzeug umkreist, hier und da ein wenig rüttelt, zieht, etc. (Immerhin weiß ich, das dieser Check gemacht wird, damit wir nicht fahrlässig vom Himmel plumpsen.)

Warteschleife. Kaum zu glauben, das so viele Fliegen wollen. Benny erklärt mir, dass wenn das Flugzeug noch nicht ganz oben angekommen ist, aber das Seil schon ausklinkt oder gar reißt, dann gäbe es einen lauten Knall und er würde ein Notverfahren einleiten. Völlig in Ordnung. Benny kann alles.

Und dann ging es los. Flieger auf die Startbahn, Fallschirme anziehen, anschnallen, Windenseil einklinken, Deckel druff, Handzeichen und… Holperdipolter – aber nur ein paar wenige zehn Meter, denn schon hob unser Flieger vom Erdboden ab.

Einfach so, hinauf gezogen. Abgehoben.

Mit einem Affenzahn in steilem Winkel direkt nach oben auf die Wolken zu. Dann, ein lauter Knall.

Hätte Benny in diesem Moment nicht gesagt, „So, wir sind oben.“ – Ich glaube ich hätte ein eingeleitetes Notverfahren erwartet.

Ich kann nicht mehr so genau sagen in welche Richtung wir geflogen sind. Ein bisschen Osten, zurück nach Westen, ein wenig nach Norden.

Fliegen ist die schönste Sache der Welt. Und wenn man hinten sitzt, kann man sich ohnehin fast nur auf die Tatsache konzentrieren, dem Kopf begreifbar zu machen, das man fliegt, ohne ihn dabei zu verlieren. Und die Aussicht genießen. Von oben, das muss mal erwähnt werden, sieht man noch nicht einmal Erhebungen in der Landschaft. Da sieht alles ganz platt aus.

In der Luft herrschte Windgeschwindigkeit 100. Ich meine natürlich, der Wind pfiff mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h. Der Duo Discus stand in der Luft. Fiel nicht herunter, flog nicht vorwärts. Stand einfach. Beeindruckend, wenn man weder vom Wetter noch von Physik den blassesten Schimmer hat.

Unser Flug kreiste im wahrsten Sinne des Wortes um ein Ziel: Aufwinde finden. Hatten wir einen, so flog Benny darin kreiselnd nach oben. Dafür gibt es sicherlich einen Fachbegriff. Aber dafür bin ich noch nicht zuständig. Auch wenn das unsere Hauptbeschäftigung war, allein schon deshalb weil wir nicht auf die Erde zurückkehren wollten, so durfte ich trotzdem auch mal fliegen.

Und zwar immer dann, wenn wir uns nach oben hatten trudeln lassen (also, wenn Benny uns nach oben geflogen hatte) und wir auf der Suche nach einem neuen geeigneten Aufwind waren.

„Jetzt darfst du mal“, kam es von vorne, „Versuch mal die Wolke da geradeaus anzufliegen. Unter jeder Wolke befindet sich ein Aufwind. Und jetzt flieg!“

Mein erster eigener Flug, von dieser Wolke zur nächsten, wand sich wie eine Schlange. Ich hatte kein Gefühl dafür, wie man Pedale (nennt man die so?) und Steuerknüppel (Fachsprache bitte, Herr Kapitän!) betätigt um ans Ziel zu kommen.

Aber ich kam an. Bei der besagten nächsten Wolke. Der Pilot übernahm wieder und ich äußerte mein absolutes Unverständnis darüber, wie er es schaffte den Flieger so perfekt geradeaus zu fliegen.

„Ist gar nicht so schwer. Du musst nur immer wieder ausgleichen. Und probier mal aus, was passiert wenn du nur Pedale oder Steuerknüppel betätigst.“

Benny, die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben, überließ mir erneut das Steuer mit der Anweisung: „Flieg mal die Wolke da vorne an. Diesen kleinen Fetzen da.“

Ich weiß jetzt schon gar nicht mehr, was ich so gravierend anders machte, jedenfalls flog ich. Und zwar ziemlich geradeaus. Mein Pilot hatte außer „Nimm die Nase unter den Horizont!“ nicht viel einzuwenden. Irgendwann erklang sein (ich bilde mir ein entzückter) Ausruf: „Ich hab schon seit 15 Minuten gar nichts mehr gemacht!“

Irgendwie lief das dann plötzlich also doch ganz gut. Wir flogen nach Osten. Wendeten über Dietramszell, überquerten Geretsried (eine von oben absolut potthässliche Stadt), erreichten sogar noch in geschätzten 400 Metern Höhe das Ufer des Starnberger Sees. Oder zumindest fast.

Von da an wurde unser Flug zu einer der schönsten Qual die ich mir vorstellen konnte. Das verzweifelte Suchen nach Aufwinden, um ja nicht landen zu müssen… Herrlich.

Schließlich, wohl oder übel, mussten wir dann doch landen, nachdem Benny mir erklärt hatte, das die Königsdorfer es nicht soooo witzig fänden, wenn man ihren Kirchturm abrasiere.

1 Stunde und 44 Minuten waren wir unterwegs.

Fügung oder Schicksal.

Unser Flugzeug kam weit vor der Halle zum stehen. Unmöglich hätten wir es gegen den Wind in sie hinein schieben können. Unmöglich. Eine willkommene, ein wenig eingeredete Unmöglichkeit.

Also: Ein zweites Mal abheben. Ein weiteres Mal kreiseln. Ein Feststellen, das einfach keine Aufwinde in der Nähe zu finden sind. Eine Landung nach acht Minuten Flugzeit, bei der Benny den Duo Discus fast direkt in der Halle geparkt hätte.

flug

Ein Hoch also auf meinen Magen, der das alles völlig ohne Murren mitmachte.

Und ein Hoch auf Benny, der sogar ein welkes Blatt im Wind steuern kann.

Fliegen. Fliegen. Fliegen.

Zum Schluss noch einmal Emily.

To make a prairie it takes a clover and one bee,

One clover, and a bee,

And Revery.

The revery alone will do,

If bees are few.

Danke Benny, nicht zuletzt für die Affäre mit der Freiheit.

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Ein Kommentar zu “Von Wolke zu Wolke.

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